Schreckliche Begegnungen am Unfallort

Feuerwehrler trifft auf seine schwerverletzte Mutter

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In diesem zerstörten Fahrzeug saß die Mutter (54) eines Aßlinger Feuerwehrmannes, der an den Unfallort geeilt war.

Aßling - Einsatzkräfte erleben bei Autounfällen oft grausame Szenen. Noch schlimmer, wenn man zum Unfallort kommt und dort auf Angehörige trifft, die schwer verletzt sind oder gerade um ihr Leben kämpfen. Bei einem Unfall bei Aßling war das gleich zweimal so.

Wie muss man sich als junger Feuerwehrmann fühlen, wenn man auf dem Weg zum Unfallort realisiert: „Das Auto kenn’ ich. Das ist das von meiner Mutter.“Bei dem schweren Unfall am Mittwoch zwischen Aßling und Straußdorf ist es so gewesen. Was anschließend in einem vorgeht, weiß niemand genau. Die Feuerwehrmänner wissen aber eines: Der Kamerad muss reden. Nach dem Einsatz kann er im Feuerwehrhaus alles loswerden, was ihm durch den Kopf geht. Die Feuerwehrmänner hören ihm zu, sprechen mit ihm, trösten ihn.

„Das ist bei den Feuerwehren seit 40, 50 Jahren schon so. Stressbewältigung und Einsatznachsorge heißt das bei uns“, bestätigt der Ebersberger Kommandant Uli Proske die bewährte Praxis. „Schlimmer ist das für die Rettungskräfte. Die müssen unter Umständen gleich zum nächsten Einsatz.“

Zu dem Unfall in Aßling wurde der Rettungsdienst aus Vaterstetten gerufen. Im Dienst eine erfahrene Kraft. „Der spielt in seinem Job in der Champions-League“, sagen die Feuerwehrmänner anerkennend. Auch er realisiert sofort: Bei den Unfallopfern in dem zweiten, total demolierten Auto handelt es sich um seine Frau (39) und seinen Sohn (13).

Bilder: Unfall auf regennasser Fahrbahn

„In so einem Fall wird einer sofort aus dem Dienst genommen“, informiert Gerd Müller von der BRK-Einsatzzentrale. Der Retter konnte seine schwer verletzte Frau deshalb ins Krankenhaus begleiten, der ebenfalls verletzte Sohn wurde betreut. „Um den hat sich das Kriseninterventions-team gekümmert“, bestätigt Müller. Er bestätigt aber auch, dass nach schweren Einsätzen die Rettungskräfte oft nicht besonders betreut werden könnten. „Das ist das Harte bei uns, dass der nächste Einsatz schon da ist.“ Andererseits, so sagt Müller, kämen die Kollegen durch das neue Einsatzgeschehen auch „auf andere Gedanken“. Die Personalknappheit spiele ebenfalls eine Rolle. „Da hätte ich die Leute gar nicht dafür.“ Nach einer langen Nacht kam am Donnerstagvormittag von der Polizei Ebersberg die gute Nachricht: „Die Schwerverletzte ist außer Lebensgefahr. Die Frau (54) ist über den Berg.“ Auch für die Polizisten ist so ein Unfallgeschehen eine Belastung. Die meisten nehmen die Eindrücke nach Dienstschluss mit nachhause. Routine wird das nicht. Alte Polizeibeamte könne sich oft noch im Ruhestand an jedes Detail eines besonders schrecklichen Unfalls erinnern, den sie aufnehmen mussten.

Matthias Holzbauer ist Feuerwehrseelsorger für die Einsatzkräfte im Landkreis Ebersberg. Er hilft auf Anfrage, „wenn einer Belastungssymptome bei sich feststellt. Man versucht dann, dass man dem Betroffenen in seiner Situation begleitet und ihm eine qualifizierte Beratung zur Verfügung stellt.“ Im Durchschnitt betreue er so ein bis zwei Personen im Monat. In Ebersberg habe er das zwar noch nicht erlebt, er wisse aber aus anderen Landkreisen, dass so ein einschneidendes Erlebnis einen Feuerwehrmann dazu bringen kann, ganz aufzuhören. „Das ist oft ein stiller Auszug. Da gibt es mit Sicherheit eine Dunkelziffer“, sagt der Seelsorger. Auch der Grafinger Stadtpfarrer Herrmann Schlicker engagiert sich ehrenamtlich für die Einsatznachsorge. „Was wir zur Zeit aufbauen, ist eine Notfallseelsorge zusammen mit dem Kriseninterventionsteam“, informiert er. Wichtig sei, dass man in so einem Fall die Angehörigen „von dem Schreckensort schnell wegbringt. Man hilft im Einsatz Menschen, aber in so einem Fall ist das besonders schlimm“, sagt Holzbauer.

Michael Seeholzer

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