Serie: Wie der Boom eine Region prägt

Dachauer Grünflächen in Gefahr: Da sehen sie Rot!

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Roderich Zauscher (rote Jacke) und seine Mitstreiter kämpfen für ein möglichst großes Landschaftsschutzgebiet.

In diesem Teil unserer Landkreis-Serie dreht sich alles um Dachau. Hier streiten sich Unternehmer und Naturschützer, im Krankenhaus herrscht Notstand. 

München wächst - und das spürt auch das Umland. ­Derzeit leben rund sechs ­Millionen Menschen in der Metropolregion, also ­zwischen Ingolstadt und Garmisch, zwischen Augsburg und Traunstein. Bis 2030 sollen weitere 300.000 Menschen dazukommen. Die tz zeigt, wie sich der Boom rund um München auswirkt. Heute besuchen wir den Landkreis Dachau, wo sich Unternehmer und Naturschützer streiten - und wo im Krankenhaus Personalnotstand herrscht.

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Der Wunsch nach einem Landschaftsschutzgebiet

Der Wind pfeift Roderich Zauscher (75) um die Ohren - und genau dafür kämpft er. Für Frischluft und gegen Gewerbegebiete im Kreis Dachau. Zauscher ist Vorsitzender der Dachauer Bund-Naturschutz-Gruppe. Er spaziert entlang des Grünzugs zwischen Dachau und Karlsfeld, um ihn herum Äcker und Birken. Zauscher wünscht sich hier ein möglichst großes Landschaftsschutzgebiet. „Dann können hier weder Gewerbe- noch Wohngebiete entstehen - und die Frischluftschneise bleibt erhalten…“

Ursprünglich waren hier zwei Gewerbegebiete geplant. Nachdem sich aber 5000 Bürger dagegen gewehrt hatten, beschloss der Kreisrat, stattdessen ein Landschaftsschutzgebiet (LSG) auszuweisen. Eigentlich ja im Sinne der Naturschützer, doch Zauscher traut dem Frieden nicht… „Solange wir nicht wissen, wie groß das Schutzgebiet wird, ist der Grünzug in Gefahr.“ Denn der Kreis Dachau ist ein beliebtes Pflaster fürs Gewerbe. Landrat Stefan Löwl (CSU) sagt: „Wir liegen sehr verkehrsgünstig zwischen der A8 und A9, haben eine gute Schienenanbindung und sind nah am Flughafen.“ 61 Hektar neue Gewerbeflächen wurden im Landkreis in den vergangenen zehn Jahren ausgewiesen. Und erst im November hat die Stadt Dachau entschieden, sechs weitere Gewerbegebiete auszuweisen.

20 Prozent mehr sozialversicherungspflichtig Beschäftigte binnen sieben Jahren

Die Flächen verkaufen sich wie warme Leberkässemmeln: Laut Industrie- und Handelskammer ist das Angebot seit 2011 um 60 Prozent zurückgegangen. „Dass die Verfügbarkeit von Gewerbeflächen deutlich abgenommen hat, ist nicht überraschend“, sagt der Dachauer IHK-Vorsitzende Peter Fink. Die Wirtschaft im Landkreis brumme, seit 2011 gebe es 20 Prozent mehr sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. „Funktionieren konnte das nur, weil die Betriebe genug Raum für ihr Wachstum erhalten haben.“ Auch in Zukunft müssten Kommunen flexibel auf Erweiterungswünsche reagieren können.

Naturschützer Zauscher sieht das anders: Gewerbegebiete führten dazu, dass Menschen zuziehen - für die aber längst kein Platz mehr sei. Die Region ist ohnehin schon attraktiv - zeigt der Zuzug der vergangenen 13 Jahre: Im Jahr 2005 lebten noch 134.382 Menschen im Dachauer Land, jetzt sind es schon 150.839. Viele ziehen her, weil es ihnen in München zu teuer wird. Statistische Daten belegen diesen Trend: Zwischen 2005 und 2015 zogen rund 23.500 Menschen von München in den Landkreis Dachau, im Durchschnitt 2130 pro Jahr. Tendenz steigend. „München ist nah mit seinen Hochschulen und dem kulturellen Angebot“, sagt Landrat Stefan Löwl. Und: „Dieses Wachstum ist eine große Herausforderung…“ Denn es herrsche ein Flächenkampf. Weil mehr Leute herkommen, brauche der Landkreis neue Straßen, Schulen, Wohnungen. Aber auch Flächen für die Landwirtschaft und fürs Gewerbe. „Das alles in Einklang zu bringen, ist schwierig“, sagt der Landrat.

Peter Fink, Industrie- und Handelskammer: „Betriebe brauchen Platz für Wachstum.“

Landwirtschaftliche Flächen deutlich zurückgegangen

Fakt ist, dass der Anteil an Siedlungs- und Verkehrsfläche im Landkreis seit 1980 gestiegen ist, landwirtschaftliche Flächen dagegen gingen zurück. Lag ihr Anteil laut Bayerischem Landesamt für Statistik im Jahr 1980 noch bei 74,7 Prozent, sank er bis 2015 um rund zehn Prozent auf 65,4 Prozent.

Das alarmiert die Naturschützer. „Wir leben über die Landwirtschaft alle vom Boden“, sagt Roderich Zauscher. Doch je kleiner die Äcker, desto intensiver müssten Bauern wirtschaften. „Eine chemiefreie Landwirtschaft ist dann gar nicht mehr möglich.“ Außerdem bringe die Bodenversiegelung durch Gewerbegebiete den Wasserhaushalt durcheinander, Wildtiere müssten um ihren Lebensraum bangen. „Die Gewerbegebiete, die wir haben, reichen doch. Das ist doch ein Teufelskreis“, meint Zauscher. Allein der Verkehr, den sie verursachen! Anlieferer bringen Ware, Menschen pendeln zur Arbeit und Verbraucher fahren zum Einkaufen in die Gewerbegebiete. Die Feinstaubwerte steigen - und gefährden die Gesundheit. Zauscher: „Es geht um das Schutzgut Mensch.“

Bislang haben er und seine Mitstreiter den Grünzug zwischen Dachau und Karlsfeld verteidigt. „Keiner traut sich hier zu bauen, die haben Angst vorm Volk“, sagt Zauscher. Doch die Begehrlichkeiten der Wirtschaft bestehen weiter. „Wenn wir keine Gewerbeflächen ausweisen, dann brechen uns Arbeitsplätze weg“, meint der Wirtschaftsförderer des Landkreises, Johann Liebl. Mit einer Arbeitslosenquote von zwei Prozent herrscht im Landkreis Dachau Vollbeschäftigung. Und Liebl möchte, dass das so bleibt. Er befürchtet: Handwerksbetriebe, die expandieren wollen und keinen Platz in der Region finden, werden in Nachbarlandkreise oder größere Städte mit guter Infrastruktur abwandern. Die Naturschützer werden also weiter eines spüren: Gegenwind.

Probleme beim Pflegepersonal

Schwere Vorwürfe waren das damals gegen das Dachauer Helios Amper-Klinikum. Das Pflegepersonal sei an den Grenzen der Belastbarkeit, die Rede war außerdem von verdreckten Böden und verschmierten Betten. Pfleger sagten aus, dass sich zum Teil nur zwei Krankenschwestern um 77 Patienten kümmern müssten. Und wer nach den Gründen suchte, sah schnell die kalte Logik der Boom-Region. Weil hier so viele Leute leben wollen, sind die Wohnungen teuer. Wer wenig verdient - wie etwa eine Krankschwester -, kann sich das Leben hier nicht leisten. So ist Mangel an Pflegepersonal nur folgerichtig…

Was die Hygiene betrifft, hat sich zuletzt viel verbessert, auch dank eines Sieben-Punkte-Plans. In Sachen Personal ist es aber immer noch schwierig - auch die Politik beschäftigt sich mit dem Thema. Landrat Stefan Löwl sagt: „Die wichtigsten Gründe für den Personalmangel am Klinikum sind die hohen Lebenshaltungskosten und die Wohnungsnot im Landkreis.“

Das Klinikum Dachau.

Miete frisst guten Teil des Krankenpfleger-Gehalts

Ein Beispiel: Wer eine Ausbildung zum Krankenpfleger macht, verdient monatlich 1010 Euro brutto. In Dachau liegt die Durchschnittsmiete pro Quadratmeter bei 9 Euro kalt. Für 40 Quadratmeter zahlt der Azubi also mindestens 360 Euro - plus Nebenkosten. Damit ist ein guter Teil des Gehalts weg…

Katharina Mathern, Pressesprecherin des Klinikums, bestätigt, dass es für Pflegekräfte schwierig ist, in Dachau eine Wohnung zu finden. Im Kreistag wird immer wieder das Problem angesprochen, bezahlbaren Wohnraum für Pflegekräfte zu finden – möglicherweise auch über ein weiteres Wohnheim. Doch laut Landrat Stefan Löwl „fehlen dafür die Grundstücke mit entsprechendem Baurecht“.

Pfleger ­machen auf ihre ­Situation aufmerksam. So mancher fühlt sich an der Grenze der Belastbarkeit.

Fakten über den Landkreis

  • Einwohnerzahl: 150.839
  • Zugelassene Fahrzeuge: 103.584
  • Immobilienpreise: Eigentumswohnungen kosten in Dachau durchschnittlich 3800 Euro pro Quadratmeter, in Petershausen 3000 Euro.
  • Prominente Bewohner: Der Eiskunstläufer Hans-Jürgen Bäumler, mehrfacher deutscher Meister im Paarlauf mit Marika Kilius, ist gebürtiger Dachauer.
  • Wichtige Einrichtungen: KZ Gedenkstätte Dachau, Max-Mannheimer-Studienzentrum und Internationales Jugendgästehaus Dachau, Dachauer Renaissance-Schloss mit Hofgarten, Dachauer Gemäldegalerie, romanische Basilika bei Erdweg, Biergarten der Schlosswirtschaft Maria­brunn in Röhrmoos (gilt als schönster Biergarten Bayerns).

Anna Schwarz

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