1. tz
  2. München
  3. Region

Vor Verstümmelung und Tod durch Mäh-Traktor: Freiwillige retten über 90 Rehkitze

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Birgit Lang

Kommentare

Verzaubert werden die Retter von den Kitzen.
Verzaubert werden die Retter von den Kitzen. © Birgit Lang

Mit Drohnen, Körben und viel Fachwissen der Jäger sind 30 Freiwillige losgezogen und haben bei mehreren Einsätzen 91 Rehkitze vor dem Mähtod bewahrt.

Taufkirchen – Mitten in der Nacht aufstehen kann etwas sehr Schönes sein. Wer dem Kitzretter-Aufruf unserer Zeitung folgte und sich bei Rudi Hamberger vom Verein Kitzrettung Hegering Taufkirchen meldete, wurde dafür mit besonderen Erlebnissen belohnt. Der Jäger aus Schröding (Gemeinde Kirchberg) ist überwältigt vom Interesse der Leute, die sich vorher nicht für die Jagd interessierten, aber für die Kitzrettung zu begeistern waren.

Über 90 Rehkitze gerettet: Zahlreiche Freiwillige mit dabei

„Insgesamt riefen 50 Leute an, 30 hatten Zeit zum Ausrücken, 300 Hektar wurden mit ihnen durchsucht und dabei 91 Kitze im Gebiet des Hegering Taufkirchen gerettet“, erzählt der 63-Jährige. Viele standen mehrmals parat, wenn es ihre Zeit erlaubte. Durchschnittlich waren es pro Retter vier Einsätze.

Dabei haben sie nicht nur morgendliches Vogelgezwitscher genossen, sondern auch wunderschöne Flecken rund um Taufkirchen und im Holzland kennengelernt. Während sich vor allem die Männer für die Technik der Drohnen interessierten, mit denen man im bis zu 1,20 Meter hohen Gras nach Kitzen suchte, waren alle entzückt über jedes Rehkitz, das sich geduckt im Gras vor ihnen versteckte.

Teilweise so gut, dass man ihnen fast auf die Läufe trat und durch den lauten Angstschrei erschreckt wurde. So manche Suche blieb ohne Ergebnis. Aber so wusste man wenigstens, dass kein Bambi bei der Mahd verstümmelt oder getötet wird.

Begeistert ist Kathrin Kandlbinder von den Einsätzen als Kitzretterin. Sie ist fasziniert von der Natur und vom Jägerhandwerk und will es lernen.
Begeistert ist Kathrin Kandlbinder von den Einsätzen als Kitzretterin. Sie ist fasziniert von der Natur und vom Jägerhandwerk und will es lernen. © Birgit Lang

Vom Schüler bis zum Rentner: Helfer wollen Bambis retten

Dass den Bauern ebenfalls daran gelegen ist, erfuhren die Helfer ebenso. „Die Verpflichtung liegt bei den Landwirten. Wir dürfen vom Gesetz her keinem Wildtier Schaden zufügen“, sagt Sepp Zuhr aus Kalmhuber, der sich wie andere Kollege auch mit auf die Suche begab. Er gibt zu: „Anfangs hatte ich schon Bedenken, wenn fremde Leute auf den Hof kommen, ob es lauter Tierschützer sind. Aber es sind ganz normale Menschen, mit denen man sofort ins Gespräch kommt.“

Vom Schüler bis zum Rentner, von der Verkäuferin bis zur Vertrieblerin, vom Softwareentwickler bis zum Schauspieler war alles dabei. Ihre Hauptmotivation: Kitze retten. Aber sie lernten auch viel. „Das Wichtigste ist, was die Jäger über die Natur erzählen“, findet Markus Frege (53) aus Erding. Der Automobilkaufmann war erstaunt. „Wenn wir durch die Wiese gehen, sehen sie, wie die Geiß von außen zuschaut. Sie entdecken auch sofort das Köpfchen vom Kitz.“

„Ich hab das früher schon daheim gemacht“, erzählt Michael Paulus. Der Oberpfälzer ist Lehrer an der Taufkirchener Mittelschule, wohnt in Landshut und hat im Verwandtenkreis viele Jäger. Er hat auch schon überlegt, mit seinen Schülern zum Kitzretten zu gehen, ein paar könnte er bestimmt motivieren, meint der 36-Jährige.

„Mit oder ohne Drohne, das Laufen durch die Wiese ist furchtbar anstrengend“

Beim letzten Einsatz fand seine Gruppe sechs Rehe, die davonliefen. Ein Teil der Retter versuchte sie einzufangen, vergebens. Jedes gefundene Kitz darf nur mit Handschuhen und Gras aufgehoben und vorsichtig in die Kiste gesetzt werden. Am Wiesenrand wird es auf den Boden gesetzt. Der Korb wird drübergestülpt und mit einem Stein beschwert. Nach der Mahd werden alle Tiere freigelassen und können zu ihrer Mutter zurück. Manchmal befreit sich ein Tier vorher schon selber und die Suche beginnt von neuem.

Fasziniert von der Technik der eingesetzten Drohnen sind (v.l.) Martin Kolbinger, Sepp Zuhr und Maxi Jakasovic.
Fasziniert von der Technik der eingesetzten Drohnen sind (v.l.) Martin Kolbinger, Sepp Zuhr und Maxi Jakasovic. © Birgit Lang

„Wichtig ist der Geiß, dass das Kitz Ruhe hat“, hat Kathrin Kandlbinder gelernt. Die 40-jährige Fraunbergerin ist begeistert von dieser Aktion. „Mit oder ohne Drohne, das Laufen durch die Wiese ist furchtbar anstrengend, aber auch gleich ein bisschen Sport“, sagt sie. Schon länger liebäugelt sie damit, Jägerin zu werden, jetzt hat sich ihr Wunsch bestätigt.

Drohnen-Flieger nimmt sogar Kinder mit zur Kitzrettung

Auch Jakob Landbrecht hatte in der Zeitung von der Kitzrettung erfahren. Der 18-jährige Niederdinger hat vor ein paar Tage sein Abi mit 1,0 geschafft, Zeit für die Aktion fand er trotzdem. „Ich habe es interessant gefunden, weil mit Drohnen gearbeitet wird. Es ist eine super Sach, die Kitze zu schützen. Ich hab schon mehrere gefunden. Das ist ein super Gefühl“, sagt er.

Auch Maxi Jakasovic interessieren die Drohnen. Der Software-Entwickler genoss diese Auszeiten sehr, tauschte sich gerne mit den Drohnen-Besitzern aus und hatte einen solchen Spaß, dass er auch seine Frau Maren und die Kinder Isabella (5) und Valentin (2) mitgenommen hat.

Einer der Drohnenflieger ist der Student Martin Kolbinger (27). Sein Vater Albert war früher Geschäftsführer der Brauerei Taufkirchen und ist leidenschaftlicher Jäger. Die beiden sind ein eingespieltes Team. „90 Grad nach rechts, zwei Meter gerade aus…“ Der Sohn navigiert, die Fangquote ist bestens.

Die Kitzrettergruppe will Hamberger auf alle Fälle aufrechterhalten. Er freut sich schon auf nächstes Jahr. Und vorab gibt es zum Dank für alle ein Grillfest.

Informationen auf www.kitzrettung-taufkirchen.de

Spendenkonto bei der VR-Bank Taufkirchen-Dorfen

IBAN: DE95 7016 9566 0002 5466 63

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Erding finden Sie auf Merkur.de/Erding.

Auch interessant

Kommentare