Das schreckliche Schicksal einer Mutter (57)

"Hier wurden meine Söhne überfahren"

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Mutter Helga Aichinger und ihr Sohn Hermann stehen an der Stelle, wo beide Brüder überfahren wurden. Seit dem Unfall hat Hermann drei Nägel in der Schulter.

Grüneck / Freising - Wie viele Schicksalsschläge kann ein Mensch ertragen? Helga Aichinger (57) hat sich diese Frage unzählige Male gestellt. Tags, nachts – immer wieder.

Elf Jahre ist es nun her, dass der Frau aus Grüneck bei Freising das widerfuhr, was jede Mutter mehr als alles andere fürchtet: Sie verlor eines ihrer Kinder. An einer gefährlichen Kreuzung mitten im Ort wurde ihr Gerhard (26) totgefahren. „Es war der Tag, an dem ein Teil von mir starb“, sagt die 57-Jährige heute. Und es war der Beginn eines Kampfes: Jahrelang forderte Helga Aichinger, dass an der Straße eine lebensrettende Ampel installiert wird (tz berichtete). „Damit niemand erleben muss, was ich durchgemacht habe.“ Unterschriften sammelte die Mutter, sprach mit Politikern. Alles vergebens. Und nun geschah an eben jener Kreuzung das Unfassbare: Helga Aichingers zweiter Sohn Hermann (39) wurde von einem Auto überfahren – nur zwei Meter von der Stelle entfernt, an der sein Bruder starb.

„Wahnsinn“, sagt die Grün­eckerin mit zitternder Stimme. „Diese Straße ist wie ein Fluch für uns. Ich kann nur froh sein, dass mein zweiter Bub den Unfall überlebt hat. Wie viel muss denn noch passieren?“ Fakt ist: Über die letzten Jahre krachte es immer wieder an der Stelle, erst vor Kurzem wurde ein elfjähriges Mädchen dort schwer verletzt. Das Problem: Die Kreuzung ist nur wenige Meter vom Ortseingang entfernt. Heißt: Kaum ein Autofahrer fährt hier mit den vorgeschriebenen 50 Stundenkilometern, viele sind schneller dran.

Eine Tatsache, die Sohn Gerhard zum Verhängnis wurde. Es ist der 28. Oktober 2002: Der junge Mann will mit dem Radl zu seiner Arbeitsstelle – dabei muss er auch über die Neufahrner Straße. Gerhard passt eine Sekunde nicht auf, ein Auto erfasst ihn und schleudert den 26-Jährigen in den Graben. Mit schwersten inneren Verletzungen kommt er ins Krankenhaus. Zwei Tage später stirbt er dort. „Das war der schlimmste Tag in meinem Leben“, sagt Helga Aichinger.

Ein Albtraum, den die Mutter elf Jahre später wieder durchleben muss. Es ist zehn Uhr vormittags, als ihr Sohn Hermann an der tödlichen Kreuzung mit seinem Rad stoppt. Auch er will nach Neufahrn. „Ich habe an der Stelle oft an meinen toten Bruder gedacht. Wie er dort starb.“ Nur an diesem Tag ist Hermann mit anderen Gedanken beschäftigt – mit fatalen Folgen. „Als ich die Straße überqueren wollte, versperrte mir ein Lastwagen nach rechts hin die Sicht.“ Ein BMW rast heran, erfasst ihn. Der 39-Jährige kracht mit voller Wucht in die Windschutzscheibe. „Dann wurde alles um mich rum schwarz.“ Mit einer mehrfach gebrochenen Schulter, einem Schambeinbruch, schwersten Prellungen und Quetschungen kommt der Bäcker ins Krankenhaus. Zigmal wird er operiert. „Ich habe noch immer drei Nägel in der Schulter“, sagt der Grünecker und zeigt seine Narben. Weil er die Schuld an dem Unfall trägt, muss er den Schaden am BMW bezahlen: 13 000 Euro. „Ich weiß gar nicht, wo ich das Geld hernehmen soll.“ Die Familie hat nun einen Kredit bei der Bank aufgenommen.

„Es ist, als ob diese Straße meine Familie vollends zerstören will“, sagt Helga Aichinger. Warum es noch immer keine Ampel an der Todes-Kreuzung gibt, wird sie nie verstehen. Die Argumente des Landratsamtes und der Gemeinde sind immer dieselben: Eine Ampel hätte möglicherweise zur Folge, dass diese bei großem Verkehrsaufkommen von den Autofahrern übersehen wird. Die Folge wären noch mehr schlimme Unfälle. Helga Aichinger kann da nur den Kopf schütteln: „Da stellt sich nur die Frage, wen es als nächstes erwischt.“

Armin Geier

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