40-Jährige war bei beiden Anschlägen vor Ort

Sabina aus Starnberg: Sie erlebte den Terror von Paris und 9/11

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Sabina aus Starnberg war vor 14 Jahren am 11. September 2001 in New York und erlebte auch die Terroranschläge in Paris hautnah mit.

Paris - Ein erlebter Terroranschlag ist für die meisten Menschen wohl schon zu viel. Sabina (40) aus München erlebte jetzt schon zwei: Bei den Attacken in Paris und am 11. September war sie vor Ort.

Sabina Sciubba ist kein Mensch für Pathos und Übertreibung. „Ja, ironischerweise war ich ganz in der Nähe, wieder einmal“, sagt die 40-Jährige am Tag nach den Anschlägen von Paris mit fester Stimme. Das Restaurant, in dem sie mit Freunden sitzt, ist nur fünf Straßen entfernt von der Konzerthalle Bataclan, in der 100 Menschen hingerichtet werden. Unfassbar: Sabina wird zum zweiten mal Augenzeugin eines Terrorakts, der der Welt den Atem raubt. Am 11. September 2001 lebt die Frau, die am Starnberger See aufgewachsen ist, in New York!

Am Samstag erreicht die tz sie in ihrer Wohnung im Arrondissement de Panthéon, dem fünften Bezirk von Paris. Dort lebt sie mit ihrem Sohn (6) und ihrer Tochter (4) – und mit ihrem Freund. Am Abend der Anschläge ist der Babysitter organisiert und sie zieht mit Freunden los. Mit dem Auto geht es rüber über die Seine in das pulsierendste Viertel der Stadt. Es ist eine heitere Runde, gutes Essen, Wein. Das Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland interessiert nur am Rande. „Doch plötzlich gibt es erste Gerüchte von Bomben und Anschlägen“, schildert die Frau, die Musikerin und Schauspielerin ist.

Das Bataclan, der Ort des Massakers während eines Konzerts, liegt nicht weit entfernt. „Die Lage war völlig unübersichtlich“, schildert sie. Irgendwann kommt die Aufforderung, dass alle nach Hause gehen sollen. Das Viertel wird abgeriegelt. „Eine Freundin darf nicht mehr zurück in die Wohnung, die ist dann mit zu uns.“ Dort angekommen, wird bei den zahlreichen Sondersendungen klar, dass ihre Stadt gerade eine Tragödie erlebt, die die Anschläge vom Januar auf die Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt mit 17 Toten in den Schatten stellt. Sabina zeigt sich darüber gefasst und wenig verwundert. „Paris ist seitdem nicht mehr zur Ruhe gekommen. Hier hat sich etwas entladen. Und ich weiß nicht, ob das schon der Siedepunkt war“, sagt sie. Die Zustände in der „Stadt der Liebe“, in die es auch sie aus diesem Grund verschlagen hat, beschreibt sie als äußerst angespannt. „Man ist blind, wenn man das nicht sieht und die Konflikte nicht erkennt.“

Terror in Paris: Alle Nachrichten vom Montag

Viele Franzosen würden sich nach wie vor wie Kolonialherren aufspielen gegenüber den Arabern, die in Vororten leben wie in Ghettos. „Sie werden verabscheut und schlecht behandelt. Es fehlt jede Perspektive für diese Menschen“, beschreibt sie. Es sei kein Vergleich zu Deutschland. Dort seien die Einwanderer, die Türken etwa, ja Freunde. „Hier ist das ganz anders. Hier sind die Araber, Menschen aus ihren ehemaligen Kolonien, Menschen zweiter Klasse. Das sorgt für Frust.“ Zudem sieht sie den Kapitalmus, das aggressive Auftreten der Westmächte im Nahen Osten, als weiteren Grund für die Eskalation der Gewalt. In einer Stadt wie Paris, in der die Mieten explodieren, das soziale und ethnische Gefüge immer mehr auseinander driftet, ist der Nährboden für diese Gewalt besonders bereitet. „Es ist eine Irrglaube, dass sich Europa als elitäre Festung schützen und abkapseln kann von der Problemen in der Welt.“

Am Tag nach den Anschlägen macht sich Sabina auf, um ihr Auto zu holen, das in der abgeriegelten Zone steht. „Bis Mittag war die Stadt wie ausgestorben, doch dann zog wieder erstes Leben ein. Einige gingen schon wieder einkaufen“, schildert sie. „Mir war alles andere als nach Shoppen.“ Zu viele Gedanken schwirren durch ihren Kopf. Auch die Erinnerung an 9/11, den Angriff auf Amerika. 2001 lebt die Künstlerin in New York, hat dem Starnberger See, an dem sie mit ihrer Mutter aufgewachsen ist, den Rücken gekehrt. „Ich habe offenbar das Glück zu überleben“, schwirrt es ihr durch den Kopf. „Vielleicht werde ich mit etwas Abstand auch sagen: Ich bin da unfreiwillig gleich zweimal zu einer Zeugin der Geschichte geworden.“

An ihrem Lebensstil wird sie nichts ändern. „Angst ist die falsche Reaktion auf das, was da passiert ist.“ Und dennoch wird sie der Stadt bald den Rücken kehren. Die Familie zieht raus aufs Land. Billigere Mieten, besser für die Kinder. „Paris“, sagt Sabina, „ist eine gestresste Stadt.“

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