Klassenlos und rauchfrei: So war die S-Bahn vor 40 Jahren

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Überführungsfahrt einer 40-Jahre alten S-Bahn zum Münchner Ostbahnhof.

München - Vor 40 Jahren bekam München seine erste S-Bahn. Michael Werner, damals technischer Inspektor, erinnert sich in der tz an 1972:

Was war neu an den Zügen?

Michael Werner: Durch eine neue Steuerungstechnik fuhren sie ruckfrei an. Erstmals waren alle Achsen angetrieben. Außerdem waren die Prototypen teilweise, die Serien-Fahrzeuge komplett aus leichtem Aluminium. Dadurch erreichten die Züge viel schneller ihre Höchstgeschwindigkeit.

Über die Farbe war man sich anfangs nicht einig, oder?

Michael Werner, damals technischer Inspektor, erinnert sich in der tz an 1972.

Werner: Nein. Die drei Prototypen der Bahn waren weiß-blau, orange-weiß und weinrot-weiß. Eine Fahrgastbefragung ergab, dass die Münchner weiß-blau wollten. Viele Jahre dominierte die Farbe, bis die bundesweit einheitliche Farbe orange-weiß durchgesetzt wurde.

Wie war es möglich, nach der Olympia-Entscheidung für München 1966 in nur sechs Jahren die 120 ersten Züge zu planen, zu bauen und zuzulassen?

Werner: Damals herrschte ein Miteinander. Man hat vieles aus der Hand entschieden. Es gab kurze Wege, klare Entscheidungen ohne lange Diskussionen. Ohne systemische Strukturen ergänzte das Bahn-Fachwissen die Arbeit der Hersteller. Heute wäre so etwas nicht mehr möglich. Alleine die Zulassungsverfahren dauern heute jahrelang.

Waren die ET-420-Züge nicht komfortmäßig ein Rückschritt? Sie hatten zum Beispiel keine WCs …

Werner: Die Fahrgäste haben die Züge sehr gut angenommen. Man darf nicht vergessen, dass 1972 noch viele rumpelige Waggons aus der Vorkriegszeit rollten, die man Mitte der 50er-Jahre umgebaut hatte.

Waren die ET 420 zuverlässiger als heutige Züge?

Werner: Nein. Gerade am Anfang hatten sie viele Kinderkrankheiten. Ein Dauerproblem über 30 Jahre waren die Türen: Im Winter geriet Flugschnee in die Türtaschen. In dem extrem kalten Winter 1973 mit Temperaturen von minus 20 Grad froren viele Türen fest. Die Fahrgäste mussten teilweise über die Führerstandstüren aussteigen. Im Sommer wurde die Abwärme der Bremsen ins Wageninnere geblasen und heizte die Züge zusätzlich auf.

In der S-Bahn wurden als Novum die erste Klasse abgeschafft und das Rauchen verboten. Warum?

Werner: Die Fahrgastzahlen gingen sprunghaft in die Höhe. Während die Nichtraucherbereiche und die zweite Klasse überfüllt waren, blieben in der ersten Klasse und im Raucherbereich Plätze frei.

Interview: K.H. Dix

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