Gastbeitrag 

Ich lebe freiwillig in einem Wohnmobil, obwohl ich ein hübsches Häuschen hatte

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Sie lebt ihren Lebenstraum auf vier Rödern; Christina Emmer. 

Nach der Trennung von ihrem Mann krempelte Christina Emmer aus Steinhöring ihr Leben komplett um. Sie folgt dem Lebensstil des Minimalismus und fühlt jetzt dadurch freier. Ein Gastbeitrag: 

Zwei Quadratmeter – alles, was ich noch habe, passt auf zwei Quadratmeter Lagerfläche. Ich stehe vor dem kleinen Lagerraum in Rosenheim und bin stolz. Ich hab es geschafft. Ich schließe die Türe und lasse das kleine Vorhängeschloss einschnappen. Das war’s. Hier, auf diesen zwei Quadratmetern und in meinem Wohnmobil ist nun mein ganzes Leben verstaut. 

Drei Monate lang habe ich geräumt, ausgemistet, entsorgt und sortiert. So viele Dinge hatten sich in 42 Jahren Leben, davon 12 Jahre Beziehung und sieben Jahre Familie angestaut. Ein Haus voller Sachen. Wer kennt das nicht? Irgendwo ist ja immer noch Platz um noch dies und das unterzubringen. Und was wir nicht alles „unbedingt“ brauchen… 

Ich habe mich entschieden, dass ich das allermeiste davon nicht mehr brauche. Am 24. Juni 2018 bin ich in mein Wohnmobil gezogen. Das war ein wirklich besonderer Tag für mich. Ich erfülle mir damit einen Lebenstraum. Irgendwie war da schon immer so ein kleiner Vagabund in mir, der durch die Welt ziehen und unabhängig sein wollte.

Aber, aber, aber... 

Ich weiß, dass viele diesen oder einen ähnlichen Traum haben. Doch meistens stellt man sich zuerst mal ganz viele Abers in den Weg: Aber geht das so leicht? Aber kann man denn einfach mal so in ein Wohnmobil ziehen? Aber was ist mit den Kindern? Und auch noch zwei Hunde? Aber was ist mit der Arbeit? Wie verdient man da sein Geld? Umsonst ist ja auch dieses Leben nicht. Aber was macht Ihr im Winter? 

Wenn man sich einen Herzenwunsch erfüllt, der vielleicht sogar etwas unkonventionell ist, ist es ratsam, diesen erst einmal zu hüten wie einen Schatz! Denn allzu schnell rausposaunt… und alle hauen Dir ihre eigenen Abers um die Ohren. Und das kann wirklich sehr schnell entmutigend sein. Natürlich kommt das immer gut getarnt als „Wir meinen es Dir ja nur gut!“ um die Ecke, doch in Wirklichkeit ist das gar nicht so gut gemeint, sondern dient meist nur der Selbstberuhigung. Wenn man nämlich anderen etwas erfolgreich ausredet, hat man wieder einen guten Grund, sich auch selbst nicht trauen zu müssen. 

Ich habe daher nur wenige Menschen von meinem Vorhaben erzählt. Zum einen denen, die mich unterstützen, zum anderen diejenigen, die wirklich hilfreiche Fragen stellen, ohne gleich die ganze Sache anzuzweifeln. Und als es dann soweit war, stellten sich mir dann ohnehin Fragen, an die überhaupt niemand gedacht hatte: Wo bringe ich nur die Schmutzwäsche unter? Wie kriege das Geschirr leise? Wie viele Messer brauche ich wirklich? Wo sind die nächsten Kloentleerungsstationen? 

„Meine Kinder werden nie vergessen, dass ihre Mama ein erfülltes Leben gelebt hat.“

Nach der Trennung den Lebenstraum wahr gemacht

Letzten Herbst hatte ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, diesen Lebenstraum wirklich wahr zu machen. Mein Mann und ich waren seit einem halben Jahr getrennt und die Frage stand im Raum, ob ich in unserem hübschen, geräumigen Einfamilienhaus mit nettem, pflegeleichten Garten wohnen bleiben würde oder nicht. Einerseits wäre das bequem. Alles war schon da. Voll eingerichtet. Nette Nachbarn, Kinderspielplatz um die Ecke – alles easy eben. Andererseits wäre das langweilig. Alles schon bekannt. Und wann würde ich es dann tun? Wann, wenn nicht jetzt? 

Also habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt und in diesem Frühjahr den Umzug meines Ex-Mannes aus unserem gemeinsamen Haus genutzt, um gleich mit anzupacken. Fast alles, was wir gemeinsam besessen haben, habe ich ihm gelassen und mich von allem befreit, was mein Leben belastete. Kairos, der geflügelte Gott der günstigen Gelegenheit, dessen Haarschopf man nur zu fassen bekommt, wenn er direkt vor einem steht, hätte seine reine Freude mit mir gehabt. 

Jetzt ziehe ich mit meinem Wohnmobil durch Deutschland und nach und nach beantworten sich alle Fragen wie von selbst: Google weiß immer die nächste Kloentleerungsstation. Das Geschirr klappert weniger, wenn ich Küchenrolle zwischen die Teller lege. Ich habe 5 Messer und das reicht locker. Ich arbeite online und heute gibt es wunderbare Möglichkeiten auch im Wohnmobil Internet zu haben. 

Stehplatz in der Nähe der Schule

Die Kinder finden das alles abenteuerlich. Mein Ex-Mann und ich betreuen die Kinder 50:50 und in der Woche, in der sie bei mir sind, habe ich einen Stellplatz in der Nähe der Schule. Wie der Winter wird, wird sich zeigen. Zum Glück habe ich eine Heizung und zwei Gasflaschen an Bord. Also immer eine auf Reserve. 

Nur eines macht mir wirklich Sorgen: Meine Schmutzwäsche hat immer noch keinen festen Platz. Der Wäschekorb steht einfach immer irgendwie im Weg. Jemand eine Idee? 

Wenn mich heute jemand fragen würde, ob ich für alles schon eine Lösung wusste, bevor ich es gewagt habe, in ein Wohnmobil zu ziehen, dann antworte ich mit einem ehrlich Nein. Doch genau hier liegt das Geheimnis: Viele Dinge im Leben zeigen sich uns erst dann, wenn wir losgehen. Wir können nicht alles im Voraus sehen und planen. Manche Dinge liegen eben erst hinter der nächsten Weggabelung. Nur wenn wir mutig losgehen und ins Unbekannte springen, eröffnen sich neue Wege. 

Wir sind auf diesem Planeten außerdem nicht alleine. Immer gibt es irgendwo irgendwen, der uns helfen kann oder eine Lösung weiß. Ich wohne jetzt erst zwei Monate in meinem Wohnmobil und habe schon so viele tolle Erfahrungen machen dürfen. Wenn Du mehr darüber wissen, mein Abenteuer ein wenig miterleben oder Dich vielleicht sogar inspirieren lassen willst, ich schreibe auf Facebook immer wieder über meine Erfahrungen. 

Auf Deutschland-Tour für ein Buch

Im kommenden Jahr ziehe ich in meinen kinderfreien Wochen mit meinem Wohnmobil durch Deutschland und frage Menschen, was für sie ein erfülltes Leben bedeutet. Daraus wird ein Buch entstehen und wer weiß, was noch alles… 

Wenn Du einen Traum hast, dann lebe ihn – ganz egal was andere sagen! Ich kann heute sagen, dass ich meine wichtigste Mission bereits erfüllt habe: selbst, wenn ich morgen nicht mehr hier sein sollte, werden meine Kinder nie vergessen, dass ihre Mama ein erfülltes Leben gelebt hat und ihren größten Traum wahr gemacht hat. Das ist meine wichtigste Botschaft an sie. Und an alle Menschen da draußen. Wie Dich. Sei mutig! Und tu, was Du wirklich willst!

Diesen Gastbeitrag schrieb Christina Emmer.

Auf Facebook können Sie Christina Emmers Deutschland-Tour verfolgen

Gastbeiträge auf Merkur.de und tz.de 

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