Wir haben eine junge Syrerin besucht

So funktioniert Integration: Roche bildet Flüchtlinge aus

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Lugaiyen Alkouli aus Syrien bei der Arbeit im Lehrlabor.

Nicht jammern, sondern anpacken. Das ist das Motto des Biotech-Giganten Roche, der in Penzberg mittlerweile fünf Flüchtlinge ausbildet und zeigt, wie die Integration von geflüchteten Menschen in die Arbeitswelt funktionieren kann. Wir haben eine junge Syrerin besucht.

München - Dabei sind sie bei Roche davon überzeugt, dass bei diesem Projekt beide Seiten viel voneinander lernen können. Die tz hat die 21-jährige Syrerin Lugaiyen Alkouli besucht, die in Penzberg ihre Ausbildung zur Chemielaborantin macht:

Zusätzliche Ausbildungsplätze für Flüchtlinge

Wenn Lugaiyen Alkouli morgens in ihre Arbeit fährt, wartet schon das Lehrlabor auf die 21-jährige Syrerin. „Da üben wir, wie die Apparaturen aufgebaut werden und wie wir kleinere Versuche selbstständig durchführen“, erzählt die junge Frau voller Stolz. Sie ist eine von fünf Geflüchteten, die beim Biotech-Giganten Roche in Penzberg eine Ausbildung absolvieren.

„300 Auszubildende und Studierende lernen derzeit bei uns am Standort“, erklärt Roche-Ausbildungsleiter Dr. Andreas Gebbert. Die Ausbildungsplätze für Flüchtlinge hat das Unternehmen zusätzlich geschaffen. Die jungen Menschen aus Syrien und Afghanistan und werden bei Roche zu Chemielaboranten, Kaufleuten oder Elektronikern ausgebildet. Das Unternehmen will sein Engagement fortführen. „Wir wissen schon jetzt, dass wir heuer fünf geflüchtete Personen zusätzlich zu den ,normalen’ Ausbildungsplätzen einstellen.“

Kurz vor dem Schulabschluss musste Alkouli fliehen

Die 21-jährige Alkouli hat von ihrem Heimatdorf nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus bis zur Lehrstelle im bayerischen Oberland eine jahrelange Odyssee hinter sich. Ihren Traum vom Abitur und Studium in Syrien hat der Bürgerkrieg zunichtegemacht. Zwar blieb das Mädchen noch bei ihrer Oma wohnen, als der Rest der Familie schon geflohen war – doch die Schule konnte sie dort trotzdem nicht beenden. Kurz vor den entscheidenden Prüfungen musste auch Alkouli ihr Heimatland verlassen.

Die Familie floh nach Libyen, dort konnte Alkouli immerhin die Schule beenden. Doch nach anderthalb Jahren in Libyen – einem Land, das ebenfalls unter einem Bürgerkrieg leidet und Flüchtlingen keinerlei Perspektive bietet – entschlossen sich die Alkoulis zur Flucht nach Europa. Nach der lebensgefährlichen Überfahrt übers Mittelmeer kamen die Alkoulis Mitte 2014 in München an und landeten schließlich in Schlehdorf.

tz-Redakteur Marc Kniepkamp (l.) im Gespräch mit Lugaiyen Alkouli, die bei Roche in Penzberg zur Chemielaborantin ausgebildet wird, und Ausbildungsleiter Dr. Andreas Gebbert.

„Ich bin froh, dass ich zunächst in einem so kleinen Dorf leben konnte“, erinnert sich Alkouli an ihre Zeit in Schlehdorf. „Dort war es leicht, sich zu vernetzen und Kontakte zu knüpfen. Außerdem habe ich dort viel über die deutsche Kultur gelernt und konnte mich besser integrieren“, sagt die 21-Jährige. Die junge Frau fing sofort an, Deutsch zu lernen und beherrscht die Sprache mittlerweile wirklich gut. Heute wohnt Alkouli in einer WG in Penzberg und kniet sich in ihren neuen Job hinein. „Ich lerne wirklich gerne“, sagt die 21-Jährige.

Die Ausbildung ist anspruchsvoll und obwohl Alkouli sehr gut Deutsch spricht, reden ihr die Lehrer in der Berufsschule manchmal etwas zu schnell. Am Standort in Penzberg lernt sie im Lehrlabor und arbeitet auch in den unterschiedlichen Fachbereichen mit.

Roche lebt die Vielfalt vor

Unterstützt werden die geflüchteten Auszubildenden dabei von anderen Roche-Mitarbeitern. „Wir haben ein Patennetzwerk im Unternehmen aufgebaut und haben in den Fachbereichen gefragt, wer dazu bereit ist, in der Freizeit geflüchtete Personen in der Ausbildung zu unterstützen“, erklärt Gebbert. Mittlerweile machen 20 Kollegen mit. „Ich setze mich mit dem Paten ein- bis zweimal pro Woche zusammen und wir schauen dann, wo ich mich noch verbessern kann“, erklärt die junge Auszubildende. Eine Sonderbehandlung sollen die Geflüchteten aber nicht bekommen. „Sie absolvieren wie alle anderen Auszubildenden auch die Regelausbildung bei Roche und sind somit voll integriert“, ergänzt Andreas Gebbert.

Für ihn ist dieses Engagement seines Unternehmens selbstverständlich. „Wir sind ein internationales Unternehmen mit 90.000 Mitarbeitern in über 150 Ländern – das Thema Vielfalt wollen und müssen wir einfach vorleben.“ Die Firma bietet Praktika für Geflüchtete an und lässt Kandidaten in den Alltag hineinschnuppern. Mittlerweile hat Roche ein Netzwerk zu den örtlichen Hilfsorganisationen aufgebaut, die der Firma geeignete Kandidaten vorstellen.

Das Roche-Werk in Penzberg.

Von diesem Engagement profitieren nicht nur die Flüchtlinge. Diese lernen die Vielfältigkeit des deutschen Ausbildungssystems – und die Chancengleichheit. „Die Frau ist hier wirklich gleichberechtigt mit dem Mann, das ist etwas sehr Besonderes. Außerdem ist es egal, welche Religion man hat oder wo man herkommt – alle haben erst mal die gleichen Chancen.“ Gebbert ergänzt: „Unsere Jugendlichen lernen von den Geflüchteten Toleranz, Respekt und Mut. Natürlich fällt es vielen schwer, sich in die Situation der geflüchteten Kollegen reinzudenken. Dadurch lernen sie auch Dankbarkeit und Demut für das behütete und sichere Leben hier. Und sie sehen, dass die Welt nicht an der Grenze aufhört. Das ist für alle eine Bereicherung.“

Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt

Auch wenn noch viele Flüchtlinge arbeitslos sind oder in Sprach- und Integrationskursen stecken – immer mehr haben bereits eine Arbeit gefunden. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) hatten im Herbst rund 123 000 Menschen aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern eine reguläre Stelle – 43 Prozent mehr als im Vorjahr. Die BA erwartet zudem, dass sich die Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt nicht schlechter schlagen werden als Migranten früherer Generationen. „Wir rechnen damit, dass im ersten Jahr zwischen acht und zehn Prozent von ihnen Arbeit finden werden, im fünften Jahr wird rund die Hälfte einen Job haben, nach 15 Jahren dann etwa 70 Prozent“, sagte BA-Vorstand Raimund Becker. Für Bayern haben sich Arbeitsagentur und Wirtschaftsverbände bis 2019 vorgenommen, 60 000 Flüchtlinge erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu vermitteln.

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