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Oberbayer ärgert sich: „Überall die Rede von Energiekrise, und dann wird meine Solar-Anlage abgeschaltet?“

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Von: Laura May

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„Überall ist die Rede von Energiekrise, und dann wird meine Anlage abgeschaltet?“: Nur 70 Prozent der Leistung seiner Solaranlage kann Josef Kastenmüller nutzen. So ist es aktuell noch gesetzlich geregelt, Völlig unverständlich, für den 72-Jährigen.
„Überall ist die Rede von Energiekrise, und dann wird meine Anlage abgeschaltet?“: Nur 70 Prozent der Leistung seiner Solaranlage kann Josef Kastenmüller nutzen. So ist es aktuell noch gesetzlich geregelt, Völlig unverständlich, für den 72-Jährigen. © laura may

Josef Kastenmüller aus Sauerlacher ärgert sich, dass er die Leistung seiner Photovoltaik-Anlage nicht voll ausschöpfen darf. Nach 70 Prozent ist Schluss. So ist es aktuell gesetzlich vorgeschrieben.

Sauerlach – Josef Kastenmüller sitzt in seinem Garten, hängt die Füße in den Pool und lugt aufs Dach zu seiner PV-Anlage. „Wir haben Energienot, warum sollen hier 30 Prozent des Stroms einfach verschwinden?“, fragt sich der 72-Jährige und meint damit die Deckelung seiner Photovoltaikanlage auf 70 Prozent ihrer Leistung.

90 Module auf Haus- und Garagendach

Seit 2016 baut der Sauerlacher an seiner PV-Anlage. Heute hat er rund 90 Module auf Haus- und Garagendach – und die würde er gerne maximal nutzen. „Warum nicht so viel Strom produzieren wie möglich? Die Sonne scheint doch sowieso weiter.“

„Die Frage ist völlig berechtigt“, sagt Christian Martens, Sprecher der Bayernwerk-Netze. Aber: „Wenn wir alle Anlagen auf 100 Prozent hochschrauben würden, gibt es eine Netzüberlastung.“ Sowohl wirtschaftlich als auch technisch sei das nicht sinnvoll. Josef Kastenmüller hat für diese Argumentation kein Verständnis und fragt sich: „Was ist mit dem Strom, den ich nicht verbrauche und nicht einspeise?“

PV-Anlagen automatisch abgeschaltet - Besitzer verärgert

Der wird gar nicht erst produziert, ist die Antwort des Bayernwerk-Sprechers Martens. „Es handelt sich nicht um produzierten Strom, der nicht vergütet wird – sondern der Strom wird gar nicht erst produziert.“ Die PV-Anlagen werden automatisch abgeschaltet, wenn sie 70 Prozent der Leistung erreichen. Das passiert nur unter optimalen Bedingungen. „Die letzte Spitze wird in den seltensten Fällen erreicht.“

Kastenmüller ärgert sich dennoch darüber, dass das Potenzial seiner PV-Anlage nicht ausgeschöpft wird. Vor allem wegen der anhaltenden Energiekrise und der explodieren Preise fragt er sich, warum sein sauberer Solarstrom nicht gebraucht wird. Energieunternehmen wie Bayernwerke oder Eon seien nur auf maximalen Gewinn aus und nicht auf die optimale Energieversorgung der Gesellschaft.

Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) im Wandel

Das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) hat seinen Ursprung im Stromeinspeisungsgesetz von 1991 und ist das zentrale politische Steuerelement zum Ausbau der Erneuerbaren Energien – unter anderem zur Regelung der Einspeisung erneuerbarer Energien sowie Sicherstellung der Netzstabilität. Das Gesetz regelt und garantiert auch die feste Einspeisungsvergütung für Erzeuger. Die aktuelle Version des Gesetzes, das EEG 2021, wurde Ende 2020 von der schwarz-roten Koalition verabschiedet. Es sieht unter anderem eine Leistungsbegrenzung von PV-Anlagen auf 70 Prozent vor, damit die Netze nicht überlastet werden. Die Begrenzung bedeutet nicht, dass 30 Prozent des Stroms verloren gehen, sondern dass die maximale Leistung der Anlagen um 30 Prozent begrenzt wird. Je nach Schätzung verschiedener Quellen und Ausrichtung der Anlagen gehen durch die Begrenzung ein bis fünf Prozent des jährlichen Stromertrags verloren. Wer eine eigene PV-Anlage besitzt, kann laut Paragraf 9 des EEG 2021 zwischen zwei Optionen entscheiden: Entweder die Drosselung auf 70 Prozent bei maximaler Wirkungsleistung oder die Zustimmung zu einer Fernsteuerung durch die Netzbetreiber, wenn deren Netz zu überlasten droht.

Mit dem EEG 2023 hat die Ampel-Koalition jetzt im Rahmen des Osterpakets eine Neuauflage des Gesetzes auf den Weg gebracht – nur noch der Bundespräsident muss den Entwurf unterzeichnen. Ab 2030 sollen Erneuerbare Energien 80 Prozent des Bruttostromverbrauchs stellen. Neben zahlreichen Anpassungen steigt etwa die Einspeisevergütung von 6,24 Cent 8,2 Cent. Außerdem entfällt die 70-Prozent-Regelung ab 1. Januar 2023 für neue PV-Anlagen bis zu einer Leistung von 25 Kilowatt Leistung. 

Strom von PV-Anlage: Speicherung aufwendig und nicht rentabel

Dem widerspricht Bayernwerksprecher Martens. Selbst wenn man die maximale Leistung maximal zulassen würde, kämen nur etwa fünf Prozent mehr Strom dabei heraus. Die Spitzenkappung ist aus seiner Sicht deshalb eine sinnvolle Maßnahme. Erzeugung und Stromverbrauch müssten im Gleichgewicht sein. Die Speicherung von in Spitzenmomenten produziertem Strom sei aufwendig und nicht rentabel.

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Außerdem: Betreiber von PV-Anlagen können sich zwischen der automatischen Drosselung (70-Prozent-Regelung) und einer Fernsteueranlage entscheiden, die private Anlagen im Fall einer Netzüberlastung ferngesteuert abschaltet. Anfallende Kosten müssen die Privatleute dafür allerdings selbst tragen.

Bei Josef Kastenmüller überwiegt trotz der Erklärungen Unverständnis darüber, dass sich seine Anlage an einem sonnigen Tag einfach abschaltet und gleichzeitig überall von Energiekrise die Rede ist. Beim BR-Format „Jetzt red i“ hat er sich mit seinem Anliegen schon an Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gewandt.

Leistungsdrosselung wird gekippt

Gekippt wird die Regel jetzt aber nicht aus Bayern, sondern von der Ampel-Koalition aus Berlin. Mit dem Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) 2023 schafft die Bundesregierung die 70-Prozent-Kappungsregelung ab 1. Januar 2023 für neue Anlagen ab. Für bestehende Anlagen soll die Regel in der nächsten EEG-Novelle fallen. Josef Kastenmüllers Wunsch wird also wahr. Zufrieden ist er trotzdem nicht. „Wir brauchen den Strom jetzt – nicht nächstes Jahr“, sagt der Sauerlacher, dessen bestehende Anlage erst einmal ohnehin nicht von der Neuerung betroffen sein wird. Glauben will er gar nichts mehr, Politikern traut er nicht.

Problem für die Bayernwerke

Für die Bayernwerke hat das neue EEG 2023 unmittelbare Auswirkungen. Zum einen muss der Energiekonzern sein Netz jetzt langfristig auf 100 Prozent Leistung ausrichten. Kurzfristig könnte damit aber auch die Zahl der angeschlossenen Anlagen sinken, erklärt Sprecher Martens. „Unser Netz muss nach maximal möglicher Leistung gehen.

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