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Schrecklicher Vorfall: Rehkitz verendet nach Biss von freilaufendem Hund – „das hat ein Mensch getan“

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Von: Barbara Schlotterer-Fuchs

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In der prallen Sonne fanden die Retter das ausgetrocknete Kitz mit komplett verschwollenem Gesicht.
In der prallen Sonne fanden die Retter das ausgetrocknete Kitz mit komplett verschwollenem Gesicht. © privat

Ein Hund jagt ein Rehkitz, verbeißt sich im Gesicht des hilflosen Jungtiers. Nach drei Tagen verendet das Kitz kläglich: eine traurige Geschichte, die offenbar kein Einzelfall ist.

Prem/Lechbruck - Während täglich Ehrenamtliche mit Drohnen vor der Heumahd Felder nach Rehkitzen absuchen, um diese hilflosen Geschöpfe vor dem Tod zu bewahren, gibt es offenbar uneinsichtige Hundehalter, die ihre frei laufenden Hunde auf Reh-Jagd gehen lassen. Noch immer ist der Premer Erfolgs-Autorin und Tier-Liebhaberin Nicola Förg das Entsetzen anzumerken über das, was sich quasi vor ihrer Haustür ereignet hat.

Gemeinsam mit den Rehkitzrettern Lechbruck und einer Tierärztin hat sie drei Tage lang versucht, ein offenbar von einem Hund verbissenes Rehkitz zu retten. Vergeblich. Drei Tage nach dem schrecklichen Fund am Waldrand mussten die Helfer das kleine Tier beerdigen.

Freilaufender Hund beißt Rehkitz – alle Rettungsversuche vergebens

Aber von vorne: Bei der Arbeit auf dem Feld entdecken Förg und ihr Lebensgefährte ein Kitz, das in der prallen Sonne am Waldrand steht. „Uns war klar, dass da etwas nicht in Ordnung ist.“ Der Jäger wird informiert, die Lechbrucker Kitzretterin Larissa Leis lässt eine Drohne fliegen.

Sie bergen das Tier, der Anblick ist schrecklich: Das ganze Gesicht des Kitzes ist zugeschwollen, das Tier konnte nichts mehr sehen, nichts mehr trinken. Orientierungslos und ausgetrocknet war es durch den Wald geirrt. Was mit der Mutter ist? Diese Frage kann nicht geklärt werden. Wurde auch sie gebissen? Hat die Mutter das hoffnungslose Kitz zurückgelassen?

Die Lechbrucker Tierärztin Gabi Bayrhof übernimmt die Erstversorgung des Tiers. „Es hat gefiept, es wollte trinken, es wollte unbedingt leben“, so Förg. Larissa Leis von den Rehkitzrettern Lechbruck nimmt das Tier bei sich auf dem Hof in Wagegg bei Lechbruck.

Hundebesitzer zeigen sich uneinsichtig: „Mein Hund ist kein Befehlsempfänger“

Einen Tag, bevor die Retter das Rehkitz bei Förg auf dem Hof begraben, toben zwei Labradore unangeleint durch den Premer Filz. Unbeaufsichtigt. Sicher zehn Minuten, sagt Förg. Zehn Minuten aus dem Sichtfeld des Besitzers seien viel Zeit, genug Zeit, um ein Rehkitz zu jagen und zu beißen.

Einmal mehr spielt sich das gleiche Drama ab, dass sie und ihr Lebensgefährte schon oft erlebt haben. Sie sprechen die Hundebesitzer an. Die zeigen sich - gelinde gesagt - nicht gerade einsichtig. Von „Halt’s Maul“ über „Mein Hund hat keinen Jagdtrieb“ bis hin zu „Mein Hund ist kein Befehlsempfänger“, ist Förg da schon einiges untergekommen.

„Definitiv ein Hundebiss“: Nach drei Tagen muss das Rehkitz eingeschläfert werden

Zur gleichen Zeit steht es in der Pferdebox nicht gut um das Rehkitz. Alle zwei Stunden steht Larissa Leis nachts auf, um das Kitz zu tränken. Die Medikamente wirken, das Gesicht schwillt ab. Maden haben bereits die Wunden befallen. Auch Joch- und Kieferbein sind gebrochen. Ein Todesurteil. „Das war definitiv ein Hundebiss“, sagt Leis, die selbst als Frau eines Revierjägers Ahnung von der Jagd hat. Ein Hund, erklärt sie, würde nicht tödlich beißen. Anders als ein Fuchs - der nimmt sich die Kehle vor.

An Tag drei nach dem schlimmen Fund muss das Tier eingeschläfert werden. „Das ist uns allen sehr nah gegangen, so etwas muss nicht sein“, sagt Leis. Denn: Der Tod dieses Jungtiers wurde nicht durch den Kreislauf der Natur verursacht, „das hat ein Mensch getan“.

Rehkitz von freilaufendem Hund angefallen: Der Vorfall bei Prem ist kein Einzelfall

Kein Einzelfall, wie Leis weiß. Sie spricht von 15 bis 20 Fällen im vergangenen Jahr, in denen es frei laufende Hunde auf Rehkitze abgesehen hätten. Gerade im Bereich des Feriendorfs Lechbruck sei es schlimm. Feriengäste würden ihre Hunde hier gerne ohne Rücksicht auf Verluste frei herumlaufen lassen.

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„Einmal waren wir mit der Drohne dabei, als ein Hund ein Kitz gebissen hat“, erzählt Leis. Den Hund hätten sie noch weglaufen sehen, für das Kitz kam jede Hilfe zu spät. Es war gleich tot. Auch die Polizei hätte schon Hilfe angefordert, weil sich ein Hund in einem Reh verbissen hatte und das Waldtier erschossen werden müsse.

Die Wut der Rehkitz-Retterin über uneinsichtige Hundehalter ist enorm

Die Wut bei der Kitzretterin über uneinsichtige Hundehalter ist enorm. „Wir stehen jeden Tag um drei Uhr morgens auf und suchen mit der Drohne Kitze. Und diese Idioten lassen ihre Hunde in der Brut- und Setzzeit frei laufen.“

Übrigens: Leis ist selbst Hundehalterin. Ebenso wie Förg. Sie betont: „Hier geht es um Leben und Tod.“ Jede auch noch so kleine Hunderasse sei nun mal ein Nasen-Tier, das vom Wolf abstamme - der Jagdinstinkt schlummert im Hund. Zudem könne es für ein Kitz schon ausreichen, wenn es nur gejagt würde: „Wenn ein Widerkäuer seine Widerkäuerphasen nicht einhält, dann stirbt er.“

Rehkitz stirbt nach Biss von Hund: Forderung nach Beschilderung während der Brut- und Setzzeit

Der Premer Revierjäger Günter Heißerer weiß um das Problem. „Wenn ein Hund mal zwei Meter vom Herrchen weg läuft, dann macht das nichts, aber die, die wissen, wie man wildert, die sind das Problem.“ Die Hundebesitzer mahnt er, nicht zu vergessen, dass die Kitze jetzt noch klein sind und gerade mal erst das Laufen gelernt haben.

Heißerer hat selbst einen Hund und spricht in seiner Funktion als Jäger auch immer wieder andere Hundehalter an. „Die meisten sind einsichtig“, befindet er. Aber: „Ein paar Schwarze Schafe gibt es eben immer“, sagt er und wirkt dabei ein wenig ratlos.

Nicola Förg und Larissa Leis gehen da einen Schritt weiter: Sie fordern ganz klar von den Kommunen eine Beschilderung an den Eingängen der Wälder und auf den Fluren, dass während der gesamten Brut- und Setzzeit im Wald und auf den Feldern Leinenpflicht herrscht.

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