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„Für die Kunden ist es ganz arg“ – Traditionsgeschäft in oberbayerischer Altstadt schließt nach 30 Jahren

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Von: Elke Robert

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Schweren Herzens schließen sie ihren Tabakladen in der Schongauer Christophstraße: Ingeborg und Mario Di Egidio suchen einen Nachfolger.
Schweren Herzens schließen sie ihren Tabakladen in der Schongauer Christophstraße: Ingeborg und Mario Di Egidio suchen einen Nachfolger. © ELKE ROBERT

Seit 30 Jahren verkauft das Ehepaar Di Egidio in Schongau Tabakwaren, Fanartikel und Zeitschriften – nun soll Schluss sein. „Es tut wahnsinnig weh“, so die Geschäftsfrau.

Schongau – „Im Grunde sind es immer die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben einen Wert geben.“ Mit diesem Zitat von Wilhelm von Humboldt und einem kleinen Präsent bedanken sich Ingeborg und Mario Di Egidio für die Treue ihrer Kunden. Seit nahezu 30 Jahren führt das Ehepaar in der Christophstraße seinen Tabakladen – doch Ende des Jahres hören die beiden auf – aus persönlichen, familiären Gründen.

Vor allem Ingeborg Di Egidio fällt der Schritt schwer. Immer wieder kämpft sie im Laufe des Gesprächs mit den Tränen, es ist förmlich greifbar, wie emotional belastet sie derzeit ist. Aber sie folgt dennoch diesem Rat, weil Geschäftsleben und Privates sich einfach nicht mehr gut miteinander vereinbaren lassen, zu viel ist alles geworden in diesem Jahr.

Tabakladen schließt nach 30 Jahren: Im Laufe der Zeit Freundschaften geschlossen

„Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht.“ Von ihrem Stuhl im Büro aus hat die 65-Jährige den Laden gut im Blick, Mario (69) bedient vorne die Kundschaft. 1993 mit dem Fasching starteten die beiden mit dem Laden. „Wir dachten uns, beim Faschingszug kommen viele Leute in die Stadt, das ist gleich eine gute Werbung für uns“, erzählen sie.

„Für die Kunden ist es ganz arg“, ist sich Ingeborg Di Egidio sicher. Es gebe viele, die sonst gar keine Ansprache hätten. Man habe im Laufe der Zeit Freundschaften gewonnen, private Verbindung aufgebaut. „Es gibt viele, die nur mal rasch hereinschauen auf einen Ratsch und gleich wieder weiterziehen – auch Kunden, die längst aufgehört haben zu rauchen“.

Ob Marktoberdorf, Landsberg oder Bad Bayersoien – viele kämen, weil man hier ihre Wünsche gerne erfülle. Sie hätte etwa Zeitschriften beiseitegelegt, damit man auch wirklich keine verpasse. Und der 69-Jährige sei oft stundenlang in der Werkstatt gesessen, um ein Lieblingsfeuerzeug zu reparieren. „Weil wir so eine Freude daran hatten, wenn der Kunde zufrieden war.“ Es sei eben mehr als nur ein Geschäft.

Nachfolger für Tabakladen in der Schongauer Altstadt gesucht

Die beiden Eheleute haben auch versucht, einen Nachfolger zu finden, der das Sortiment übernimmt, auch bundesweit hätten sie ihre Fühler ausgestreckt. „Aber die Zeit arbeitet nicht für uns“, formuliert es die 65-Jährige. Erst Corona, jetzt die hohen Energiekosten, keine guten Voraussetzungen, um Investitionen zu tätigen. „Keiner weiß ja, wie es weitergeht, was da noch kommt.“ Dabei würden die beiden sogar beim Einstieg eines Nachfolgers unterstützend zur Seite stehen. Interessenten seien durchaus da, jeden Tag käme jemand, der sich erkundigt. Aber irgendwie ist es wohl auch ein Lebenswerk, das Ingeborg und Mario Di Egidio in fremde Hände legen wollen. „Es muss auch passen“, sagt sie. Wenigstens die Ablöse müsse stimmen.

Der Ausverkauf läuft längst, wobei es auf allen Waren, die eine Steuerbanderole tragen, ohnehin keine Rabatte gibt. Auch Zeitschriften sind nicht reduziert, auf alle anderen Waren gibt es 50 Prozent, am 31. Dezember ist der letzte Tag. In der Christophstraße wird es dann noch ein bisschen leerer werden. Der „Rote Erker“ mache zu, an der Ecke Weinstraße steht der ehemalige Schreibwarenladen noch immer leer. Der Besitzer habe mit den neuen Pächtern großes Pech gehabt, bedauern die beiden. Auch der MühlenMarkt hat am heutigen Freitag vor Weihnachten seinen letzten Tag.

(Lesen Sie auch: Es hätte eine Erfolgsgeschichte werden können, doch es ist anders gekommen: Nach einem Jahr hat Tanja Jahn beschlossen, Lechladen und Lechcafé in Schongau aufzugeben.)

„Wir hätten uns den Ruhestand schon verdient“ - trotzdem fällt der Abschied schwer

Seit 47 Jahren sind die beiden verheiratet. Und sie wissen noch genau, wie sie zusammenkamen. Er habe im Vorbeifahren so lange geschaut – bis es krachte. „Damals hat man noch richtig kurze Röcke getragen“, erzählt Ingeborg. Und wird sofort korrigiert: „Der Rock war nicht zu kurz, aber die Beine zu lang.“ Viel Zeit für sich hätten sie in den vergangenen Jahren aber nicht gehabt. Allein 23 Jahre lang war die Geschäftsfrau in der Werbegemeinschaft Altstadt Schongau aktiv, erst als Beisitzerin, dann in der Vorstandschaft.

„Wir hätten uns den Ruhestand schon verdient“, so Ingeborg Di Egidio, kann den neuen Lebensabschnitt, der auf sie zukommt, aber vielleicht noch nicht so recht greifen. Griffbereit im Regal liegt dagegen ihr Skizzenbuch mit Entwürfen von Stickmustern – dafür hätte sie gerne wieder mehr Zeit. Und Mario ist eigentlich Schreiner – mit geschickten Händen. „Ich habe bereits eine lange Liste von ihr mit Dingen, die ich endlich erledigen soll, eine Liste ohne Ende“, so sein humorvoller Hinweis, dass auch er für einen Ruhestand wohl kaum Zeit haben wird. Vielleicht zur Goldenen Hochzeit dann.

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