Serie: Wie der Boom eine Region prägt

Was die Starnberger alles stresst - der ewige Baustau

Heute: Landkreis Starnberg. Pendler leiden unter den Bauarbeiten auf der A 96 – im reichen Starnberg selbst kämpfen Normalverdiener darum, in ihrer Stadt wohnen bleiben zu können.

München wächst – und das spürt auch das Umland. Derzeit leben rund sechs Millionen Menschen in der Metropolregion, also zwischen Ingolstadt und Garmisch, Augsburg und Traunstein. Bis 2030 sollen weitere 300.000 Menschen dazukommen. Die tz zeigt, wie sich der Boom rund um München auswirkt. 

Heute besuchen wir den Landkreis Starnberg. Pendler leiden ­unter den Bauarbeiten auf der A 96 – im reichen Starnberg selbst kämpfen Normalverdiener darum, in ihrer Stadt wohnen bleiben zu können.

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Seit seiner Geburt lebt Andreas Borrmann (34) in Starnberg, ist bei der dortigen Feuerwehr aktiv, hat viele Freunde in seiner Heimatstadt. Doch jetzt kann es sein, dass er mit seiner Frau Melanie De Pascalis (35) und Töchterchen Laura (2) wegziehen muss: Die kleine Familie möchte sich gerne eine Wohnung oder ein kleines Häuschen kaufen.

Doch das ist in der Stadt, in der laut aktuellen Daten des IVD-Instituts 112 Prozent der Münchner Preise für Einfamilienhäuser bezahlt werden, im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit. „Fast alles, was hier angeboten wird, ist im Luxusbereich angesiedelt. Für die Mittelschicht gibt es fast nichts“, sagt das Paar. Ein Reihenhaus koste dann schon mal 800 000 Euro, eine 100-Quadratmeter-Wohnung liege bei rund 600 000 Euro.

Melanie De Pascalis arbeitet bei einer Bank, Andreas Borrmann bei einem IT-Unternehmen. Eine der wenigen Hoffnungen des Paares: Das Neubaugebiet „Am Wiesengrund“ am südwestlichen Ortsrand.

Melanie De Pascalis, Andreas Borrmann und Tochter Laura suchen eine neue Bleibe

Hier will die Stadt ein Einheimischenprojekt mit mindestens 120 Wohneinheiten – in Form von Mehr­familien- und Reihenhäusern – realisieren. De Pascalis und Borrmann haben sich auf die Interessentenliste setzen lassen. Die genauen Konditionen für das Projekt sind bislang unklar. „Wir wissen nur, was man als Interessent maximal verdienen darf, sind jetzt aber gespannt auf die Preise. Dann wird sich für uns entscheiden, ob das interessant ist.“

Einen Kredit von maximal 500 000 Euro wollen die beiden aufnehmen, als Grundstock haben sie Eigenkapital angespart. Schon allein aus dem Freundeskreis kennt das Paar einige weitere Interessenten für das Einheimischenprojekt. „Im ganzen Raum München besteht das Problem, dass es jeder ohne reiche Eltern extrem schwer hat.“

Im Landkreis Starnberg wird noch dazu noch nicht besonders viel gebaut: Zwischen 2006 und 2016 war – laut Bayerischem Landesamt für Statistik – die Kreisstadt rund um München mit den wenigsten Wohnungsfertigstellungen pro 1000 Einwohner.

Sollte es mit dem Einheimischenmodell nichts werden, schauen sich Borrmann und De Pascalis auch weiter entfernt von München um. „Wir setzen nicht alle Hoffnungen in das Einheimischenmodell. Es kann sein, dass wir sonst weiter rausziehen.“

Spätestens dann, wenn ihre Tochter Laura in die Schule kommt, wollen die beiden aber eins sicher haben: einen Ort, an dem sie dauerhaft wohnen werden können.

Nur wenig Entlastung

Die Situation auf der A 96 im Westen Münchens ist frustierend: „Früher brauchte ein Pendler aus dem Starnberger Landkreis eine halbe Stunde nach München, jetzt sind es manchmal eineinhalb“, sagt Josef Seebacher von der Autobahndirektion Südbayern. Wer vor 15 Jahren in eines der Neubaugebiete im Münchner Umland gezogen ist – mit schnellem Weg in die Stadt –, schaut jetzt in die Röhre. Und auch die S-Bahn stellt die Pendler oft auf harte Geduldsproben: Verspätungen und Zugausfälle sind an der Tagesordnung.

Stau auf der A96

Das Problem: Die Autobahn ist vor den Toren Münchens an ihre Belastungsgrenze gelangt. Fast 100 000 Fahrzeuge tuckern auf der A 96 mittlerweile am Tag etwa bei Gräfelfing. Zum Vergleich: Am Autobahnbeginn in Lindau sind es „nur“ um die 31 000. Vor zehn Jahren noch waren es bei Gräfelfing ca. 80 000 Fahrzeuge pro Tag, vor zwölf Jahren 66 000. Heute sind es an einzelnen Spitzentagen fast 122 000, weiß Seebacher. Bis 2025 rechnet die Autobahndirektion mit einem weiteren Anstieg um bis zu 20 Prozent.

An den Anschlussstellen Gräfelfing und Freiham ist auf der A 96 schon jetzt am meisten los. Doch ausgerechnet in Freiham soll Münchens gigantischer neuer Stadtteil entstehen, der Platz für 25 000 Menschen bieten soll. „Die Autobahn A 96 ist massiv vollgelaufen“, sagt Seebacher. Abhilfe zu schaffen sei schwierig. Münchens Verkehrskonzept stamme aus den 70er-Jahren. Damals rechneten die Planer mit deutlich weniger Einwohnern. „München staufrei zu bekommen, ist im Grunde unmöglich.“ Um das Problem zumindest ansatzweise in den Griff zu kriegen, wird zwischen Oberpfaffenhofen und Germering-Süd die Autobahn erweitert.

Bei Germering hat die Autobahndirektion vergangenes Jahr mit dem Bau eines zur Autobahn hin halb geöffneten Lärmschutztunnels („Galerie“) begonnen. Am 5. März starten die Arbeiter mit der Gilchinger Galerie. Alle vier Fahrspuren werden dann – wie in Germering – auf die Südfahrbahn verlegt.

Bis 2021 sollen die Arbeiten dauern, sie kosten 100 Millionen Euro. Und sie machen Lärm und Dreck. Deswegen werden Arbeiten wie die Anlieferung von Asphalt nachts verrichtet. Eine Belastung für die Familien der Arbeiter.

Zweites Problem: Autobahn-Arbeiter leben gefährlich. Immer wieder gab es schwere Unfälle zu beklagen. Die Autobahndirektion erhöhte die Sicherheitsmaßnahmen. Nun sind es „nur noch“ 50 geschrottete Warnleit-Anhänger pro Jahr. Sie schotten – an Laster gehängt – die Autobahnarbeiter vom Verkehr ab.

Das sagen Pendler

Christoph Ullmann kommt auch Gilching und brauchte an schlechten Tagen bis zu zwei Stunden zur Arbeit.

Christoph Ullmann kommt auch Gilching und brauchte an schlechten Tagen bis zu zwei Stunden zur Arbeit.Ich arbeite in Martinsried und brauche 15 Minuten Fahrtweg. Davor habe ich im Lehel gearbeitet. Dorthin brauchte ich an schlechten Tagen bis zu zwei Stunden!. Am Anfang war es der Horror, danach hatte ich mich darauf eingestellt. 

Christoph Ullmann, Gilching

Ich muss zum Hauptbahnhof, wo ich bei der Ausländer-Behörde arbeite. Die Fahrt ist nervig, gerade im Moment mit der Baustelle auf der A 96. Besonders schlimm ist es am Autobahnende.

Carina Jung, Gilching

Fakten über den Landkreis

  • Einwohnerzahl: 133 621
  • Immobilienpreise: Eine Doppelhaushälfte aus dem Bestand kostet in der Stadt Starnberg 985 000 Euro, in ­Wörthsee sind Doppelhaushälften aus dem Bestand mit 850 000 Euro zwar günstiger, aber der Markt ist derzeit komplett leergefegt.
  • Zugelassene Fahrzeuge: 101 493 Promis im Landkreis Starnberg
  • Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann wohnt in Berg, der Sänger Peter Maffay in Tutzing, die Schlagerstars Helene Fischer und Florian Silbereisen leben in Buch.
  • Wichtige Einrichtungen:
  • Die Seen, die dem Landkreis seinen Namen „Fünf-Seen-Land“ geben: Starnberger See, Ammersee, Wörthsee, Weßlinger See und Pilsensee. Akademie für politische Bildung in Tutzing, Kloster Andechs, Kaiserin-Elisabeth-Museum in Possenhofen.

Ramona Weise

Rubriklistenbild: © Achim Schmidt

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