Polizei will Gehbehindertem nicht helfen

Schongau - Schwere Vorwürfe gegen Schongaus Polizei: Ein gehbehinderter Mann ist nachts zu Fuß auf der B17 bei Steingaden unterwegs, wird fast überfahren - und die Polizei kümmert es nicht.

„Die Polizei, dein Freund und Helfer“ - daran mag Andreas Kästl nicht mehr so recht glauben. „Da heißt es immer ,Augen auf‘ und Zivilcourage zeigen - und die Polizei macht die Augen zu“, schimpft der 34-jährige Peitinger und schildert ein Erlebnis, das sich am 3. Dezember zugetragen hat. An jenem Tag ist Kästl mit dem Auto von Peiting nach Prem zur standesamtlichen Trauung eines Bekannten unterwegs. Es ist später Nachmittag, die Dämmerung hat bereits eingesetzt. Kurz vor Steingaden bemerkt Kästl auf einmal eine Person am Straßenrand und etwas weiter zwei Autos mit Warnblinkanlagen. „Da ist ein Unfall passiert“, denkt sich der Peitinger und hält sein Auto an.

Auch einer 44-jährigen Frau aus Peiting ist die unsicher gehende Person auf der B 17 aufgefallen. Ihr erster Gedanke: Bei Gegenverkehr kann es für einen Fußgänger auf der Fahrbahn gefährlich werden. Zusammen mit Kästl trifft sie dann den Fußgänger an, der offensichtlich gehbehindert und stark unterkühlt ist. Der Unbekannte zittert jedenfalls vor Kälte (bei einer Temperatur um acht Grad minus). Sehr gesprächig zeigt er sich nicht. Aus ihm ist nur soviel herauszubekommen, dass er von Steingaden zu Fuß nach Schongau gehen will - bei Dunkelheit ein zu gefährliches Unterfangen, so die Einschätzung der Passanten, die deshalb die Polizei in Schongau verständigen.

Doch die kommt nicht - auch nicht nach einer Stunde. Deshalb ruft die 44-jährige Peitingerin noch einmal die Polizei in Schongau an. Auch Andreas Kästl schaltet sich in dieses Gespräch ein und spricht mit einem Polizeibeamten. Der Fußgänger sei bekannt, der lasse sich nicht helfen, soll der Polizist geantwortet haben. Und überhaupt sei Spazierengehen in der Nacht nicht verboten.

Von dieser Antwort sind die beiden Peitinger schockiert. „Den gehbehinderten Mann kann man doch nicht seinem Schicksal überlassen“, sind sich Kästl und die 44-Jährige einig. Weil man mit dem Unbekannten kaum reden kann, hat man sich seiner Visitenkarte bedient. Da steht eine Telefonnummer drauf. Dort meldet sich ein Angehöriger, der aus Schongau anreist und den Fußgänger abholt.

„Wir hätten besser gleich den Sanka gerufen und nicht die Polizei“, sagt die 44-jährige Peitingerin im Nachhinein. Sie spricht - wie auch Kästl - von einem „Fehlverhalten“ der Polizei.

Schongaus Polizei-Chef Rudolf Fischer bestätigt den Fall. „Wir kennen den Mann, den haben wir schon ein paar Mal nach Hause gefahren, aber der möchte das nicht“, klärt Fischer auf. Laut Artikel 17 des Polizeiaufgabengesetzes dürfe man eine Person, die bei klarem Verstand ist, nicht so ohne weiteres gegen deren Willen in Gewahrsam nehmen. Dennoch hält es der Schongauer Polizei-Chef für richtig, wenn Leute die Augen offen halten und - wie in diesem Fall - die Polizei verständigen. Möglicherweise habe die Wortwahl dazu beigetragen, dass es zu Missverständnissen gekommen sei.

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