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Mit der Inflation brummt das Gold-Geschäft: Was eine Goldankäuferin täglich erlebt

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Von: Cornelia Schramm

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Wegen hoher Energiepreise und der Inflation boomt das Gold-Geschäft, auch bei Goldankäuferin Marie Leobner am Tegernsee. Ein Geschäft zwischen Leid und Luxus.

Tegernsee – Marie Leobner, 57, hat viel gesehen. Aber heute staunt selbst sie. Statt einer Schatulle haben ihre Kunden, Vater und Sohn, einen Koffer voll Schmuck dabei. Leobner öffnet die Holztür zu ihrem Laden. Einbrecher haben an ihr einmal tiefe Kerben hinterlassen.

Der Sohn, Anfang 50, betritt den Laden und zieht den Koffer hinter sich her. Der Vater, Mitte 80, folgt ihm auf einen Gehstock gestützt. Erst wollte der Sohn Marie Leobner nur Fotos von dem Schmuck, den sie verkaufen möchten, schicken. Aber so gibt die Goldankäuferin keine Einschätzung ab: „Kommen Sie ruhig zu mir. Ich muss den Schmuck sehen und Punzen und Steine vor Ort prüfen, um Sie beraten zu können.“ Charmant scherzt sie: „Sie werden bei mir zu nichts verhaftet.“

Goldankauf nimmt mit Krise zu - auch bei Goldankäuferin Maria Leobner am Tegernsee

Marie Leobner sagt diesen Spruch oft mehrmals am Tag. So will sie Kunden die Scheu nehmen. Heffner am See, ihr Laden in Tegernsee (Kreis Miesbach), ist nicht groß, aber lichtdurchflutet, freundlich. Im Schaufenster liegt neben Schmuck, den sie nach dem Ankauf wieder verkauft, auch ein Acrylgebiss dekoriert mit einem Goldzahn. Auf einem Schild steht: „Ich kaufe Zahngold auch mit Zahnresten und Anhaftungen.“ Vielen ist es peinlich, Zahngold zu verkaufen. „Auf der Goldwaage spielt das aber keine Rolle und bringt Bares.“

Marie Leobner in ihrem kleinen Geschäft in Tegernsee.
Marie Leobner in ihrem kleinen Geschäft in Tegernsee. Die Inflation sorgt bei ihr für Kundschaft. © Thomas Plettenberg

Mit „verhaften“ meint Leobner auch, dass niemand verkaufen muss. Fällt ein „Wenn der Opa das wüsste“ rät sie manchmal lieber vom Verkauf ab. Denn: Wen das schlechte Gewissen plagt, der kommt vielleicht nie wieder. Den Fall hatte Leobner schon mit einer Frau, die nach einer Woche den Schmuck ihrer verstorbenen Tante zurück haben wollte. Durch Zufall war der noch da. Viel Drama, aber kein Geschäft.

Leobner stellt keine Fragen und hat keine Vorurteile

Goldankauf ist diskret. Warum jemand verkauft, spielt für Leobner keine Rolle. Kein Vorurteil. Kein Nachfragen. Manche erzählen aber von selbst: Eine Frau brach einmal in Tränen aus, weil sie Schmuck verkaufen musste, um eine neue Waschmaschine kaufen zu können. Ein anderer Kunde kam mit einem Goldbarren. Sein Auto war kaputt. Auch am Tegernsee gibt es solche Probleme.

Ein Ankauf läuft immer gleich ab: Leobner prüft den Schmuck und schlägt einen Preis vor. Oft können Kunden nicht fassen, dass das Erbstück viel weniger wert ist als erhofft. Aber: Ist Schmuck kaputt oder nicht zeitgemäß, also unverkäuflich, entscheidet rein das Gewicht auf der Waage über den Preis.

Zurzeit ist mehr los als sonst. „Viele Kunden tauschen gerade Altgold, etwa alten Schmuck, als Kapitalanlage in Goldmünzen oder Barren um“, sagt Marie Leobner. „Bei den hohen Energiepreisen machen viele ihr Altgold aber auch einfach zu Geld.“ Bei den Kollegen in der Region sei das ähnlich. Auch bei Pro Aurum, dem größten, deutschen Edelmetallhandelshaus, beobachtet man das. „Goldankauf wird immer stark nachgefragt, wenn der Preis hoch notiert ist“, sagt Sprecher Benjamin Summa.

Mit dem Schmuck wollen sie einen Grabstein kaufen

Auch Vater und Sohn wollen Bargeld. Der Schmuck gehörte ihrer verstorbenen Ehefrau und Mutter. Danach gefragt hätte Leobner nie. „Von dem Geld wollen wir meiner Mutter einen neuen Grabstein kaufen“, sagt der Sohn und öffnet den Koffer. In Schatullen und Samtbeuteln sind zig Ringe, Ketten, Broschen, Armbänder und Ohrringe sortiert.

Das „Heffner am See“ von außen.
Das „Heffner am See“ von außen. © Thomas Plettenberg.

Leobner öffnet eine vergilbte Schachtel: ein Ring, haselnussgroßer Stein, opulenter Goldkranz. Ein Zettel liegt dabei: „9,5 Gramm“. Der Sohn hat alle Stücke gewogen. „Das Gesamtgewicht ist nicht immer entscheidend“, sagt Leobner. Alle Stücke müssen separat bewertet werden – nach Goldlegierungen und danach, ob sie wiederverkaufbar sind. Leobner schaut durch die Lupe: „18 Karat Gold, Amethyst.“

Vier weitere Ringe folgen: ein Goldring mit Perlen, Opalen und Rubinen. Ein Artdéco-Ring mit Aquamarin, groß wie ein Airwaves-Kaugummi. Ein antiker Opal-Ring und einer mit einem knallgelben Zitrin. Die akribisch beschrifteten Zettel landen im Müll. Leobner muss konzentriert sein. Urteilt sie falsch, kann sie das Hunderte, heute sogar Tausende von Euro kosten.

Diamanten prüft sie mit einem Gerät, das wie eine Pistole aussieht. Heute blinkt es grün. Echte Brillanten. Das ist nicht immer so. Manchmal liegen „wertvolle Erbstücke“ auf dem Verkaufstisch, das Gerät blinkt aber nicht. Heißt: Urgroßmutters Diamant-Ring ist aus Glas. „Da sind Kunden dann sehr enttäuscht“, sagt Leobner. Und die Reaktionen immer anders: Lachen, Wut, Tränen.

Sie hat durch ihr Geschäft gelernt, Menschen zu lesen

Es gibt auch fröhliche Tage: 3.000 Euro hat Leobner letztens einer 80-Jährigen ausbezahlt. „Die Dame ist vor Überraschung fast umgefallen.“ Der Ankaufspreis richtet sich nach dem tagesaktuellen Goldpreis, der Grammpreis nach der Legierung. Ein Anteil ist Leobners Provision.

Altgold in einer Waagschale
Bei Altgold zählt das Gewicht. © Thomas Plettenberg

Ihr Wissen hat sich Marie Leobner in den 17 Jahren, die sie ihren Laden hat, selbst angeeignet. So wie das Menschenlesen. Schnell muss sie einschätzen, wer vor ihr sitzt. Dubiose Angebote hatte sie schon – und hat „Lehrgeld“ bezahlt. Für ein falsches Armkettchen einmal 500 Euro. „Ich hätte anfeilen müssen, wollte es aber intakt weiterverkaufen“, sagt sie. Aber schon am nächsten Tag stand ein Mann mit dem gleichen Armband vor ihr. Unbedingt wollte er verkaufen. Sie wimmelte ihn ab. Bauchgefühl.

Wegen ihrer Fehleinschätzung geriet Leobner damals schnell ins Visier von Verbrechern. Gleich mehrere Personen boten ihr danach Falschgold an. „Das ist mein Risiko. Ich muss nicht ankaufen, was mir vorgelegt wird“, sagt sie. Nach dem Schock von damals feilt sie heute alles an oder macht den Säuretest.

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„Behalten Sie ihn als Andenken“ - manchmal wird auch vom Gold-Verkauf abgeraten

So auch bei Vater und Sohn. Einige Schmuckstücke aus ihrem Koffer sind ungestempelt, aber echt. Sie stammen aus dem Orient, vermutet Leobner. „Meine Eltern stammen aus Saudi-Arabien“, sagt der Sohn. „Schmuck haben sie auf Reisen gekauft.“

Ein Bettelarmband voll Souvenirs liegt jetzt vor der Goldankäuferin. Einen Anhänger erkennt der Sohn wieder: Der goldene Dackel war mal ein Mitbringsel für ihn. „Behalten Sie ihn als Andenken“, sagt Leobner. „Er ist nicht schwer. Wir kriegen heute genug zusammen.“

Dann kramt der Sohn eines der skurrilsten Stücke hervor, das je vor Leobner lag: ein aus Menschenhaar geflochtenes Armband von 1831. „Ein Fall für ein Auktionshaus“, sagt sie. „Zu schade für den Ofen, zu speziell für den Weiterverkauf.“ Es kommt zurück in den Koffer, wie einige veraltete Stücke namhafter Juweliere. Leobner empfiehlt für den Verkauf eine Juwelenbörse.

5.410 Euro zahlt Marie Leobner Vater und Sohn heute für Altgold aus. Von zwei Ringen, einer Brosche und einem Korallen-Anhänger trennen sie sich auch. Am Rest hängt zu viel Erinnerung – oder die genannten Preise sind zu gering. Mit 6.610 Euro verlassen Vater und Sohn Marie Leobners Laden. Der Koffer ist noch voll. Der Grabstein aber jetzt bezahlt.

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