Nachbarn beschweren sich bei Landratsamt

Schwerstkranke unerwünscht

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Renate Kannamüller-Scholz, hier mit Pflegerin Andrea Unverricht, fühlt sich seit Jahren sehr wohl in der Pflege-WG. Dass die Nachbarn die Einrichtung so massiv ablehnen, findet sie „unverschämt und sehr traurig“.

Ottobrunn – Das Klicken medizinischer Geräte, der Anblick der Patienten und gar Leichenwagen vor der Tür: Davon fühlen sich Nachbarn einer Pflege-WG in Ottobrunn belästigt. Mit einer Beschwerde beim Landratsamt hoffen sie, dass die Einrichtung wegziehen muss. Die Patienten sind fassungslos.

Schon unzählige Male haben Jovan Dimitrijevic (44) und Snezana Conic (43) den Beschwerdebrief der Anwohner an das Landratsamt gelesen, und noch immer können sie es nicht fassen, was sie da lesen. Die Geschäftsführer der Feromedik-Pflege-Wohngemeinschaft in Ottobrunn (Kreis München) sind bestürzt über „so wenig Toleranz und Mitgefühl“. Von einer „erheblichen Belästigung der Anwohner“ ist da die Rede, unterschrieben von 17 Betroffenen, die in der ruhigen Atriumsiedlung leben.

Sie beklagen vor allem, dass der Gehweg, der als einziger Weg zu den Anwesen führt, von den Lieferdiensten der Pflege-WG benutzt wird. Essen auf Rädern, Ärzte, Medikamenten-Lieferungen oder sogar Leichenwagen sind ihnen ein Dorn im Auge. Kinder seien beim Spielen in Gefahr. Auch psychisch sei das eine Zumutung. „Dabei war der Leichenwagen nur ein einziges Mal bisher hier und Essen auf Rädern hält maximal für zwei Minuten“, wehrt sich Dimitrijevic.

Die Geschäftsführer der Pflege-WG Snezana Conic und Jovan Dimitrijevic vor dem Bungalow.

Eine direkte Nachbarin schreibt: „Wie viel Beeinträchtigung durch die lebenserhaltenden klickenden Maschinen, das laute Gespräch der Schwestern mit den Patienten, den Wertverlust unserer Immobilie und durch die psychischen Belastungen sollen wir noch hinnehmen?“ Diese Nachbarin sei es auch gewesen, erzählt Pflegerin Andrea Unverricht (30), die ihr sagte, dass sie es nicht erträgt, in ihrem Garten zu sitzen und nicht zu wissen, ob die Menschen da drüben überhaupt noch leben. „Die denken alle, das hier ist ein Hospiz, eine Warteschleife zum Sterben“, empört sich die 30-Jährige. Sie ist fest davon überzeugt: „Die wollen uns weghaben, weil sie nicht mit Tod oder Krankheit konfrontiert werden wollen.“

Seit drei Jahren gibt es die Pflege-WG in einem ebenerdigen Bungalow. Vor kurzem hat der Intensivpflegedienst einen zweiten Bungalow direkt nebenan gemietet. Insgesamt sechs Bewohner unterschiedlichen Alters leben hier wie in einer Wohngemeinschaft zusammen und werden ambulant von Pflegern betreut. Sie alle müssen heimbeatmet werden und haben meist schwere Schicksalsschläge hinter sich, die sie zu Intensivpatienten gemacht haben. In dem Häuschen mit Garten sollen sie sich wohlfühlen und Geborgenheit in der Gemeinschaft finden. „Es ist nichts anderes, als wenn jemand daheim betreut wird“, erklärt Dimitrijevic.

Doch genau das zweifeln die Anwohner an und behaupten, die Pflege-WG sei ein gewerbliches Unternehmen und habe nichts mit Wohnen zu tun. „Das ist Unsinn, die Bewohner haben das Hausrecht. Ihre Zimmer können sie selbst gestalten, jeder hat einen eigenen Mietvertrag und der Pflegedienst hat in der Wohngemeinschaft nur Gaststatus“, erklärt Aribert Wolf, Rechtsanwalt des Unternehmens. Er sieht diese Anschuldigung nur als Vorwand, um die eigentlichen Befindlichkeiten hinter einer angeblichen rechtswidrigen Nutzung zu verstecken.

Die Abteilung „Besondere soziale Angelegenheiten“ des Landratsamtes hat die Wohngemeinschaft damals eindeutig als „Ambulant betreute Wohngemeinschaft“ eingestuft. „Dieser Status wurde auch nach einer unangemeldeten Prüfung im Mai 2011 beibehalten“, sagt Wolf. Nachrüsten musste die Pflege-WG jetzt nur in Sachen Brandschutz durch eine Gesetzesänderung. Mit den Details der Beschwerden will Geschäftsführer Dimitrijevic die Bewohner nicht belasten: „Es wäre zu verletzend.“ Schon mehrmals habe er das Gespräch mit den Nachbarn gesucht. Doch die Anfeindungen nehmen kein Ende. „Es ist eine Schande, dass die Bewohner hier wie Aussätzige behandelt werden“, ärgert sich der Geschäftsführer. Und noch nicht einer der Nachbarn habe jemals das Angebot angenommen, sich die Pflege-WG einmal von innen anzusehen.

Patricia Kania

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