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Serie: Wie der Boom eine Region prägt

Fürstenfeldbruck: Kleine Geschäfte machen zu - Pendler leiden 

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Christopher Pink (o.) muss seinen Spieleladen schließen. Kleine Geschäfte haben es in Fürstenfeldbruck schwer. 

Im Landkreis Fürstenfeldbruck zeigt sich der Boom rund um München. Hier sterben kleine Läden – und Germering wird mit einem neuen Stadtteil konfrontiert.

Der Boom Münchens – für die Fürstenfeldbrucker Innenstadt ein zweischneidiges Schwert, auch für die S-Bahn in Fürstenfeldbruck. „Einerseits ziehen immer mehr Menschen in den Landkreis und damit auch in die Stadt Fürstenfeldbruck“, sagt Aliki Bornheim, Wirtschaftsförderin der Stadt. „Doch ­andererseits kaufen eben auch viele dieser Neubürger gleich nach der Arbeit in München ein.“ Alleine von 2015 bis 2017 ist die Zahl der Einwohner mit Hauptwohnsitz in Fürstenfeldbruck um etwa fünf Prozent auf rund 38.000 gestiegen.

Parkplatznot und Pasing Arcaden: Darum machen viele Geschäfte zu

Ein großer Konkurrent für die kleinen Läden sind die nahen, 2011 entstandenen Pasing Arcaden, die später noch mal erweitert wurden. Die profitieren auch davon, dass Bruck bei den Öffnungszeiten und dem Parkplatzangebot hinterherhinkt. Gerade kleine Geschäfte haben es schwer. Auch der Onlinehandel ist ein großer Konkurrent. „Im Sommer hatten wir eine Zeit lang relativ viele Leerstände“, so Bornheim. Mittlerweile seien nahezu alle Läden wieder belegt. Doch gerade kam erst die nächste Schreckensmeldung: Das Modehaus Kohl schließt im Juni, und das nach 112 Jahren in der Brucker Innenstadt.

Auch das Modehaus Kohl macht zu – nach 112 Jahren.

Kohl-Prokuristin Elisabeth Heinz (32) führt genau diese beiden Gründe an: den steigenden Internet-Handel und die Pasing Arcaden. „Als die eröffneten, sind bei uns die Kundenzahlen eingebrochen.“ Neben dem Modehaus Kohl gibt auch Christopher Pink (34) vom Spieleladen „Game Asylum“ Ende Mai auf. „Es fehlt schlichtweg die Laufkundschaft“, sagt er.

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Kleine Läden in Fürstenfeldbruck haben es schwer

Die Entwicklung der Innenstadt kennen Domenico Tarzia (37) und Marco Zavaglio (51) seit langer Zeit. Seit zwölf Jahren betreiben sie mit Claudio Nicola („Al Ponte“, „Cafe Macchiato“) die Pizzeria „La Piazzetta“ beim Alten Rathaus. In der Innenstadt sehen die Gastronomen deutlichen Spielraum nach oben. „Gerade unter der Woche abends wäre es schön, wenn es belebter wäre“, sagt Tarzia. Eine größere Vielfalt an Geschäften würde auch mehr Menschen in die Innenstadt locken, glaubt er. „Bislang gibt es vor allem Brillen- und Telefonläden.“

Gegen den Trend: Eveline Gollnow kann sich seit sechs Jahren mit ihrem „Schoko Reich“ in Bruck halten.

Eine, die sich seit fast sechs Jahren mit einem kleinen Laden in Fürstenfeldbruck hält, ist Eveline Gollnow (46). In ihrem „Schoko Reich“ an der Hauptstraße kurz nach der Amperbrücke gibt es Pralinen, Geschirr und – wie der Name schon sagt – etliche Schokoladensorten. „Ich fürchte das Internet nicht“, sagt die Geschäftsfrau, „sondern die fehlenden Parkplätze in Fürstenfeldbruck“. Kunden, die etwas abholen wollten, hätten oft große Probleme, ihr Auto abzustellen. „Es war nicht gerade einfach, sich zu etablieren, auch wenn das Konzept schon nach einem Jahr aufgegangen ist“, erinnert sich die Geschäftsfrau. Die Brucker brauchten ein bisserl zum Warmwerden – „mittlerweile bringen mir die Leute sogar zu Weihnachten Geschenke“. Es gibt sie noch, die Positiv-Beispiele in der Innenstadt.

Bis Mitte Februar konnte man sogar einen Pop-up-Store finden. Das ist ein Laden, der für einen begrenzten Zeitraum als Zwischennutzung aufmacht. Brigitte Schmied (51) verkaufte im „Rue Lazar“ am Viehmarktplatz Deko-Ware, Geschirr und Klamotten. Nun ist sie wieder auf Messen unterwegs. „Aber ab Herbst könnte ich mir so eine Zwischennutzung wieder vorstellen, das hat sich für mich gelohnt.“ Wichtiges Kriterium, so Schmied: „Die Vermieter müssen auch kleinen Läden eine Chance geben. Durch eine faire Miete.“

S-Bahnline S4: Ewiges Pendler-Leiden

Dieses Kribbeln im Bauch – Siggy M. (57) spürt es jeden Tag kurz nach dem Aufstehen. Dann schweift der Blick des Puchheimers zu seinem Laptop. „Ich schaue, ob die S-Bahn pünktlich ist oder ob es mal wieder Probleme gibt“, sagt der Redakteur im IT-Bereich. M. pendelt mit der S-Bahn in die Arbeit, seit er 1978 in den Raum München gezogen ist. 40 Jahre Bibbern in der Kälte bei Oberleitungsschäden, 40 Jahre Schwitzattacken in der überhitzten Bahn, 40 Jahre Gruppenkuscheln mit Fremden.

Sie brauchen Humor: die S4-Pendler aus Puchheim Siggy M. 

„Gefühlt ist meine S4 jeden dritten Tag zu spät“, sagt Siggy M. Seit zehn Jahren lebt er in Puchheim, davor war er in Eichenau und Starnberg zu Hause. Auch wenn es schon vier Jahrzehnte sind mit ihm und dem anfälligen Gefährt, das ihn für 90,40 Euro im Monat von Puchheim bis zum Arbeitsplatz nahe des Hauptbahnhofs chauffiert. Eine Liebe ist es nicht, sondern mehr eine Zweckgemeinschaft. „Ich bin auf die S-Bahn schlichtweg angewiesen“, sagt er. Einen Führerschein hat M. nie gemacht. Anders als Melanie Hassmann. Trotzdem greift die Angestellte in der Personalentwicklung nur im Notfall auf das Auto zurück. „Das ist keine Option. In der Rush Hour brauche ich sonst ewig.“ Die 44-Jährige pendelt wie auch Moersch von Puchheim aus in die Arbeit, erst mit der S- und anschließend mit der U-Bahn nach Giesing. Seit mittlerweile 18 Jahren. „In Aubing und der Leienfelsstraße steigen jetzt schon durch die Neubaugebiete deutlich mehr Menschen ein“, sagt sie. „Ich bin gespannt, wie es mit Freiham wird. Da wird ein großer Teil bestimmt von Aubing aus S4 fahren.“

Melanie Hassmann wünscht sich längere S-Bahnzüge.

Hassmann würde sich längere Züge wünschen – und dass auch Regionalzüge in Puchheim halten. An einen schnellen, viergleisigen Ausbau der S4 glaubt sie nicht mehr. Das sieht Siggy M. ähnlich: „Das wird gefühlt seit 30 Jahren angepriesen, aber es tut sich nichts.“ Problematisch sei, dass auf der S-4-Strecke Regionalbahnen oder der Alex immer Vorrang hätten, was wiederum zu Verspätungen bei der ­S-Bahn führe. „Die Bahn hat die Entwicklung im S-Bahnnetz verschlafen. Es gibt die gleiche Infrastruktur wie zu der Zeit, als ich begonnen habe zu pendeln – bei viel mehr Fahrgästen.“ Siggy M. ist froh, dass es bei der S4 die Verstärker-Bahnen „S20“ und „S4 Hauptbahnhof“ gibt: Erwischt er einen der Züge in Pasing und fährt vorher vom Hauptbahnhof eine Regionalbahn, ist er fünf Minuten schneller zu Hause. Und jede Minute zählt.

Dass er von der Zweiten Stammstrecke noch profitiert, glaubt Siggy M. nicht. 2026 soll der zweite S-Bahn-Tunnel eröffnet werden. „Den weihe ich mit dem Rollator ein“, sagt er. Von der Bahn wünscht er sich eine ehrlichere Kommunikation. „Manchmal fühle ich mich schon verschaukelt — wenn Anzeigen nicht stimmen oder die App Geisterzüge ankündigt, die nie in den Bahnhof einfahren.“ Auch Melanie Hassmann kritisiert die Informationspolitik der Bahn als „konfus“. Manchmal, wenn abends wieder Chaos sei, bummle sie noch durch die Stadt, erzählt sie. „Aber das geht auch nicht jeden Tag…“

Kein Stress mit der S-Bahn: Er radelt zur Arbeit

Klaus Honigschnabel schlüpft in seine Warnweste und zieht blinkende Lichter um seine Beine. Dann setzt er den Helm auf. Los geht’s für den Pressesprecher der Inneren Mission München von Gröbenzell zur Arbeit an der Landshuter Allee (Maxvorstadt) – um sechs Uhr in der Früh.

Kein ­S-Stress: Klaus Honigschnabel.

Ob bei Schnee, Regen oder Hitze: Honigschnabel zieht seit acht Jahren das Radl der S-Bahn oder dem Auto vor. Insgesamt 30 Kilometer strampelt er jeden Tag, morgens 15 hin, abends 15 zurück – egal, ob es stürmt oder schneit. „Bei der S-Bahn kann ich spätestens ab Pasing damit rechnen, dass eine Durchsage zu einer Verspätung kommt“, sagt der 59-Jährige. „Und mit dem Auto stehst du spätestens ab Laim.“ Mit dem Fahrrad sei er unabhängiger – „und außerdem ist Bewegung gut und wichtig für die Gesundheit“.

Honigschnabel hatte Herzprobleme, als er vor acht Jahren mit dem Radeln begann. Auf dem Heimtrainer im Wohnzimmer zu strampeln, war ihm zu fad. „Da dachte ich mir: Das Einfachste ist, ich kündige mein S-Bahn-Jahresabo und fahre mit dem Rad zur Arbeit.“

Auch wenn er vor zwei Jahren trotz des Trainings einen Herzinfarkt erlitten hat: Der Gröbenzeller fühlt sich durch das tägliche Fahrradfahren insgesamt viel fitter. Je nach Wetter ist er zwischen einer halben und einer Stunde pro Strecke unterwegs. Nur wirklich fahrradfreundlich sei München noch immer nicht. „An manchen Ecken sind Radler fast Freiwild“, sagt Honigschnabel. Einen schlimmeren Unfall hatte er aber zum Glück noch nicht.

Was der neue Stadtteil Freiham für den Landkreis Fürstenfeldbruck bedeutet

In unmittelbarer Nachbarschaft zur Stadt Germering stampft München den Stadtteil Freiham aus dem Boden. Wir haben darüber mit Germerings Oberbürgermeister An­dreas Haas (54) gesprochen:

Herr Haas, in direkter Nachbarschaft sollen bald 25.000 Menschen mehr leben. Meinen Sie, die Germeringer werden dann noch Lust haben, S-Bahn zu fahren?

Andreas Haas: Der öffentliche Nahverkehr ist jetzt schon überlastet, und es gibt Verbesserungspotenzial. Wer von Germering oder Harthaus in der Früh mit der S-Bahn fährt, weiß: Die Bahn ist voll. Klar ist auch: Wenn noch mal Menschen dazukommen, bringt das nicht gerade Entlastung…

Was also tun?

Haas: Der Stadtrat von Germering fordert einen leistungsfähigen ÖPNV, unter anderem eine Verlängerung der U-Bahn nach Freiham. Wir setzen uns dafür ein, dass sie sogar bis nach Germering verlängert wird. Aber es muss auch nachgedacht werden, wie man mit dem Individualverkehr umgehen will. Denn es wäre blauäugig zu sagen, in naher Zukunft fahren keine Autos mehr. Es braucht auch mehr Park-&- Ride-Parkplätze in Freiham, die wir im Übrigen angeregt hatten. Doch das hat die Stadt München anders gesehen. Auch Alternativen wie der Ausbau des Radverkehrs oder von Carsharing-Angeboten sollten bedacht werden.

Das Verhältnis scheint schwierig. Bleibt Ihnen außer Bitten viel übrig?

Haas: Wir können nur den Dialog suchen und werden auch gehört. Aber es gibt keine Verpflichtung, das umzusetzen – auch wenn Freiham in direkter Nachbarschaft entsteht. Was mir Sorge macht: München hat beim Bebauungsplan von 20.000 Einwohnern in Freiham gesprochen, nun sollen es bis zu 25.000 sein. Doch die ganze Infrastruktur dort ist doch für 5000 Menschen weniger geplant.

Germerings OB Andreas Haas mit Reporterin Ramona Weise.

Fürstenfeldbruck: Fakten über den Landkreis

  • Einwohner: 216.857 (Stand ­Ende 2016)
  • Zugelassene Kraftfahrzeuge: 143.321 (2017)
  • Eigentumswohnungen kosten durchschnittlich: 536.000 Euro (100-Quadratmeter-Neubau in Fürstenfeldbruck), 570.000 Euro in Germering, 600.000 Euro in ­Olching
  • Prominente Bewohner: Schauspielerin Monika Baumgartner (Gröbenzell), die musikalischen Geschwister Well (u. a. Biermösl Blosn, Oberschweinbach)
  • Wichtige Einrichtungen: Kloster Fürstenfeldbruck (1263 gegründet, 1803 aufgelöst) mit Veranstaltungsforum, Bauernhofmuseum Jexhof (Schöngeising), Furthmühle (Egenhofen), Fliegerhorst (bekannt durch das Olympia-Attentat 1972. Die Dienststellen werden voraussichtlich im Jahr 2023 allesamt abgezogen sein

Weise Ramona

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