Gruselige Vorstellung

Immer mehr Katzen verschwinden in der Region spurlos - es keimt ein schrecklicher Verdacht

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„Henry“ wird vermisst: Besitzerin Ulrike Sodtke aus Söcking sucht ihren Kater. Spürhunde sollen seinen Weg bis zum Verschwinden herausgefunden haben

Seit fünf Wochen vermisst Ulrike Sodtke ihren Kater Henry. In Söcking gibt es viele vermisste Katzen, auch andere Gemeinden sind laut Experten betroffen – alte und böse Gerüchte verbreiten sich.

Landkreis – Ulrike Sodtke (56) geht den Weg noch mal ab. Andechser Straße, Adalbert-Stifter-Straße, Alpenstraße. Dann steht die Söckingerin an der Kreuzung, wo jemand ihren Kater „Henry“ in einem Fahrzeug mitgenommen haben soll. Drei Spürhunde sind die Strecke abgelaufen, an dieser Stelle haben alle Halt gemacht. „Da muss es passiert sein“, sagt Sodtke und zeigt auf die Kreuzung. „Wir glauben, dass ein Katzenfänger unterwegs ist.“ Fünf Wochen sind seit dem Verschwinden von „Henry“ vergangen. 300 Plakate, vier hoffnungsvolle Hinweise. Den zwölfjährigen Kater hatten Sodtke und ihr Lebensgefährte von einem Tierheim in München aufgenommen. „Wir wollten ihm noch ein paar schöne Jahr geben.“ Jetzt hoffen sie nur noch, dass es Henry gut geht, irgendwo. Es ist kein Einzelfall.

Neu aufgenommene Katzen brauchen Eingewöhnung

„Wir haben extrem viele Vermisstenanzeigen“, sagt Tanja Wieber, stellvertretende Leiterin des Starnberger Tierheims. Zurzeit würden vor allem grau-weiß getigerte Katzen in Söcking, Pöcking und Feldafing vermisst. Etwa 50 Katzen seien in den vergangenen zwei Monaten gemeldet worden. „Die Besitzer sind in großer Trauer, für sie ist es wie ein Familienmitglied.“ Viele hätten Angst, dass ihr Tier bewusst oder versehentlich eingesperrt ist und verdurstet. „Auch für uns ist das extrem und belastend – vor allem, wenn man die Menge sieht.“ Ob ein Katzenfänger sein Unwesen treibt? „Davor habendie Besitzer große Angst. Es ist auffällig, aber leider kann man nichts beweisen.“ Seit zwei Jahren gebe es Häufungen. „Eine Zeit lang waren es in Widdersberg schwarze Katzen.“

Neu aufgenommene Katzen sollten erst mal einige Wochen in der Wohnung bleiben, rät Wieber. „Kleine Katzen mindestens sechs Wochen, wenn sie schüchtern sind, länger, drei bis vier Monate.“ In der Zeit würden sie „eine Bindung aufbauen und merken, dass sie gut versorgt werden“. Bei älteren Katzen sei diese Eingewöhnungszeit in der Regel kürzer.

„Es ist wie das eigene Kind“

 In der Nacht des Verschwindens war der gechippte Kater „Henry“ nach neun Wochen das erste Mal ein paar Stunden alleine unterwegs. Sodtke glaubt nicht, dass er weggelaufen ist, sagt aber: „Wenn man seine Katze vermisst, denkt man an alles.“ Ein Rentner, der das Tier angefüttert und Gefallen daran gefunden hat? Die Tat eines bösen Menschen, ein Racheakt? Oder doch ein Auto, das ihren Kater angefahren hat? Am Ende landet die Söckingerin oft bei ihrer Theorie vom Katzenfänger. „Das ist der Gedanke, der mich nicht schlafen lässt.“ Bei ihren nächtlichen Suchen hat sie gemerkt, wie einfach es ist, Katzen anzulocken. Mit Leckerlis ging sie die Strecke ab. „Alle Katzen kamen, nur ,Henry‘ nicht.“ Immer wieder ging sie, Nacht für Nacht. „So wenig habe ich noch nie gegessen, wir waren nur am Suchen.“ Bäche, Felder, Straßen. Ihr Lebensgefährte nahm sich Urlaub. „Es ist wie das eigene Kind, nur können sich Katzen nicht wehren.“

Sie haben darüber nachgedacht, eine Belohnung auszusetzen, Experten haben abgeraten. „Ein Tierliebhaber bringt die Katze auch so, bei einem Tierfänger ist sie schon eine Decke.“ Sodtke sagt das nüchtern, sie hat schon zu viel über solche Fälle gelesen. „Die machen Rheuma-Decken, obwohl das Katzenfell da gar nichts bringt. 1500 Euro kostet so eine Decke, 30 Katzen braucht man dafür.“ Sodtke blickt in die Leere. „Die Katze ist spurlos verschwunden“, sagt sie dann.

„Uns ist jedoch kein einziger Fall bekannt“

Was droht möglichen Katzenfängern? „Es handelt sich um den Diebstahl einer fremden beweglichen Sache“, erklärt Roland Stork von der Starnberger Polizei. Wenn die Staatsanwaltschaft den Fall verfolgt, können Freiheitsstrafen und Geldstrafen verhängt werden. Gerüchte um Katzenfänger – oft im Zusammenhang mit Altkleidersammlungen – halten sich seit zehn Jahren, heißt es auf Nachfrage bei der Tierschutzorganisation Tasso. 

„Uns ist jedoch kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Altkleidersammler wegen Katzendiebstahl rechtskräftig verurteilt wurde.“ Früher seien gestohlene Hunde oder Katzen an Versuchslabore verkauft worden. Seit Ende der Achtziger dürften aber nur noch gezüchtete Tiere für Versuche verwendet werden. „Bis dahin florierte der Handel mit gestohlenen Haustieren, der anschließend weitgehend zusammengebrochen ist.“ Das Verschwinden von Katzen könne viele Ursachen haben.

Über die denkt Sodtke nach. Die drei Spürhunde, die von einem Münchner Verein kamen, werden nicht mehr suchen. „Die haben einfach aufgehört“, sagt Sodtke. Sie hat auch aufgehört, nachts zu suchen. „Ich muss auch mal schlafen. Aber ich werde weitermachen.“

Hinweise

Wer „Henry“ gesehen oder Hinweise hat, kann sich unter z (0171) 4 96 85 28 an die Besitzer wenden.

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