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Gastronomie im Wandel: Wirte reagieren mit Änderungen - „Kommen einfach keine Bewerbungen“

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Von: Andrea Gräpel, Laura Forster

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Haben seit Anfang des Jahres geschlossen: das Restaurant und der Biergarten des Seehofs in Weßling. Julia Aenishänslin und ihr Mann Florian konzentrieren sich auf das Hotel- und Eventgeschäft – auch wegen Personalmangels.
Haben seit Anfang des Jahres geschlossen: das Restaurant und der Biergarten des Seehofs in Weßling. Julia Aenishänslin und ihr Mann Florian konzentrieren sich auf das Hotel- und Eventgeschäft – auch wegen Personalmangels. © jaksch

Corona hat die Gastronomie gebeutelt – das Personal hat sich während der Schließungen andere Jobs gesucht. Nun kommen die hohen Energiekosten dazu. Ein Umdenken hat bei den Wirten längst begonnen.

Landkreis – Das traumhafte Wetter vergangenes Wochenende hat die Bürgerinnen und Bürger noch einmal an die Seen im Landkreis Starnberg gezogen. Bei einer Tasse Kaffee, einem Radler oder einem Eisbecher haben viele die Spätsommersonne genossen. Nur der Biergarten des Seehofs in Weßling war wie leer gefegt.

Während sich im vergangenen Jahr noch die Gäste auf der Terrasse mit Seeblick tümelten, waren die Stühle und Bänke diesen Sommer unbesetzt. „Restaurant und Biergarten wegen Personalmangel geschlossen“, informiert ein Schild am Eingang die Besucher. Doch fehlende Mitarbeiter sind nicht der einzige Grund, weshalb sich Wirt Florian Aenishänslin Anfang des Jahres dazu entschied, die Küche kalt zu lassen.

Corona führt Gastronomie in Krise: Enormer Personalmangel - „Alternativen sind zu stark“

„Seit Januar konzentrieren wir uns nur noch auf den Hotelbetrieb, Events und Tagungen“, sagt Aenishänslin, der den Seehof vor eineinhalb Jahren übernommen hat. „Damit fahren wir sehr gut.“ Das Geschäft mit Restaurant und Biergarten sei über das Jahr gesehen wenig lukrativ. „Wir haben 2021 gearbeitet, aber kein Geld damit verdient.“ Zu hoch seien die Kosten für Personal, Lebensmittel und Energie, zu klein der Gastraum.

„Drinnen haben nur 40 Leute Platz. Außerdem ist im Winter meist eher wenig los.“ Saisonkräfte, die nur im Sommer arbeiten, seien schwer zu finden – seit der Pandemie hat sich die Lage noch einmal verschärft. „Viele haben nicht mehr so viel Lust auf einen Job in der Gastro und arbeiten lieber im Homeoffice. Die Alternativen sind leider zu stark.“ Auch im Housekeeping und an der Rezeption fehlen Aenishänslin die Mitarbeiter. „Wir bieten sogar eine tolle Wohnung in München an, doch es kommen einfach keine Bewerbungen.“

Corona beutelt Gastronomie: Klostergasthof in Andechs schließt bereits um 20 Uhr

Den Schritt gewagt zu haben, all die Energie in das Hotel und die Events und Tagungen zu setzen, bereut Aenishänslin „kein bisschen“. „Der Gastraum und den Biergarten nutzen wir weiterhin für das Frühstück.“ Außerdem steht ein Automat mit heißen und kalten Getränken für die Gäste bereit. „Ab und zu bestellt sich jemand eine Pizza. Bei den meisten kommt das neue Konzept gut an.“

Auch der Klostergasthof in Andechs hat mit der Wiedereröffnung im März auf ein paar Änderungen gesetzt. Die Wirte Manfred Heissig und Ralf Sanktjohanser haben entschieden, dass um 20 Uhr Schluss ist. „Natürlich gefällt das nicht jedem Gast, aber für die Mitarbeiter ist das ein Zuckerl, so früh schon Feierabend machen zu können. Außerdem sind die meisten, die bei uns einkehren, Tagestouristen. Hauptzeiten sind von 11 bis 17.30 Uhr“, sagt Sanktjohanser. 30 Festangestellte und Aushilfen arbeiten derzeit in Andechs. „Ein fairer Umgang ist uns wichtig.“ Über fehlende Mitarbeiter kann Sanktjohanser nicht klagen. „Der Kelch ist bisher an uns vorbeigegangen – und ich hoffe, dass das auch so bleibt.“

Sieben-Tage-Woche in Gastronomie nicht mehr zeitgemäß - „Müssen neue Regeln festlegen“

Dass sich in der Gastronomie etwas ändern muss, weiß auch Karl Kowollik. Der Seniorchef vom Sepperl-Wirt in Meiling sagt: „Wir werden in der Gastronomie neue Regeln festlegen müssen.“ Eine Sieben-Tage-Woche sei nicht mehr zeitgemäß. Es fehle der Nachwuchs. Das Gewerbe müsse attraktiv für junge Leute sein, die auch mal Freizeit haben möchten.

„Wir haben Glück, wir haben einen guten Personalstamm. Mitarbeiter, die zum Teil schon 30 Jahre dabei sind“, sagt er und weiß, dass das nicht ewig so bleibt. Gleich mehrere Gründe sind es, weshalb der Sepperl-Wirt heuer erstmals 14 Tage Betriebsferien hat. Das Personal sei das eine, ein anderer ist, dass das Haus eingerüstet ist, weil eine Solaranlage installiert wird. Denn die Energiepreise beuteln auch die Kowolliks. „Gastronomie ist sehr energieintensiv. Mit der neuen Anlage können wir immerhin Strom speichern und ihn selbst nutzen.“

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Bei der Überlegung, deshalb zuzusperren, kam den Wirtsleuten der Vorteil für die Personalsituation entgegen. „Wenn wir Betriebsurlaub machen, müssen wir nicht mit der halben Mannschaft arbeiten, weil sonst immer jemand im Urlaub ist.“ Weil es keinen Nachwuchs gibt und „wir unsere Mitarbeiter nicht verheizen wollen“, gibt es künftig montags und dienstags nun auch zwei Ruhetage – bislang gab es nur einen Tag. „Wir werden uns alle der neuen Situation anpassen“, sagt Kowollik, der den Sepperl-Wirt gemeinsam mit seiner Frau Barbara 1985 übernahm. Mittlerweile sind die Töchter mit im Geschäft. Und Kowollik bleibt optimistisch: „Andere Generationen haben andere Probleme gehabt. Es geht immer weiter.“

Eine Woche Betriebsurlaub mussten auch die Hembergers in Erling einlegen. Café und Hotel laufen sehr gut, aber die Personaldecke ist dünn. Viele hätten Kinder, mussten in den Ferien freinehmen. Deshalb blieb das Café eine Woche geschlossen. Geöffnet ist ohnehin nur von Donnerstag bis Sonntag.

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