Garchinger lag im Clinch mit Nachbarn

Nach SEK-Einsatz: Mehr Details über Reichsbürger werden bekannt

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Ein massives Aufgebot an Einsatzkräften war am Dienstag am Mühlfeldweg in Garching vor Ort. 

Am Tag nach dem SEK-Einsatz in Garching werden immer mehr Details über den Reichsbürger bekannt. Der 43-Jährige war ausländerfeindlich und lag im Clinch mit den Nachbarn.

Garching – Spätestens, als die schwarz-weiß-rote Reichsflagge an seinem Balkon baumelte, wussten auch die letzten Nachbarn, wer mit ihnen in der Wohnanlage lebt. In der Folge sei die Eigentümergemeinschaft mithilfe eines Anwalts gegen den 43-Jährigen aus dem Mühlfeldweg vorgegangen, berichtet einer der Bewohner. Mit Erfolg. Weil das Anbringen einer solchen Fahne dem Plazet der Nachbarn bedurft hätte, musste der Mann sie nach einigen Wochen wieder abhängen. An seiner Gesinnung freilich änderte das wenig.

Am Dienstagvormittag hat dieser 43-Jährige einen Großeinsatz (Merkur.de hat im Ticker berichtet) mit fast hundert Polizisten in Garching ausgelöst. Auf einem Zettel, der bei seinem Nachbarn an der Tür hing, hatte er in krakeliger Handschrift seinen Selbstmord angekündigt. Die Einsatzkräfte sperrten daraufhin die Straßen rund um den Mühlfeldweg ab; auch in der nahen Grundschule-Ost sowie im Gymnasium durfte niemand mehr rein oder raus.

Besonders nervenaufreibend waren die Geschehnisse wohl für die Kinder einer Grundschulklasse, die sich offenbar auf Exkursion und daher nicht im Schulhaus befanden. Die Klasse bei der Freiwilligen Feuerwehr untergekommen, berichtet deren Kommandant Christian Schweiger. „Auch drei Nachbarn waren bei uns.“ Die Feuerwehr sei anfangs zu der Wohnung des 43-Jährigen gerufen worden, um die Tür aufzubrechen, erzählt Schweiger. Als sich jedoch herausstellte, dass der Mann bewaffnet ist, erübrigte sich dieser Plan. Vielmehr stürmte schließlich ein Sondereinsatzkommando gegen 13 Uhr die Wohnung des 43-Jährigen, in der die Polizisten dann die Leiche des Mannes fanden.

SEK stürmt Wohnhaus in Garching: „Szenen wie im Kino“

„Das waren Szenen wie im Kino“, sagt der Nachbar, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er hat auch den Zwist zwischen dem Reichsbürger und den übrigen Hausbewohnern miterlebt. Bei den Eigentümerversammlungen sei der Mann stets gegen jegliche Vorschläge gewesen; zweimal habe die Hausgemeinschaft seinetwegen einen Anwalt eingeschaltet. Darüber hinaus habe sich bald gezeigt, dass der Mann eine „ausländerfeindliche und rechtsradikale Gesinnung“ habe, sagt der Nachbar. Ansonsten sei er aber eher unauffällig gewesen: „Man hat halt ,Grüß Gott‘ und ,Auf Wiedersehen‘ gesagt – mehr nicht.“ Ein Einzelgänger sei der 43-Jährige gewesen. „Ich habe ihn nie in Begleitung von irgendjemandem gesehen.“

Bei der Stadtverwaltung war der Mann hinlänglich bekannt; sogar Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD) erhielt von ihm immer wieder kurze Schreiben mit abstrusem Inhalt. Auch das Landratsamt hatte mit dem Garchinger zu tun: Wie eine Sprecherin bestätigt, habe die Behörde ihn mehrfach aufgefordert, seine Waffen samt Munition und Waffenschein abzugeben – ohne Erfolg. Hintergrund seien Erkenntnisse der Polizei gewesen, wonach der 43-Jährige der Reichsbürgerszene angehörte.

Ausgerechnet der Tag, an dem Horst Seehofer samt Kabinett in Garching weilte

Diese zählt laut Angaben des Bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz etwa 2700 Personen im Freistaat, rund 270 davon im Bereich des Polizeipräsidiums München. In Garching wisse er nicht von weiteren Reichsbürgern, sagt der Bürgermeister. Und auch die Landratsamtssprecherin sagt: „Vergleichbare Fälle sind im Landratsamt derzeit nicht bekannt.“

Dass ausgerechnet am Dienstag auch Ministerpräsident Horst Seehofer mitsamt seines Kabinetts in Garchings weilte – der Ministerrat tagte auf dem Forschungscampus – war wohl reiner Zufall. Man sehe hier „keinen Zusammenhang“, sagt ein Polizeisprecher. Er berichtet von zwei Gewehren und einer Pistole, die man in der Wohnung des 43-jährigen Garchingers gefunden habe. Überdies stieß man dort auf „entsprechende Literatur und Gegenstände“, die der Reichsbürgerszene zuzuordnen seien.

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