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Nach S-Bahn-Unglück bei München: Bergung trotz Sturm begonnen - zweiter Zug stellt Arbeiter vor Probleme

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Von: Andrea Kästle

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Nach dem schweren S-Bahn-Unglück bei Schäftlarn hat die Bergung der beiden Züge begonnen. Die Arbeiten finden unter erschwerten Bedingungen statt.

Schäftlarn – Am Donnerstag, 10 Uhr, hat die Bergung der beiden beschädigten S-Bahnen in Ebenhausen begonnen. Unter denkbar widrigen Bedingungen: Immer wieder regnet es, gibt es Wind-Böen, die der überaus ruhig wirkende Einsatzleiter vom Notfall-Management der Bahn, Werner Bögl, jedoch als „Lüfterl“ abtut. Mit 20 Leuten ist er seit sechs Uhr vor Ort, unterstützt wird die Bahn von Spezialfirmen, ebenfalls zunächst in der Poststraße oberhalb der Bahnlinie präsent: das Technische Hilfswerk mit 50 Leuten unter der Leitung von Andreas Frank.

Gegen 10.23 Uhr tut sich dann sichtbar für alle was – ein Drehgestell, quasi der Untersatz von einem der beschädigten Triebwerke, wird vom 120-Tonnen-Kran in die Höhe gehoben. Schaukelt dann über den ineinander verkeilten S-Bahn-Schnauzen, aus denen Schaumgummi quillt, Metall und Kunststoffteile. Jetzt macht auch Bögl zwei Fotos mit seinem Handy. Um die Zeit ist der Experte bereits seit viereinhalb Stunden auf den Beinen, zwölf seiner Leute sind von der Gerätezugmannschaft, fünf sind Mitarbeiter der Werkstatt Steinhausen.

S-Bahn-Unglück bei Schäftlarn: Langwierige Vorbereitungen zur Bergung der Züge

Gegen acht Uhr wurde derweil auf der B 11 ein neun Meter breiter, 120-Tonnen-Kran der Firma Schmidbauer in Stellung gebracht; schon in der Nacht auf Mittwoch war der Fahrdraht der Oberleitung durch Bahn-Spezialisten abgenommen worden, ein Oberleitungs-Mast, der beim Unfall beschädigt worden war, wurde aus dem Weg geschafft.

Im Lauf des Mittwochs hatte man dann das Gelände um die beschädigten Bahnen herum aufgeräumt, es waren Ausstattungssteile aus den Bahnen beim Unfall herausgeschleudert worden. Ebenfalls am Mittwoch war die Hälfte des Zugs, also die hinteren vier Wagen der Bahn, die aus München gekommen war, abgeschleppt worden nach München mit einer Diesellok. Ins S-Bahnwerk Steinhausen.

Lesen Sie hier, was in den Sekunden vor dem Unglück geschah: „Sch..., da kommt ein Zug“

S-Bahn-Unglück bei Schäftlarn: Stürmischer Donnerstag erschwert die Bedingungen

Erste große Maßnahme an diesem windigen, verregneten Donnerstag Vormittag, bei der auch Journalisten zusehen dürfen, besteht dann eben darin, eins der insgesamt zwei entgleisten Drehgestelle über die Waggons hinweg auf die B 11 zu heben. Zehn Tonnen wiegt so ein Drehgestell, innerhalb weniger Minuten ist es von der Poststraße aus schon nicht mehr zu sehen.

Jetzt kann, wieder mithilfe des Krans, die Zugspitze der Bahn, die aus München gekommen war, zurück aufs zweite noch vorhandene Drehgestell gehoben werden.

Gleichzeitig muss dieser erste Wagen auch hinten angehoben werden, auch dort hat es das Drehgestell beim Aufprall aus den Schienen gewuchtet. Bis 12 Uhr arbeiten die Beteiligten daran, den Wagen zurückzusetzen aufs Gleis. Der Plan ist dann: diese S-Bahn wegzuschleppen mit einer Diesellok, über Baierbrunn nach München.

S-Bahn-Unglück bei Schäftlarn: Schwierigkeiten beim zweiten Zug - Abtransport auf Schienen unmöglich

Ein S-Bahn-Zug besteht aus zehn Drehgestellen und 20 Achsen, die zwei Fahrzeuge mit jeweils vier Wagen tragen. Gesamtgewicht beider S-Bahnen: 112 Tonnen mal vier, gebaut worden sind sie in den Jahren 2000 bis 2005.

Knifflig wird laut Werner Bögl das, was dann kommt – nämlich die Bergung der zweiten S-Bahn, der also, die von Ebenhausen Richtung München gefahren und mit 57 Stundenkilometern in den in der Kurve stehenden Zug geknallt ist. Deren vorderer Teil, also der komplett eingedrückte Führerstand samt dem angrenzenden ersten Wagen, muss über die Straße über einen schon bereitstehenen Tieflader entsorgt werden, ein Abtransport auf Schienen: unmöglich.

Dafür muss der Wagen vom Restzug getrennt werden, mit einem Schneidbrenner. Was schwierig werden könnte, der Zug ist auf einer Seite, der zur Böschung hin, zusammengedrückt, auf der anderen Seite auseinandergezogen, „hier steckt eine Menge Spannung drin“, sagt selbst der sonst so ruhig wirkende Bögl.

S-Bahn-Unglück bei Schäftlarn: Keiner weiß, wie lange die Bergung dauern wird

Noch nicht abzuschätzen ist auch, ob der 120-Tonnen-Kran allein dann in der Lage ist, den Wagen anzuheben. Zur Not steht ein Schienenkran, der eigens aus Fulda gekommen ist, in München bereit. Dessen Tragkraft: 160 Tonnen.

Beim Anheben wiederum des 21 Meter langen, 21 Tonnen schweren ersten Wagens, des Spitzentriebkopfs, sieht Bögl keine großen Schwierigkeiten. Natürlich muss er waagrecht hängen, dafür gut ausjustiert werden, was über Traversen am Kran funktioniert. Der Rest der S-Bahn soll dann mit einem Zweiwegefahrzeug nach Ebenhausen gezogen werden.

Ob das alles noch heute zu schaffen ist, wie weit die Arbeiten erledigt werden können, kann am Vormittag noch kein Mensch sagen. Irgendwann fängt es an, zu regnen, der Wind peitscht den Einsatzkräften den Regen ins Gesicht. Angenehme Arbeitsbedingungen sehen anders aus.

S-Bahn-Unglück bei Schäftlarn: Langwierige Bergungsarbeiten mit einigen Tücken

Erstmal aber ist es noch nicht soweit. Erstmal berichtet Bögl, dass dieser Einsatz speziell ist, aber auch nicht der erste seiner Art. Vergleichbares habe man schon einmal in Neufahrn beim Flughafen geleistet, auch in München mussten schon schadhafte S-Bahnen in komplizierten Manövern geborgen werden.

Bögl schätzt, dass der Gleiskörper auf einer Länge von 200 Metern verbogen sein könnte. Wie lang es dauert, die Gleise zu richten, die Reparaturen an Schwellen, Schotter und Oberleitungen auszuführen, kann auch er nicht sagen. Um 12 Uhr dauern die Vorbereitungen dafür, den ersten Wagen der S-Bahn aus München auf ihr Drehgestell zu setzen, noch an. Um 12.30 Uhr sind die beiden S-Bahnen endlich voneinander getrennt. Die Bahn. die Richtung Wolfratshausen fahren sollte, hängt bereits am Kran und wird auf die Drehgestelle gehievt.

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