Gruppensex in der Sauna

Seminardirektor: „Habe alle Rituale verboten“

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Seminardirektor Martin Schnirch bei seiner "Taufe".

Waldram - Demütigungen, Gruppensex in der Sauna - davon schreibt ein ehemaliger Schüler des Spätberufenenseminars in Waldram in seinem Buch "Das elfte Gebot". Nun äußert sich der Seminardirektor, Martin Schnirch.

In seinem Buch „Das elfte Gebot“ schildert Daniel Bühling (35) unter anderem seine Zeit im Spätberufenenseminar St. Matthias in Waldram im Schuljahr 2000/2001. Er schreibt von Demütigungen, Gruppensex in der Seminarsauna und einer Mauer des Schweigens bei den Kirchenoberen. Am Telefon wollte sich Seminardirektor Martin Schnirch (47) im Gespräch mit Redaktionsleiter Carl-Christian Eick zu den Vorwürfen am Dienstagmorgen nicht äußern. Er bat darum, ihm die Fragen zu mailen – die er am Abend ebenfalls schriftlich beantwortete.

Herr Pfarrer Schnirch, ab Donnerstag kann man das Buch „Das elfte Gebot“ kaufen. Der Autor Daniel Bühling, ein ehemaliger Schüler des Priesterseminars in Waldram, erhebt darin schwere Vorwürfe. Er behauptet, in seiner Zeit als Seminarist sei von erzkonservativen Kommilitonen „Psychodruck“ auf Mitschüler ausgeübt worden und in der Sauna des Seminars sei es zu „einvernehmlichem Gruppensex“ gekommen. Was sagen Sie zu den Behauptungen?

Zunächst muss ich sagen: Das Spätberufenenseminar St. Matthias in Waldram ist kein Priesterseminar. Unsere 170 Schülerinnen und Schüler – unter ihnen 20 Seminaristen – machen hier auf dem zweiten Bildungsweg die Allgemeine Hochschulreife nach. Ich selbst bin seit September 2007 Seminardirektor im Spätberufenenseminar St. Matthias. Ob die Behauptungen des Herrn Bühling, die sich ja auf einen früheren Zeitraum beziehen, stimmen oder nicht, kann ich nicht sagen; zumal ich das Buch nicht gelesen habe.

Einer Ihrer Vorgänger, Pfarrer Josef Riedl, hat auf Nachfrage erklärt: „Es gab immer wieder Gerüchte über Ausschweifungen.“ Doch Genaueres habe er nie in Erfahrungen bringen können. Sie sind seit 2007 Seminardirektor – sind Ihnen in Ihrer Amtszeit solche Gerüchte zu Ohren gekommen?

Ich selbst habe bisher keine solchen Vorwürfe gehört. Sollte es solche Vorwürfe geben, würde ich dem selbstverständlich nachgehen.

Mit Verlaub: Gibt es im Seminargebäude in Waldram eine Sauna?

Ja, es gibt eine Sauna in unserem Seminar, die von Seminaristen gelegentlich benutzt wird.

Der Buchautor berichtet unter anderem von Aufnahmeritualen an Ihrem Seminar, die „kein Spaß“ für ihn gewesen seien. Was sind das für Rituale?

Als ich 2007 hier her gekommen bin, gab es noch eine so genannte „Taufe“ und eine so genannte „Firmung“. Auch mit mir als neuem Seminardirektor wurde eine solche „Taufe“ durchgeführt. Ich musste mich in voller Montur in einem Fass mit warmem Wasser untertauchen. Ihre Zeitung hat damals sogar darüber berichtet. Nachdem sich vor einigen Jahren ein neuer Seminarist darüber beklagt hatte, habe ich in der Hausordnung alle Rituale verboten, die dazu geeignet sein könnten, jemanden in seiner Würde zu verletzen.

Orgien, Strichjungen, Demütigungen: Belege für seine Behauptungen bleibt Bühling schuldig. Sehen Sie den guten Ruf des Seminars dennoch in Gefahr?

Mich ärgert, dass unsere aktuellen und die ehemaligen Seminaristen so pauschal in ein Licht gestellt werden, das ihnen in keiner Weise gerecht wird. Hier im Spätberufenenseminar St. Matthias sind junge Männer, die sich mit großer Ernsthaftigkeit bemühen, ihren Lebensweg zu finden. Die mit viel Fleiß und Engagement nicht nur die Aufgaben der Schule zu bewältigen versuchen, sondern auch ein gutes Gemeinschaftsleben und ein reges geistliches Leben zu gestalten. Dabei bekommen sie Unterstützung sowohl von unseren Lehrerinnen und Lehrern, als auch von mir als Seminardirektor, den Präfekten und unseren Spiritualen. Wenn unsere Seminaristen und unsere Einrichtung insgesamt falsch dargestellt werden, dann kann mich das als verantwortlichen Leiter sicher nicht freuen.

Werden Sie versuchen, die Auslieferung des Buches zu verhindern? Oder bestehen Sie darauf, dass bestimmte Passagen geschwärzt werden müssen?

Die Auslieferung des Buches ist ja bereits in der vergangenen Woche erfolgt.

„Das elfte Gebot“ ist quasi eine Generalabrechnung Bühlings mit der Institution katholische Kirche. Das Buch wird in TV-Sendungen, Zeitungen und Nachrichtenmagazinen vorgestellt und stößt auf große Resonanz. Wie interpretieren Sie das?

Es ist auf alle Fälle interessant, auch die Reaktionen von anderen ehemaligen Seminaristen darauf zu hören, die ganz anders berichten als das Herr Bühling tut. Generell möchte ich sagen, dass ich die Pauschalisierungen über Priesterseminare und Seminaristen auch mit Blick auf meine eigene Zeit als Seminarist – und ich war das selbst elf Jahre lang – nicht teilen kann.

Werden Sie mit Ihrem Seminaristen über den „Aussteigerbericht“ des heute 35-jährigen freien Theologen diskutieren?

Wir reden schon seit einigen Tagen über das, was über unsere Einrichtung in der Presse zu lesen ist. Allzu kontroverse Diskussionen gibt es dabei allerdings nicht. Offensichtlich erleben unsere Seminaristen unser Haus ganz anders, als es Herr Bühling darstellt. Und sie fragen sich natürlich auch, was er mit seiner Veröffentlichung eigentlich erreichen will.

Das Interview führte Carl-Christian Eick

Martin Schnirch

wurde 1965 in Ulm geboren. Seine Priesterweihe erfuhr der Spätberufene 1991 nach dem Studium der Theologie an der Universität Augsburg. Von 1994 bis 2000 war er Regional-Jugendseelsorger in Memmingen im Unterallgäu. Das Spätberufenenseminar in Waldram, dessen Leitung Schnirch am 1. September 2007 übernommen hat, wurde 1927 von Kardinal Michael Faulhaber gegründet. Das Seminar bietet jungen Männern die Möglichkeit an, das Abitur nachzuholen. Dabei werden vor allem solche angesprochen, die den Beruf des Priesters oder andere kirchliche Tätigkeiten anstreben. Bühling beschreibt in seinem Buch eine Zeit in Waldram, in der der Seminardirektor Josef Riedl hieß. Riedl ist heute Stadtpfarrer in Ebersberg – und war am Dienstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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