Süle-Schock in Augsburg: Diagnose ist da 

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Tragödie in Ried

Drama in Bayern: Opa und Enkel (2) sterben bei Zugunglück - Ort im Schockzustand

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Eine Laterne, Blumen und ein Kuscheltier (nicht auf dem Bild zu sehen) erinnern an den tödlichen Unfall auf dem Bahnübergang in Ried.

Ein ganzes Dorf steht unter Schock. Ein Landwirt aus dem Kochler Ortsteil Ried und sein Enkel sind am Sonntag an einem unbeschrankten Bahnübergang von einem Zug erfasst und getötet worden.

Update vom 9. Juli, 10.45 Uhr:  Dicke, graue Wolken hängen zwei Tage nach der Tragödie fast schon symbolisch über dem Kochler Ortsteil Ried. Nahe der Gleise liegen Blumen, eine Laterne und ein Kuscheltier. Die Gegenstände erinnern daran, dass hier am Sonntag ein Landwirt und sein zweijähriger Enkel ihr Leben verloren haben. Ein Zug hatte die beiden erfasst, als sie auf einem Quad den Bahnübergang überqueren wollten.

Niemand mag sich vorstellen, welches Bild sich den Rettungskräften vor Ort geboten haben muss. Viele der Helfer brauchen nun selbst Hilfe, um das Erlebte zu verarbeiten. Speziell der Feuerwehr hilft dabei die Peer-Gruppe, die auch am Sonntag im Einsatz war. „Wir versuchen, für die Kollegen da zu sein und ihnen eine Hilfestellung zu geben“, sagt Christoph Preuss, Kreisfeuerwehrarzt und Mitglied bei den Peer (deutsch: Gleichgestellte).

In der Regel geht Preuss mit den Einsatzkräften jeden Arbeitsschritt durch, den sie im Laufe des Einsatzes abgearbeitet haben. So soll das Erlebte vom Gehirn auf einer rationalen Ebene abgespeichert werden – und nicht auf einer emotionalen. „Das ist der Trick.“ Vor diesem Hintergrund lobt Preuss die Entscheidung des Rieder Feuerwehr-Kommandanten als „sehr weise“. Wie berichtet hatte Anton Streidl beschlossen, mit seinen Männern nicht zum Unfallort zu fahren als klar war, dass die meisten den Verunglückten kannten. „Wenn man die Menschen kennt, sind viel mehr Gefühle im Spiel“, sagt Preuss. Das mache ein professionelles Arbeiten sehr schwierig.

Opa und Enkel vom Zug erfasst:  „Je jünger die Opfer, desto belastender“ 

Update vom 8. Juli 2019, 22.29 Uhr: Nach dem tödlichen Unfall am Bahnübergang in Ried verdeutlichte ein Polizeisprecher, wie belastend die Einsätze für die Rettungskräfte sind. „Solange er läuft, funktioniert man“, sagte Jürgen Thalmeier vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd. Doch später würde der Verarbeitungsprozess einsetzen. Dabei gelte: „Je jünger die Opfer, desto belastender.“

Derweil erläuterte ein Bahnsprecher zwei Lösungen, wie einzig durch Andreaskreuze kenntlich gemachte Bahnübergänge verändert werden könnten: durch einen Aus- oder einen Abbau. „Der Abbau von unbeschrankten Bahnübergängen ist die beste Lösung.“ Dagegen sperrten sich in vielen Fällen aber Gemeinden, die bei der Veränderung von Bahnübergängen ebenfalls oft mitentscheiden dürfen. Sie möchten kurze Wege erhalten.

Eine Nachrüstung mit Schranken oder Warnzeichen sei teuer. Und auch dann müsse man sich oft erst mit den Gemeinden einigen. „Die Bahn ist für mehr Sicherheit immer gesprächsbereit.“

Opa und Enkel sterben bei Bahnunglück: Bahn sieht keinen Handlungsbedarf

Update vom 8. Juli 2019, 16.30 Uhr: Auf Nachfrage spricht die Deutsche Bahn der Familie der beiden Verunglückten ihr Mitgefühl aus. „Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Handlungsbedarf sieht der Konzern aber nicht. „So tragisch dieser Unfall ist, die Verkehrsregeln sind eindeutig.“ Das Andreaskreuz vor Ort sei einem Stoppschild gleichzusetzen, wenn sich ein Zug nähert. Der Gesetzgeber trage mit dieser Vorfahrtsregelung für Schienenfahrzeuge der Physik Rechnung: „Der Bremsweg eines Zuges ist deutlich länger als der eines Straßenfahrzeugs“, sagt ein Bahnsprecher. „Auch kann ein Zug natürlich nicht ausweichen.“

Der Bahnübergang im Kochler Ortsteil Ried wird nach Angaben des Konzerns wie alle Bahnübergänge in Deutschland regelmäßig inspiziert und alle zwei Jahre begutachtet. „Bei der letzten Verkehrsschau stellten die Beteiligten fest, dass der Bahnübergang ausreichend gesichert ist.“

Unfall an Bahnübergang in Kochel:  „Alle kannten ihn, er war ein Teil des Dorfes“

Ried - Dem Kochler Bürgermeister Thomas Holz fehlen die Worte für das, was am Sonntag um kurz nach 10 Uhr am Bahnübergang im Ortsteil Ried geschehen ist. Ein 65 Jahre alter Landwirt und sein zweijähriger Enkelsohn verloren dort ihr Leben. „Wir sind alle schockiert“, sagt Holz. „Was die Familie jetzt durchmacht, ist unvorstellbar.“

Die nüchternen Fakten: An dem unbeschrankten Bahnübergang erfasst um 10.10 Uhr der Regionalzug aus München das Quad, mit dem der Mann und der Bub unterwegs waren. Das Fahrzeug wird beim Überqueren der Gleise vom Triebwagen erfasst „und von der Böschung auf eine rechts angrenzende Wiese geschleudert“, heißt es im Polizeibericht. Die Feuerwehr Ried wird um 10.13 Uhr alarmiert. Die Einsatzkräfte fahren jedoch nicht zum Unglücksort. „Als rauskam, um wen es sich handelt, haben wir an die Feuerwehr Benediktbeuern übergeben“, sagt Kommandant Anton Streidl. Trotzdem stehen die Männer unter Schock – genau, wie der Rest der Gemeinde. „Alle kannten ihn, er war ein Teil des Dorfes“, sagt Streidl mit Blick auf den Verstorbenen.

Zugunglück an Bahnübergang in Ried: Psychologische Betreuung für die Rettungskräfte

Doch auch für die Rettungskräfte, die den Mann und seinen Enkel nicht kannten, war es ein extrem belastender Einsatz. Etliche von ihnen sind selbst Väter oder Großväter von kleinen Kindern. „Viele sind traumatisiert“, sagt Stefan Kießkalt, Sprecher der Kreisbrandinspektion. Ein speziell geschultes Team betreute die rund 40 Einsatzkräfte der Feuerwehr Benediktbeuern psychologisch. Auch der Pfarrer und ein Diakon boten vor Ort ihre Unterstützung an. Neben Einsatzkräften von Landes- und Bundespolizei waren auch 25 Mitglieder des Bayerischen Roten Kreuzes mit drei Fahrzeugen und einem Rettungshubschrauber vor Ort.

Opa und Enkel sterben bei Zugunglück - Fahrgäste bleiben unverletzt

Die zehn Fahrgäste im Zug und der Zugbegleiter blieben unverletzt. „Sie wurden mit Taxis zum Bahnhof nach Kochel gebracht“, sagt Kießkalt. Ein Rettungswagen fuhr den Lokführer – ein 32 Jahre alter Mann aus dem Landkreis – ins Krankenhaus nach Bad Tölz. „Körperlich scheint er unverletzt zu sein“, sagt Steffen Wiedemann, Leiter der Kochler Polizeistation. Die Zugstrecke zwischen Bichl und Kochel blieb bis in den Nachmittag hinein gesperrt. Die Züge aus Tutzing fuhren nur bis Bichl beziehungsweise Seeshaupt und endeten dort vorzeitig. Die Bahn hatte einen provisorischen Schienenersatzverkehr mit Taxis eingerichtet. Den Sachschaden an Triebwagen und Quad schätzt die Polizei auf rund 40 000 Euro.

Zur Klärung der Unfallursache wurde nach Angaben des Kochler Polizeichefs ein Gutachter hinzugezogen. Fest steht laut Wiedemann aber: „Der Bahnübergang war ordnungsgemäß beschildert und der herannahende Zug aus großer Entfernung zu erkennen.“

Bürgermeister Holz zeigt sich schockiert von der Tragödie, die sich in seiner Gemeinde abgespielt hat. Den verstorbenen Landwirt beschreibt er als „sehr korrekten, hilfsbereiten und engagierten“ Menschen. Mit ihm verliere Kochel – vor allem Ried – eine wichtige Stütze. „Ich kann der Familie nur ganz viel Kraft wünschen und meine tief empfundene Anteilnahme aussprechen.“

Nicht der erste schwere Unfall an dem Bahnübergang in Ried

Es war nicht der erste schwere Unfall, der sich an dem unbeschrankten Bahnübergang in Ried ereignet hat. Der Feuerwehr-Kommandant Anton Streidl kann sich allein an vier erinnern. Erst im Herbst 2015 hatte ein Landwirt in seinem Traktor einen herannahenden Zug übersehen und war bei dem Zusammenstoß schwer verletzt worden (wie haben berichtet). Aus Sicht von Streidl würde es durchaus Sinn machen, das bereits bestehende Andreaskreuz durch eine Blinklichtanlage zu ergänzen, um die Sicherheit zu erhöhen. Der Kochler Polizei-Chef Steffen Wiedemann sieht das anders. „Der Übergang ist in beide Richtungen gut einsehbar.“ Dass es dennoch zu Unfällen kommt, kann sich Wiedemann nur damit erklären, dass manche Verkehrsteilnehmer die Geschwindigkeit des herannahenden Zuges unterschätzen. „Viele meinen, sie kommen noch drüber.“ Bürgermeister Thomas Holz will sich aktuell nicht zu der Thematik äußern.

Eine Tragödie hat sich am Wochenende auch auf einer Kreuzfahrt in Puerto Rico  ereignet. Ein Opa soll seine 19 Monate alte Enkelin aus einem Fenster im elften Stockwerk des Kreuzfahrtschiffes versehentlich fallen gelassen haben. Das Kleinkind kam bei dem Unfall ums Leben.

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