Staatsanwalt fordert Höchststrafe für Mord an Zorica H.

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Die Angeklagten Vedat S. (l) und Harun A. im Gerichtssaal des Landgerichts in Landshut.

Landshut/Erding - Jeweils zehn Jahre für Harun A. (19) und Mittäter Vedat S. (21) wegen gemeinschaftlichen Mordes und schweren Schwangerschaftsabbruch gefordert - Verteidiger des Mittäters beantragt Freispruch Erding/Landshut.

Niemand im Gerichtssaal war überrascht, dass Staatsanwalt Ralph Reiter und die Anwälte der als Nebenkläger auftretenden Eltern der grausam ermordeten Zorica H. (21) aus Taufkirchen in ihren Plädoyers beantragten, das Jugendstrafrecht voll auszuschöpfen und die im Gesetz vorgegebene Höchststrafe von zehn Jahren zu verhängen - selbst die beiden Haupttäter Harun A. (19) und Mittäter Vedat S. (21) aus Erding nicht, die ohne erkennbare Regung den Ausführungen gefolgt waren.

Nach der sechstägigen Beweisaufnahme, so Staatsanwalt Reiter in seinem Plädoyer, gebe es keine Zweifel, dass die beiden Heranwachsenden gemeinschaftlich und täterschaftlich in der Nacht vom 20. auf 21. Februar dieses Jahres die von Harun A. hochschwangere junge Frau grausam, heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen grauenhaft mit 165 Messerstichen ermordet und dabei auch das lebensfähige Kind - ein Mädchen - getötet hätten.

Wenn auch bei der Tatrekonstruktion einige Lücken gebe, so liege andererseits ein umfassendes und glaubwürdiges Geständnis von Harun A. vor, der seinen „besten Freund” als Mittäter belaste, was ihm - wie Briefe aus der U-Haft unterstrichen - schwer gefallen sei.

Der 19-Jährige, als „Prinz” im Elternhaus verhätschelt, sei geschockt gewesen, als er nach einem „One-night-stand” von der Schwangerschaft von Zorica H. erfahrten habe. Dass die nichts von einem Schwangerschaftsabbruch wissen wollte, habe er als Eingriff in seine Lebensplanung und als Beschädigung seines Images gesehen.

Den Entschluss, das „Problem” gewaltsam zu lösen, habe er schon lange vor der Tat gefasst: Es habe damit Zorica H. auch gedroht und sich auch seinem besten Freund Vedat S. gegenüber geäußert. Der habe ihn bestärkt: „Dann bring sie doch um, ich helfe dir.” Den endgültigen Tatentschluss habe er wohl spontan am 20. Februar gefasst, als seine langjährige Freundin über ihre Mutter von seiner Vaterschaft erfahren habe.

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DNA-Gutachten belastet Mittäter Vedat S.

Vedat S. sei in das Vorhaben eingeweiht gewesen. Dafür spreche, dass auf für die Fahrt nach Taufkirchen Ersatzkleidung mitgenommen habe. Letztlich habe es sich um einen gemeinsamen Tatentschluss und -ausführung gehandelt: Man könne dem 21-Jährigen seine Version, nur schockiert bei den 165 Messerstichen zugeschaut und dann lediglich bei der Vertuschung der Tat, die man als Raubmord „drapieren” wollte, geholfen zu haben. Ob er ebenfalls zugestochen habe, sei letztlich aber nicht nachweisbar. Zumindest habe er das Opfer festgehalten und „ruhig gestellt”, sei deshalb Mittäter.

Auf das „Grauen der Tat” im Detail ging der Staatsanwalt auch mit Rücksicht auf die im Gerichtssaal als Nebenkläger anwesenden Angehörigen der Ermordeten nicht mehr ein, verwies lediglich darauf, dass die Hochschwangere bis zu den letzten Stichen in den Hals noch gelebt habe.

Der Anklagevertreter warf dem Duo erschreckenden Vernichtungswillen und Menschenverachtung vor, wobei es ihnen auch auf die Tötung des ungeborenen Kindes angekommen sei. Über die Anwendung von Jugendrecht komme man nach den überzeugenden Gutachten der Psychologen und Psychiater nicht hinweg, für den Quasi-Doppelmord sei aber die Jugendhöchststrafe von zehn Jahren für beide zu verhängen. „Wenn jemand meint, das ist zu milde, habe ich Verständnis, aber das muss an anderer Stelle, muss durch den Gesetzgeber entschieden werden”, schloss der Staatsanwalt.

Die Anwälte der Eltern, Dr. Thomas Krimmel und Patrick Schladt, schlossen sich dem Anklagevertreter weitgehend an, sprachen von einem unfassbar grausamen Verbrechen, bei dem die Angeklagten dem Opfer über Minuten hinweg gefühllos und unbarmherzig Schmerzen zugefügt hätten. Von Reue habe es keine Spur gegeben, im Gegenteil, Harun A. habe sich in Selbstmitleid ergangen. „Für das Opfer und die Eltern hatten beide kein Wort des Mitgefühls übrig.”

Der Vater der Ermordeten erklärte, es mache ihn und seine Frau betroffen, wie abscheulich, entwürdigend und menschenverachtend die Angeklagten vorgegangen seien, ihre Tochter und die Enkeltochter, von der die 21-jährige stets als „meine Prinzessin” gesprochen habe, bestialisch umgebracht hätten. An die im Zuschauerraum anwesenden Eltern von Harun A. gewandt, meinte er: „Unser Beileid, durch ihren Sohn haben sie ihre eigene Enkeltochter verloren. Wir haben sie im Sarg im Arm ihrer Mutter gesehen und geküsst.”

Angesichts des Leids Dritter, das Zurückhaltung und Respekt gebiete, beschränkte sich Verteidiger Anselm Thorbecke in seinen Ausführungen in erster Linie auf das Strafmaß. Er beantragte eine Jugendstrafe unter dem Höchstmaß und führte strafmildernd das umfassende und von Reue und Schuldeinsicht geprägte Geständnis seines Mandanten, in dem er auch den Mittäter namhaft gemacht habe, ins Feld.

Freispruch beantragte dagegen Verteidiger Hermann Borchert für Vedat S., der die Mittäterschaft bestreite. Er sei durch seinen ehemals besten Freund belastet worden, der sich bei seinen Vernehmungen immer wieder in Widersprüche verwickelt habe und somit völlig unglaubwürdig sei. Den Ermittlern - Polizei und Staatsanwaltschaft - warf er teilweise dilettantische Befragungsmethoden vor, Widersprüchen sei nicht nachgegangen worden, man habe sich in Spekulationen ergangen und die Angaben von Harun A. blind als Wahrheit unterstellt, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten.

Das Urteil wird am Mittwoch verkündet.

ötl

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