Schwere Fehler bei Geburt: Hebamme (81) soll 800.000 Euro zahlen

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Im Kreißsaal der Kreisklinik bahnte sich am 7. April 1997 um 16.15 Uhr eine Katastrophe an. Die Geschehnisse beschäftigen seit Donnerstag das Oberlandesgericht.

Wolfratshausen - Bei der Geburt von Lukas 1997 in der Wolfratshauser Kreisklinik geschahen schwere Fehler. Der Bub wurde dadurch zum Pflegefall und starb mit nur elf Jahren. Nun soll die Hebamme mehr als 800.000 Euro Schadensersatz bezahlen.

Der Kreißsaal der Kreisklinik Wolfratshausen am 7. April 1997: Eine werdende Mutter liegt in den Wehen, eine Katastrophe bahnt sich an. Um 16.15 Uhr fallen die Herztöne des Kindes ab, doch die Hebamme ruft erst um 18 Uhr den Arzt. Als der kommt, bessert sich der Zustand des Kindes. Doch nur für eine halbe Stunde, dann geht es wieder rapide bergab. Um 18.50 Uhr sind kaum noch Herztöne messbar, es geht um Minuten. Doch erst eine Stunde später holt der Arzt das Baby per Kaiserschnitt auf die Welt. Zu spät, viel zu spät. Das kleine Gehirn des neugeborenen Lukas ist durch den Sauerstoffmangel so stark geschädigt, dass der Bub bis zu seinem Tod elf Jahre später ein Pflegefall bleibt.

So pietätlos es klingt: Das kostete die Versicherung des Mediziners viel Geld. 240.000 Euro bezahlte die Haftpflichtversicherung des beteiligten Arztes an die Eltern von Lukas, weitere 600.000 Euro für die Pflege des Kindes. Dieses Geld will sie sich nun zurückholen. Und zwar von der Hebamme. Die ist heute 81 Jahre alt. 2007, als die schrecklichen Fehler bei der Geburt passierten, war sie schon im Ruhestand - und nicht mehr berufshaftpflichtversichert. Trotzdem soll sie jetzt mehr als 800.000 Euro zahlen, weil sie den Arzt nicht rechtzeitig geholt haben soll.

Vor dem Landgericht verlor die Seniorin aus Geretsried das Verfahren, nun muss das Oberlandesgericht entscheiden. „Der Doktor hat mich angerufen, weil die Patientin nach mir gefragt hat“, antwortete die 81-Jährige auf die Frage der Vorsitzenden Richterin, warum sie als Ruheständlerin bei Lukas Geburt überhaupt dabei war. Dass im Kreißsaal gravierende Fehler passierten, bestritt sie nicht. Wohl aber, dass sie die alleinige Verantwortung dafür trägt. Es sei ein grober Fehler gewesen, dass sie nicht gleich um 16.15 Uhr den Arzt gerufen hat, stellte der Sachverständige, ein Gynäkologe aus dem Krankenhaus Agatharied, fest. Allerdings gehöre es zu den Pflichten eines Facharztes, sich den Geburtsverlauf anzuschauen, wenn die Herztöne sinken, und bei Problemen schnell zu reagieren. Beim nächsten Termin will das Gericht nun den Arzt erklären lassen, warum er die Alleinschuld bei der Hebamme sieht. Es legte dem Anwalt der klagenden Versicherung nahe, über einen Vergleich mit der Seniorin nachzudenken: „Aus meiner Sicht haben Arzt und Hebamme Fehler gemacht“, fasste die Richterin zusammen. Für die 81-Jährige könnte das Verfahren dramatisch enden: Verliert sie vor Gericht, droht ihr der Verlust ihres Wohnhauses in Geretsried, obwohl sie es vor zehn Jahren ihrer Tochter schenkte. Die Versicherung will diese Schenkung anfechten.

von Susanne Sasse

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