Unwetter mit Folgen

S-Bahn kollidiert mit Baum: 60 Reisende vier Stunden in Zug gefangen

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Ein Baum war dem Sturm zum Opfer und auf die Gleise gefallen.

Unendliche vier Stunden lang mussten Freitagnacht 60 Fahrgäste der S2 von München nach Erding im Zug ausharren, nachdem die S-Bahn mit einem vom Sturm gefällten Baum kollidiert war. Das Krisenmanagement der Bahn an dem von Orkanböen geprägten Abend wirft Fragen auf. Mitten in der Nacht wurde der Zug von der Feuerwehr evakuiert.

Wifling/Landkreis – Es war am Freitag gegen 21.45 Uhr, die S2 München-Erding hatte in der einbrechenden Dunkelheit zwischen Ottenhofen und St. Koloman gerade den Bahnübergang Wifling (Gemeinde Wörth) passiert, da krachte der zweigliedrige Zug gegen einen Baum, den der heftige Sturm kurz zuvor gefällt hatte. Stamm und mehrere Äste drückten die so genannte Speiseleitung gefährlich weit zum Boden hinunter. Sie führt dem Fahrdraht Strom zu. Es war der Beginn eines vierstündigen Martyriums für rund 60 Fahrgäste, darunter ältere Herrschaften, Familien mit Kindern sowie ein gerade einmal zweieinhalb Jahre alter Bub.

Der Triebwagenführer berichtet, er habe eine halbe Stunde gebraucht, bis er wusste, dass sein Zug stromfrei war und keine Gefahr bestand. Umgehend habe er das Notfallmanagement der Bahn alarmiert. Das hatte angesichts des heftigen Sturms mit Starkregen offensichtlich viel zu tun. Zu viel? Jedenfalls wurde die Integrierte Leitstelle Erding erst nach Mitternacht informiert – zweieinhalb Stunden nach dem Aufprall. Der Streckenagent der Bahn teilte nach 22 Uhr mit, dass der Streckenabschnitt gesperrt sei, die Züge bei Feldkirchen endeten und versucht werde, einen Schienenersatzverkehr aufzubauen. Die Feuerwehren Hörlkofen, Finsing und Altenerding rückten an den Bahnübergang aus. Unter den Einsatzkräften herrschte auch Rätselraten und Unverständnis, warum sie erst so spät um Hilfe gebeten wurden.

Notbatterien gaben ihren Geist auf

Einige Passagiere konnten den hinteren Treibwagen gegen 0.30 Uhr verlassen. Mit einer Motorsäge schnitt die Feuerwehr den Baum so behutsam um, dass die Leitung nicht beschädigt wurde. Plötzlich wurde es im Zug, in dem immer noch über 50 Fahrgäste ausharrten, dunkel. Die Notbatterien gaben ihren Geist auf.

Nur kurz herrschte Erleichterung, als sich herausstellte, dass die Stromabnehmer noch funktionierten. Der Plan, dass der Zug aus eigener Kraft rückwärts in den Bahnhof Ottenhofen zurückfährt, zerschlug sich dennoch. Gegen 1 Uhr ordnete der Notfallmanager in Absprache mit der Bundespolizei an der Unglücksstellean, die beiden Triebwagen zu evakuieren Daraufhin bildeten zahlreiche Feuerwehrleute eine Kette, um den Passagieren zu helfen und das Gleisbett auszuleuchten. Zunächst einmal mussten alle die gut zwei Meter zwischen Zug und Gleisbett überwinden.

Mitarbeiter der Bahn geleiteten die Gestrandeten in Gruppen zum Bahnübergang, ältere Menschen wurden geführt. Das Baby wurde von den Rettern in seinem Wagen getragen. Am Bahnübergang warteten 14 von der Bahn bestellte Taxis, um die Passagiere nach Erding zu bringen. Die Straße von Erding nach Ottenhofen war in dem Bereich komplett gesperrt.

„Plötzlich war das Licht aus“

Ein Ehepaar, das in der S-Bahn gefangen war, berichtet: „Es war schrecklich. Wir mussten stundenlang warten, plötzlich war das Licht aus. Und unsere Handys waren auch irgendwann leer“ Eine Reisende erzählt, dass das Personal im Zug sein Bestes gegeben habe. „Ärgerlich waren aber die widersprüchlichen Aussagen, wann und wie es weitergeht.“ Ein weiterer Mitreisender zeigte sich verwundert, „warum die Feuerwehr nicht schon viel früher da war?“ Im Zug habe unmittelbar nach dem Aufprall geheißen, die Feuerwehr sei verständigt. Tatsächlich ging der Alarm aber erst nach Mitternacht raus.

Der Zug wurde schließlich in den Ottenhofener Bahnhof geschleppt. Der reguläre S-Bahn-Verkehr wurde erst am Samstagmorgen wieder aufgenommen.

Das Zugunglück war die Spitze einer Vielzahl von Einsätzen, die ab Freitagabend hunderte Feuerwehrler im gesamten Landkreis die ganze Nacht über in Atem hielt. Betroffen war auch die Bahnstrecke München-Mühldorf, wo ein Zug wegen Behinderungen auf dem Gleis vorübergehend stehen bleiben musste. Besonders deutlich war das Unwetter in Dorfen zu spüren. Nach einem Brand in einem Trafo-Häuschen fiel in der Isenstadt über Stunden der Strom aus. Mit Kerzen begnügen mussten sich auch zahlreiche Haushalte unter anderem in Lappach, Ober- und Niederneuching, Wörth, Wifling und St. Wolfgang. Zwischen Eittingermoos und Stoibermühle verunglückte ein Motorradfahrer in der sturmumtosten Nacht.

Passagiere in Zug gefangen: Bilder der Rettungsaktion

Vor allem umgestürzte Bäume und dicke Äster über den Straßen sorgten für ein rekordverdächtiges Einsatzaufkommen. Betroffen waren unter anderem die Erdinger Straße in Ottenhofen, die Kreisstraße ED 23 bei Pyramoos, die ED 19 bei Eitting, die Verbindung von der Pottenau zur A92, aber auch etliche andere Straßen beispielsweise in St. Wolfgang, Wörth, Fischerhäuser, Forstern, am Bahnübergang in Hörlkofen, in Langengeisling, Finsing und Schwaig. Auch mussten einige Keller leer gepumpt werden. Die Autofahrer waren gut beraten, langsam zu fahren, denn landkreisweit waren die Straßen von Laub und Ästen bedeckt. W Gullys verstopften, kam es zu überschwemmten Fahrbahnen.

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