Streit mit Amt um Taxi zur Arbeit

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Fährt täglich Taxi für 120 Euro: Nadya Habig ist seit ihrer Geburt behindert, führt aber ein weitgehend normales Leben.

Zorneding – Weil Nadya Habig zu 100 Prozent behindert ist, zahlte ihr die Arbeitsagentur ein Auto. Dann baute sie einen Unfall. Seitdem bringt sie ein Taxi für viel Geld zu ihrer Arbeitsstelle – auch auf Kosten der Behörde. Doch bald streicht das Amt die Unterstützung.

Jeden Morgen fährt Nadya Habig mit dem Taxi zur Arbeit. Der Taxifahrer holt sie vor ihrer Haustür in Zorneding ab und lässt sie in München-Pasing aussteigen. Rund 120 Euro kostet dieser Luxus am Tag. Luxus, den die Arbeitsagentur München bezahlt und den Habig gar nicht haben will. „Jetzt fühle ich mich erst richtig behindert“, sagt sie.

Habig, 32, blonde Haare, zierliche Statur, sitzt an ihrem Wohnzimmertisch und sortiert einen Papierstapel. Briefe, die von einem Knatsch mit der Arbeitsagentur stammen, der am 4. November 2010 begann, als sie den Unfall baute. Dabei erlitt ihr Auto, das die Behörde bezahlt hatte, einen wirtschaftlichen Totalschaden von rund 4600 Euro.

Die Vorgeschichte: Habig kam mit einem offenen Rücken auf die Welt, trägt eine Prothese am linken Bein. Sie ist zu 100 Prozent behindert. Trotzdem machte sie eine Ausbildung zur Kinderpflegerin, bekam zwei Kinder. Doch ihr Zustand verschlechterte sich. Seit fünf Jahren lindert sie ihr Leiden mit Morphium. Heute kann sie nicht einmal mehr S-Bahn fahren. „Am Zornedinger Bahnhof gibt es keinen Aufzug“, klagt sie. Deshalb stellte ihr die Agentur ein Auto, die Versicherung stemmte sie selbst. Sie brauchte einen Automatikwagen, in den ein Rollstuhl passt. Damit fuhr Habig zu dem Münchner Kindergarten, in dem sie arbeitet. Trotz ihres Handicaps gaben sie ihr dort einen unbefristeten Arbeitsvertrag. „Das ist für eine behinderte Person wie ein Sechser im Lotto.“

Der Unglückstag: Habig hält mit ihrem Auto an einem Stopschild. Ein Bus versperrt ihr die Sicht. Langsam tastet sie sich in die Kreuzung. Von rechts kommt ein anderes Auto, das voll in ihr Fahrzeug prallt. Sie rief sofort bei der Agentur an. „Ich weiß nicht, wie ich jetzt in die Arbeit kommen soll“, sagte sie zu einem Sachbearbeiter, der ihr Mut machte. Mit einem guten Gefühl im Bauch schickte sie einen Antrag samt Gutachten an die Behörde und bat um ein neues Fahrzeug. Kurz darauf flatterte die Ablehnung in ihren Briefkasten. Das Amt zweifelte das Gutachten an. Der Schaden sei reparabel, hieß es. Die Zornedingerin legte Widerspruch ein. Seitdem wartet sie auf Antwort, fährt Taxi. Jedoch ist dies nur bis Ende Februar bewilligt. Wie sie ab März in die Arbeit kommen soll, weiß Habig nicht. Sie befürchtet, arbeitslos zu werden. „Das würde den Staat noch mehr Geld kosten“, sagt sie. Die Taxikosten betragen schon rund 4000 Euro. Doch damit nicht genug: Weil Habig die Reparaturausgaben nicht begleichen konnte, belaufen sich die Stellkosten für das Auto in der Werkstatt mittlerweile auf 664 Euro. „Die Agentur hat am Telefon gesagt, ich müsste das alles selber zahlen und einen Kredit aufnehmen.“ Das könne sie bei ihrem Einkommen nicht. Ihr Lebensgefährte ist derzeit arbeitslos.

Auf Nachfrage unserer Zeitung wunderte sich die Arbeitsagentur zunächst, warum Habig das Auto nicht längst reparieren ließ. Aber nach Rücksprache versprach Pressesprecherin Daniela Meier: „Noch diese Woche laden wird Frau Habig zu einem Gespräch ein.“ Dabei will die Behörde prüfen, ob sie ein Darlehen oder sogar einen Zuschuss für die Reparatur erhält. Eines stehe allerdings jetzt schon fest: „Ein weiteres neues Auto kann von uns nicht finanziert werden.“

Marlene Kadach

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