Komplikationen aufgetreten

Horrorvorstellung für viele Mütter: Sturzgeburt im Treppenhaus - weil der Weg zur Klinik zu weit war 

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Glück pur: Andreas und Rosina Kohlhauf mit Baby Eva und der großen Schwester Theresa (1). Dass es dem Säugling heute gut geht, verdankt die Familie zwei kompetenten Notärzten und drei Sanitätern des BRK-Kreisverbands.

Die kleine Eva hatte es eilig: Ihre Geburt in Bad Tölz verlief dramatisch. Die Mutter klagt an, dass das Risiko für das Kind hätte vermieden werden können.

Bad Tölz – Eine klassische Sturzgeburt ist für viele werdende Mütter aus dem Südlandkreis eine Horrorvorstellung – vor allem, seit es in Bad Tölz keine Geburtshilfe mehr gibt. Rosina Kohlhauf aus Lenggries ist genau das passiert.

„Wir schaffen es nicht rechtzeitig ins Krankenhaus.“ Diese Erkenntnis trifft Rosina Kohlhauf auf Höhe der Osterleite in Bad Tölz. Die Wehen kommen bereits alle drei Minuten. Die Mutter von Rosina Kohlhauf beschließt, den AOK-Parkplatz an der Jahnstraße anzufahren. Hier kommt am 2. Mai um 13.55 Uhr Eva Kohlhauf zur Welt. Doch es gibt Komplikationen.

Mitleid will die Familie mit ihrer Geschichte nicht erregen. Aber Aufmerksamkeit. „Wir möchten erreichen, dass die Diskussion über eine Geburtshilfe-Abteilung in Bad Tölz am Laufen gehalten wird“, sagt Rosina Kohlhauf. Allen Protesten zum Trotz wurde diese im Frühjahr 2017 geschlossen. Viele werdende Mütter im Südlandkreis treibt seitdem die Sorge um, dass sie es zur Geburt nicht mehr rechtzeitig in die verbliebenen Kliniken in Wolfratshausen, Starnberg, Garmisch oder Agatharied schaffen.

Sturzgeburt in Bad Tölz: Weg bis zur Kreisklinik Wolfratshausen war zu weit

Wie oft dieses Szenario bislang eingetreten ist, darüber existieren keine Zahlen. Im Frühjahr 2018 hatte der Fall einer Dietramszellerin für Schlagzeilen gesorgt, die ihr Baby auf der Straße vor der Kreisklinik in Wolfratshausen zur Welt gebracht hatte. Weitere Fälle sind auch dem leitenden Notarzt im Landkreis, Dr. Tobias Reploh, nicht bekannt. Trotzdem würde es der Tölzer Kinderarzt sehr befürworten, wenn es in der Kurstadt wieder eine Geburtshilfe gäbe. Zwar seien die Rettungs- und Notarztwagen auch für eine Geburt ausgestattet und die Sanitäter entsprechend geschult. „Bei Komplikationen ist es aber immer besser, im Krankenhaus zu sein.“

Eine stationäre Geburt wäre auch für Rosina Kohlhauf und ihre Tochter besser gewesen. So aber brachte die 28-Jährige ihr zweites Kind im Krankenwagen auf die Welt. „Das Köpfchen wurde noch in der AOK geboren.“ Im Treppenhaus der Krankenkasse hatte Rosina Kohlhauf auf ein paar Handtüchern gelegen und auf den Rettungswagen gewartet. Der war zwar innerhalb von Minuten da. Trotzdem spürte Rosina Kohlhauf bereits das Köpfchen. „Ich kann mich nicht daran erinnern, wie viele Presswehen ich hatte“, sagt die Lenggrieserin. „Aber an die verdutzten Gesichter der AOK-Mitarbeiter.“

Baby kommt in Krankenwagen zur Welt - doch dann gibt es Komplikationen 

Kaum schieben die Sanitäter die Trage in den Krankenwagen, ist das Baby da. Doch Eva schreit nicht. Als Medizinische Fachangestellte ist Rosina Kohlhauf schnell klar: Es stimmt etwas nicht. „Eva war relativ schlapp und grünlich.“ Notarzt Dr. Wolfgang Stemmer tut genau das Richtige und alarmiert Tobias Reploh.

Der Kindernotarzt fordert sofort einen Helikopter mit Inkubator aus München an. Was Eva genau hatte, möchten die Eltern nicht preisgeben. Nur soviel: Sechs Tage muss Eva im Klinikum Großhadern intensivmedizinisch betreut werden. Am achten Tag darf sie nach Hause.

Oft überlegt Rosina Kohlhauf, ob sie sich früher von Lenggries aus auf den Weg in die Kreisklinik nach Wolfratshausen hätte machen müssen. „Beim Mittagessen war aber noch alles in Ordnung.“ Gegen 13.15 Uhr bekam sie Bauschmerzen, um 13.30 Uhr stieg sie ins Auto, um 13.55 Uhr war das Baby da. Eine klassische Sturzgeburt. „Ich hätte die Entscheidung zur Abfahrt nicht früher treffen können.“

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Gut einen Monat nach der Geburt geht es Baby Eva prächtig – dank des schnellen und kompetenten Handelns der beiden Notärzte und der drei Sanitäter. „Wir sind allen sehr dankbar“, sagt Rosina Kohlhauf. Trotzdem ärgert es sie und ihren Mann, dass landesweit eine Geburtshilfe-Abteilung nach der anderen schließt. „Die Politik darf und kann sich nicht darauf ausruhen, dass zumindest der Standort in Wolfratshausen gesichert werden konnte“, findet Rosina Kohlhauf. Ihr Mann verweist auf geltendes EU-Recht, wonach eine trächtige Kuh seines Wissens nach vier Wochen vor dem Geburtstermin nicht mehr transportiert werden darf. Schwangere Frauen hätten selbst kurz vor der Geburt keine andere Wahl. „Das ist schon ein Armutszeugnis.“

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