Technische Störung an der Donnersbergerbrücke: Probleme auf der Stammstrecke in beiden Richtungen

Technische Störung an der Donnersbergerbrücke: Probleme auf der Stammstrecke in beiden Richtungen

Serie: Wie der Boom eine Region prägt

Unterföhring: Klein-Hollywood an der S-Bahn

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Auf der Luftaufnahme deutlich zu sehen: der gewachsene Ort unten links, moederne ­Gewerbeparks oben rechts jenseits der Gleise

München wächst – und das spürt auch das Umland. In einer großen Serie fragt die tz, wie sich der Boom rund um München auswirkt. Zum Start sind wir im Landkreis München unterwegs.

Heinrich Frey (81) sitzt im Gasthof zur Post und erzählt, wie er als Bub Kreuzottern in den Isarauen gefangen hat. Derweil schminkt eine Maskenbildnerin in einem Fernsehstudio auf der anderen Seite der Bahngleise Annemarie Carpendales (40) Beine. Die Moderatorin geht gleich mit Taff auf Sendung – etwa eine Million Menschen schauen zu. „Ich kenne die Frau Carpendale nicht“, sagt Frey, „nur den Namen habe ich schon mal gehört.“

An der Bahnhofstraße findet sich diese Bankfiliale.

Als Frey auf die Welt gekommen ist, lebten in seinem Heimatdorf 1500 Menschen. Heute hat Unterföhring 11.240 Einwohner – und fast doppelt so viele Arbeitsplätze. 22 000 Menschen arbeiten an dem bedeutenden Medienstandort im Norden der Stadt, unter anderem für ProSiebenSat1, Sky, das ZDF und den BR. Die Allianz hat hier ihren größten Standort weltweit mit 8000 Mitarbeitern. Denn anders als in München gibt es im Speckgürtel noch freie Flächen. „Unser Campus hat eine Fläche von 390 000 Quadratmetern, das wäre in München nicht möglich“, sagt Allianz-Sprecherin Vanessa Glaser.

„Der Weg zu uns ins Dorf ist denen zu weit“

Die Unterföhringer kriegen von dem geschäftigen Treiben nicht viel mit, denn die Gemeinde ist zweigeteilt durch S-Bahn-Gleise. Im Westen der alte Dorfkern mit Barockkirche, Stammtisch und Männergesangsverein. Im Osten der Gewerbepark: Dazu sagen sie gern auch „Klein-Hollywood“ – wegen der schillernden Persönlichkeiten, die hier fürs Fernsehen arbeiten. Begegnungen zwischen den beiden Welten finden selten statt. „Der Weg zu uns ins Dorf ist denen zu weit“, sagt Frey, „dann wäre ja die Mittagspause kürzer.“

Frey kennt Unterföhring wie wenige Andere. Aufgewachsen als Sohn des Unterföhringer Standesbeamten, erlebte er die Entwicklung des Bauerndorfs zur stadtnahen Kommune mit – ein Boom, der atemlos macht. Allein zwischen 2005 und 2015 ist die Einwohnerzahl um 43 Prozent gestiegen. Der Landkreis München wuchs im gleichen Zeitraum nur um zehn Prozent. Vor allem Familien mit Kindern ziehen nach Unterföhring: Die Gemeinde ist dank Gewerbesteuer so reich, dass sie es sich leisten kann, ihren Bürgern Krippen und Kindergärten zum Nulltarif zu bieten.

Aus der Gandelschen Gastwirtschaft (um 1910)...

Wer die Münchner Straße im alten Dorfkern entlanggeht, hat trotzdem das Gefühl, der Ort verwaist. Die Bäckerei Deck von 1888 steht leer. „Schon seit vielen Jahren“, sagt Frey. Auch das Gasthaus zum Gockl ist Geschichte. An die einst zahlreichen Handwerksbetriebe erinnert heute nur noch das Museum „Feringer Sach“, das Frey gegründet hatte, um an die Geschichte seiner Heimat zu erinnern. Hier erfährt man, dass es früher fünf Schuster gab. Braucht heute keiner mehr – die Allianz hat einen eigenen Schuster auf ihrem Firmengelände, wo sie ein Paralleldorf samt Cafés, Wäscherei und Kleinkunstbühne errichtet hat.

Neu-Bürger treffen sich nicht am Stammtisch

Unterföhring wächst, aber die Neu-Bürger treffen sich nicht am Stammtisch. Statt Schweinsbraten beim Dorfwirt gibt’s Cappuccino To Go an der S-Bahn-Station. Dort steigen sie morgens in den überfüllten Zug nach München und kommen erst abends. Nur fünf Prozent der Arbeitsplätze in Unterföhring werden von Ortsansässigen besetzt. „Unterföhring hat keine Dorfgemeinschaft mehr“, klagt Frey. „Früher gab es gute nachbarschaftliche Beziehungen. Heute nimmt man sich zur Kenntnis.“

Heinrich Frey, Unterföhringer seit 81 Jahren.

Die Gemeinde versucht, dagegenzusteuern – und stampft auf 37 000 Quadratmetern eine neue Ortsmitte aus dem Boden. Nicht an der Münchner Straße, dem alten Dorfkern. Sondern am S-Bahnhof, dem Mittelpunkt zwischen dem alten und dem neuen Unterföhring. Jene, die hier wohnen und jene, die hier arbeiten, sollen in dem neu geschaffenen Zentrum zusammenkommen. Ein Supermarkt, Läden und Gaststätten, die Volkshoch- und die Musikschule werden nach der Fertigstellung einziehen. Plätze mit Bänken, Brunnen und Bäumen laden dann zum Verweilen ein. Frey bezweifelt aber, dass die Unterföhringer die neue Mitte auch wirklich annehmen und beleben: „Man kann etwas historisch gewachsenes nicht einfach so verpflanzen…“

Hier finden Sie die anderen Teile der Serie: 

Miesbach: München gräbt uns das Wasser ab

Oberschleißheim: So wichtig wären neue Rad-Autobahnen

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