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„Erst geht die Kuh, dann der Gast“: Politiker am Tegernsee fordern Wolf-Abschuss - Brandbrief an Söder

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Von: Gerti Reichl, Christina Jachert-Maier

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Der Wolf ist vermutlich auch im Tal unterwegs, zur Sorge von Landwirten und Almbauern.
Der Wolf ist vermutlich auch im Tal unterwegs, zur Sorge von Landwirten und Almbauern. © DPA

Gmunder Landwirte fordern Rückendeckung von der Gemeinde im Umgang mit dem Wolf. Und sie fordern den Abschuss.

Gmund – Weil es nach den jüngsten Vorfällen rund um einen Wolf hochaktuell ist, hatte das Thema nachträglich einen Platz auf der Tagesordnung gefunden. Die beiden CSU-Räte Johann Huber und Josef Berghammer forderten per Antrag die „aktive Unterstützung der Gemeinde und der Gemeinderäte für die ansässigen Almbauern und Landwirte im Tegernseer Tal im Umgang mit dem Wolf“. Weil diese das Tal mit ihren Tieren pflegen und die typische Kulturlandschaft erhalten, bräuchten sie die aktive Unterstützung der Politik und Kommunen, um ihre Tiere vor dem Wolf zu schützen. Sie forderten dazu auf, den Wolf zum Abschuss frei zu geben.

Wolf am Tegernsee: Kein Totalabschuss, aber ein Streichen von der Roten Liste

„Es brennt wirklich“, untermauerte Huber, selbst Landwirt, den Antrag. Der Wolf, der sich mehr und mehr anpasse, keinesfalls scheu sei und zum „Hybrid-Wolf“ mutiere, sei nicht vom Aussterben bedroht, argumentierte er. Er forderte keinesfalls den „Totalabschuss“, so Huber, sondern das Streichen von der Roten Liste bedrohter Tierarten. die Landwirte bräuchten Rückhalt, daher müsse man bei der Politik Druck machen, „sonst sehe ich schwarz für die Landwirtschaft“.

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Bürgermeister Alfons Besel (FWG) konnte die Sorgen nachvollziehen, erinnerte aber auch daran, dass die Landkreis-Bürgermeister bereits eine Resolution an Umweltminister Glauber verfasst hätten. Herdenschutzmaßnahmen wie Zäune oder Hunde würden in seinen Augen nicht funktionieren. Besel stellte fest: „Der Wolf hat hier keinen Platz.“

Lesen Sie hier: So lief die Veranstaltung in Miesbach zum Thema Wolf.

Dies fanden auch Martina Ettstaller (CSU) und Florian Floßmann (FWG). „Ob Wolf oder Bär, der Landkreis sollte jetzt hinter dem Thema stehen“, forderte Floßmann und gestand, dass er inzwischen selbst ein mulmiges Gefühl habe, wenn er alleine im Wald unterwegs sei. Josef Berghammer (CSU) warnte: Der Wolf verändere seine Jagdstrategie, „er passt sich immer mehr an.“ Wenn Landwirte ihr Vieh nicht mehr auf die Alm treiben, werde die Kulturlandschaft kaputt gemacht. „Und das ist schlimm.“ Berghammer fügte an: „Dann brauchen wir auch keinen Tourismus-Chef mehr, weil keiner mehr kommt.“ Korbinian Kohler, CSU-Rat und Hotelier, war in Hinblick auf den Tourismus ebenfalls für den Abschuss. „Ich bin froh um jede Gefahr, die weg ist.“

Debatte um den Wolf: Grünen-Rätin hält Abschuss für „absurd“

Laura Wagner (Grüne) scherte als Einzige aus der Front gegen den Wolf aus, wenngleich sie auch Verständnis für die Landwirte äußerte. Mit Rücksicht auf die Artenvielfalt in der Natur sehe sie sich im Zwiespalt, gestand Wagner. Allerdings verstehe sie nicht, warum die „Schrecksekunde“ derzeit so groß sei. „Ja, die Kommunalpolitik muss den Landwirten helfen, aber ein Abschuss ist absurd.“

Am Ende stimmte nur sie gegen den Antrag, der vom Gremium befürwortet wurde. Wie der Rückhalt für Almbauern und Landwirte nun konkret aussehen soll, blieb noch offen.

Rottach-Egern schreibt an Söder: „Erst geht die Kuh, dann der Gast“

Der Rottacher Gemeinderat hatte sich in Sachen Wolf bereits in seiner Juni-Sitzung mit einem einstimmigen Beschluss hinter die Almbauern gestellt. Im Auftrag des Gremiums hat sich Bürgermeister Christian Köck (CSU) jetzt mit einem persönlichen Schreiben an Ministerpräsident Markus Söder gewandt. „Erst geht die Kuh, dann geht der Gast“, heißt es in dem Brief, den Köck bei der Sitzung am Dienstagabend verlas. Eindringlich schildert Köck darin die Bedrohung der Alm- und Weidewirtschaft sowie des Tourismus durch den Wolf. Die Bürgermeister des Landkreises hätten sich bereits im März in einem Schreiben an Umweltminister Thorsten Glauber gewandt, erinnert Köck: „Bislang haben wir aus dem Ministerium leider keine Antwort, geschweige denn Reaktion bekommen.“ Fakt sei, dass der Bund gemeinsam mit der EU die Weichen stellen müsse, um „Entnahmen in bestimmtem Umfang“ zu ermöglichen.

Nachdem dies von kommunaler Ebene aus kaum zu erreichen sei, fordere die Gemeinde Rottach-Egern die Bayerische Staatsregierung auf, das Heft in die Hand zu nehmen und Druck auf die zuständigen Behörden auszuüben. Die Almbauern warteten auf ein Signal der „höheren Politik“. Der beste Lösungsansatz sei die Ausweisung von wolfsfreien Schutzzonen, erklärt Köck. Der Vorschlag, Almgebiete mit Herdenschutzzäunen zu versehen, sei hingegen ein rein theoretischer Ansatz, der in der Praxis aufgrund der Topographie im voralpinen Raum nicht umsetzbar sei. „Es ist ein Unterschied, ob Wölfe in Rudeln beispielsweise in der Lausitz auf aufgelassenen Truppenübungsplätzen ihr Dasein fristen und faktisch niemanden stören oder ob sie im besiedelten, landwirtschaftlich und touristisch intensiv genutzten Alpenraum mittlerweile immer regelmäßiger Schäden anrichten“, macht Köck klar. Es gelte, die klein strukturierte Berglandwirtschaft zu erhalten. Mit der Existenz von Wölfen sei dies im Voralpenland schlichtweg unmöglich. Für den Brief erntete der Bürgermeister Applaus im Sitzungssaal. 

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