Tragisches Unglück

Spezl erfasst Sebastian (20) mit Transporter - tot

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Sebastian Heber war nur 20 Jahre alt, als er so jäh aus dem Leben gerissen wurde. Ein Unfalldrama, bei dem die Worte fehlen.

Alling - Bei dichtem Schneetreiben und behinderter Sicht wurde der 20-jährige Sebastian während eines Spaziergangs mit seiner Freundin von einem Transporter erfasst. Am Steuer saß sein Freund.

"Er fehlt zu jeder Zeit. Er fehlt, wenn wir aufstehen. Er fehlt, wenn wir ins Bett gehen.“ Petra und Jochen Heber sitzen am Küchentisch in ihrem Haus im kleinen Allinger Ortsteil Biburg (Lkr. Fürstenfeldbruck). In ihren Händen halten sie ein Foto, dessen Anblick so viel Schmerz bereitet. Darauf ist ihr Sohn Sebastian (20) zu sehen. Freundlich schaut er ihnen entgegen – ein junger Mann, der nur so vor Energie strotzt. Mit einem sympathischen Lächeln. Ein Mann, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte und am 1. Februar ein tragisches Ende fand.

Es ist 19 Uhr, als Sebastian Heber nach dem gemeinsamen Abendessen das Elternhaus verlässt. „Er wollte spazieren gehen“, erinnert sich die Mutter. Sebastian ist frisch verliebt, was außer seinen engsten Freunden niemand weiß. Mit seiner 16-jährigen Freundin will er ein paar romantische Stunden verbringen. Der Weg führt über eine Landstraße nach Wagelsried. Dort kommt das Liebespaar nie an.

Die kleine Landstraße ohne Bürgersteig wurde für den jungen Mann zur tödlichen Falle. Er wurde von einem Mercedes Sprinter erfasst.

Es herrscht dichtes Schneetreiben. Fuß- oder Radweg? Fehlanzeige! Fatal: Sebastian trägt eine dunkle Jacke, ist in der Nacht kaum zu sehen. Von hinten nähert sich ein weißer Mercedes Sprinter. Am Steuer sitzt ein guter Bekannter. Beide engagieren sich in der katholischen Landjugend. Stunden zuvor organisierten sie einen Kinderfasching. Viel zu spät sieht er seinen Freund am Fahrbahnrand. Mit dem rechten Kotflügel wird Sebastian erfasst und in ein Feld geschleudert. Seine Freundin muss alles mitansehen. Erst als der Fahrer aussteigt, realisiert er, wer vor ihm liegt. Sofort alarmieren sie die Rettungskräfte. Die örtliche Feuerwehr rückt mit Fahrzeugen an. Darin sitzen junge Frauen und Männer, völlig unvorbereitet auf die Situation, die sie erwartet. Auch sie kennen das Unfallopfer – eine ganze Gemeinde in Schockstarre!

Während Sebastian am Straßenrand mit dem Tod ringt, sitzen seine Eltern im warmen Haus. „Da war dieser anonyme Anruf. Sonntagabends gehe ich aber nicht mehr ans Telefon“, sagt Jochen Heber. Dann klingelt es an der Haustüre. Davor steht die Mutter von Sebastians Freundin. „Es ist ein Unfall passiert“, sagt sie mit zittriger Stimme. Neben ihr steht ein Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams. „Sie versuchen, ihn wiederzubeleben“, sagt er in ruhigem Tonfall. „Ich sah ihm in die Augen. Ich wusste sofort: Es ist zu spät“, erzählt Heber. Sein Sohn erliegt noch an der Unfallstelle seinen äußerst schweren Kopfverletzungen.

Die Schuldfrage stellt man sich im Hause Heber nicht. Die Sicht war schlecht, der Fahrer war nicht zu schnell unterwegs. Auch Alkohol war nicht im Spiel. „Unser Sohn trägt leider auch eine Schuld an dem Unfall. Sie waren auf der falschen Straßenseite unterwegs, waren dunkel gekleidet. In ihrer Verliebtheit haben sie auf alles geachtet, nur nicht auf die Verkehrssicherheit. Auch der Gemeinde Alling wollen die Eltern die Schuld nicht in die Schuhe schieben (siehe unten).

Die kleine Landstraße ohne Bürgersteig wurde für den jungen Mann zur tödlichen Falle. Er wurde von einem Mercedes Sprinter erfasst.

Warum es aber ausgerechnet ihren Sohn erwischen musste, beschäftigt die Eltern ununterbrochen. „Er hat in den letzten Monaten eine erstaunliche Wandlung vollzogen“, erinnert sich sein Vater mit Tränen in den Augen. Sebastian war ein ganz normaler Junge. Einer, mit dem man in der Pubertät auch Reibereien hatte. Seit einem ökologischen Jahr hatte er aber einen Plan. „Er begann mit Lauftraining, verlor viel Gewicht und wurde zum Vegetarier. Kinderpfleger war sein Traumberuf. Sebastian konnte gut mit Kindern, war ein stets fröhlicher Mensch, ein treuer Freund und als Fußballtorwart und Trainer einer Mädchenmannschaft ein tadelloser Sportsmann und Kamerad. „Er hat seine körperliche und geistige Mitte gefunden. Und dann passiert so etwas!“ Aus der Stimme spricht tiefe Verzweiflung.

Rund 500 Menschen haben Sebastian bei seiner Beerdigung die letzte Ehre erwiesen. „Das war überwältigend. Wir erfahren so viel Warmherzigkeit. Mit Sebastians Freunden treffen wir uns jetzt regelmäßig. Das tut wirklich gut“, schildert Jochen Heber und meint: „Wenn er nicht so jung gewesen wäre, hätte er sich keinen schöneren Zeitpunkt für seinen Tod wünschen können: im Moment des höchsten Glückes.“

Unfall an Tragik nicht zu überbieten

Für Autos wird immer mehr Raum zur Verfügung gestellt, dafür wird oft an den Fußwegen gespart. Auch Jochen Heber teilt diese Meinung. Trotzdem sieht er die Schuld am tragischen Tod seines Sohnes Sebastian (20†) nicht bei der Gemeinde Alling. „Das ist ein grundsätzliches Problem im ländlichen Raum“, meint der 57-Jährige. Hätte der Unfall vermieden werden können?

Ministeriumssprecher Michael Siefener: Risiko muss gesenkt werden.

Ja, sagt Michael Siefener, Pressesprecher im Bayerischen Innenministerium zur tz. „Gerade in der Dämmerung und bei Dunkelheit sowie durch witterungsbedingte Einflüsse ist das Unfallrisiko für Fußgänger besonders hoch. Häufig werden sie zu spät erkannt. Um dieses Risiko zu senken, empfehlen wir das Tragen heller Kleidung, möglichst mit reflektierenden Elementen.“ Gleichzeitig bedauert Siefener: „Leider können wir im Flächenland Bayern nicht das gesamte Straßennetz von insgesamt mehr als 140 000 Kilometern Länge mit straßenbegleitenden Geh- und Radwegen ausstatten.“

Frederik Röder, Bürgermeister der Gemeinde Alling gibt zu: „Ja, wir sind auf dem Land nicht optimal versorgt! Regelmäßige Verkehrsschauen von Polizei, Gemeinde und Landratsamt bestätigen das.“ Auch ihn hat der viel zu frühe Tod von Sebastian Heber berührt. Zur tz sagt er: „Es herrscht große Betroffenheit, nicht nur im Ortsteil Biburg. Der besondere Umstand, dass hier sowohl die Familie des Opfers, als auch die seiner Freundin und die Angehörigen des Unfallfahrers leben, macht den Vorfall umso tragischer.“

Jetzt sieht er sich und die Dorfgemeinschaft in der Pflicht: „Wir müssen alle ganz eng zusammenrücken. Es wurden schon viele Besuche gemacht.“ Den Unfall selbst beschreibt er vor allem als „Verkettung von unglücklichen Umständen“. Für ihn steht außer Frage: „Bei einem gesonderten Fuß- und Radweg wäre so ein Vorfall nicht passiert.“ Deshalb sieht er auch dringenden Handlungsbedarf.

Künftige Baumaßnahmen können ihm seinen Sohn nicht wiederbringen. Trotzdem setzt sich Jochen Heber für die Verbesserung der Verkehrssicherheit für Fußgänger ein. „Wir werden mit vielen Unterschriften einen Antrag bei der Gemeinde einreichen“, erklärt er und meint: „Damit Sebastians Tod nicht völlig sinnlos war.“

Auf Deutschlands Straßen starben im Vorjahr 3368 Menschen, mehr als die Hälfte davon waren Fußgänger oder Radler.

Johannes Heininger

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