Buchhalter (43) sitzt in U-Haft

Todes-SMS an 17-Jährige: So tickt der irre Stalker

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In einem unscheinbaren Mietshaus in Fürstenried West lebte der Stalker.

Ismaning - Der Albtraum für Steffi K. (17) ist endlich vorüber, ihr Stalker wurde gefasst. Der Münchner Buchhalter (43) sitzt in U-Haft. Wie fies der Mann aus Forstenried tickt, zeigen nicht nur seine Droh-SMS.

Die Angst war am Ende derart übermächtig, dass sich Steffi K. (17) noch gar nicht so recht freuen kann, dass der Albtraum vorüber ist: Die Polizei hat den gefährlichen Stalker ermittelt, der die 17-Jährige aus Ismaning seit Monaten mit immer wilderen Drohungen verfolgte. Es handelt sich um einen Münchner Buchhalter (43), ein Exkollege von Steffi. In fanatischer Weise hatte sich Christian E. ( Name geändert) zuletzt in einen E-Mail- und SMS-Terror gegen die 17-Jährige hineingesteigert. Vorläufiger Höhepunkt des infamen Psychoterrors: In der letzten Woche schaltete der Stalker für Steffi K. eine Todesanzeige in der Süddeutschen Zeitung und drohte ihr in seinen letzten SMS unverhohlen mit Mord bzw. Entführung. Dann jedoch beging er  - glücklicherweise - einen Fehler...

Die Original-SMS nach Informationen des Radiosenders Bayern 1 (HIER klicken für vergrößerte Version)

Der Terror begann im Mai mit vergleichsweise harmlosen SMS, in denen Steffis Gewohnheiten verhöhnt wurden. Bald veränderte sich der Ton, wurde bedrohlicher und unverschämter. Die Familie erstattete Anzeige bei der Ismaninger Polizei. In der letzten Woche schließlich erschien die Todesanzeige. Die Rechnung wurde mit gestohlenen Kartendaten bezahlt. Ab da übernahmen die zuständigen Ermittler des Kommissariats 22 den Fall. Die „SoKo Nachruf“ wurde gegründet. Sechs Beamte versuchten in mühevoller Kleinarbeit, an die Telefon-Verbindungsdaten des unbekannten Stalkers heranzukommen. Fehlanzeige: Die E-Mails kamen aus einem Internetcafé am Hauptbahnhof, die Horror-SMS (siehe Auszüge) von Prepaid-Handys. Nachverfolgung zwecklos. Auch alle Nachforschungen in Steffis Freundes- und Bekanntenkreis verliefen im Sande. Zu diesem Zeitpunkt wurde bereits ernsthaft erwogen, Steffi zu ihrem eigenen Schutz an einen geheimen Ort zu bringen. Die ganze Familie war mit den Nerven am Ende.

Dann jedoch unterlief dem Täter ein Fehler. Er schickte eine weitere SMS mit einer Telefonnummer, die scheinbar nachvollziehbar war. Möglicherweise hatte er einfach die Handys verwechselt. Genaueres wollte Kriminaloberkommissar Marco Müller dazu nicht sagen. Die Spur führte jedenfalls geradewegs zu Buchhalter Christian E., der zuletzt bei einer bekannten großen Münchner Firma arbeitete  und seit vielen Jahren völlig unauffällig im ersten Stock eines Mehrfamilienhaueses in Forstenried lebte. So unauffällig, dass selbst seine direkten Nachbarn ihn allenfalls vom Grüß-Gott-Sagen am Briefkasten kennen.

Horror-Nachrichten mit Entführungsabsichten erreichten die 17-Jährige (HIER klicken zur Vergrößerung).

Christian E. befindet sich seit längerer Zeit in psychiatrischerBehandlung. Bereits in den Jahren 2006 und 2010 fiel er auf, als er einen Kollegen und vier Jahre später seine Exfreundin mit SMS-Schmähungen verfolgte. Auch dies waren bereits Stalking-Fälle, die aber nicht so extrem verliefen und nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch auf dem Privatklageweg beigelegt wurden. Die derzeit einzig erkennbare Verbindung zu Steffi besteht darin, dass Christian E. einst in dem Betrieb gearbeitet hatte, in dem Steffi eine Ausbildung machte. Es gab keinen Streit und schon gar keine Liebesbeziehung. Selbst Christian E.’s Strafverteidiger Gerhard Bink ist in diesem Punkt noch ratlos:  „Über sein Motiv sind wir uns alle noch im Unklaren.“

Der Buchhalter wurde am Mittwoch am Arbeitsplatz festgenommen, in seiner Wohnung eine Vielzahl von Handys und Speichermedien beschlagnahmt. Er hat  ein Geständnis abgelegt und sitzt in U-Haft. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft, weil er Steffi  in Todesängste stürzte. Sie befindet sich in ärztlicher Behandlung. Die Münchner Polizei bearbeitete im vergangenen Jahr 260 Stalking-Fälle. Rund 15 davon nahmen derart bedrohliche Ausmaße an.

Dorita Plange, Eberhard Unfried

Hier spricht die Mutter des Opfers

Das Stalking eskalierte mit dieser Todesanzeige in der SZ.

Es war die erste Nacht seit Langem, in der Steffi K. (17) endlich wieder ruhig schlafen konnte. Am Abend hatte sie erfahren: Ihr Stalker ist gefasst. Wochenlang lebte das sonst so lebenslustige Mädchen in Angst und Schrecken. Noch immer wird sie von Psychologen betreut und muss Medikamente nehmen. „Wir sind durch die Hölle gegangen“, erzählt ihre Mutter Gerlinde K. gegenüber dem Münchner Merkur. Nachdem die Drohungen und Beleidigungen per SMS und E-Mail in einer Todesanzeige eskalierten, traute sich Steffi kaum mehr aus dem Haus. „Nicht mal mit dem Fahrrad ist sie irgendwo hingefahren“, sagt ihre Mutter. Wenn sie irgendwo hin musste, wurde ein Fahrdienst organisiert. Auf ein Fest in der Gemeinde ging sie nur unter Begleitschutz der Polizei. Bis zur Festnahme des Täters konnte Steffis Mutter nicht über das Thema sprechen, „ohne in Tränen auszubrechen“. So groß war der Druck. Die Ungewissheit, wer hinter den Stalking-Attacken steckt, hat die Familie fast verzweifeln lassen. Das ging sogar so weit, dass sie niemandem mehr traute, auch nicht aus dem Freundes, Vereins- und Bekanntenkreis. „Wir haben jedem misstraut, es gab nur noch ganz, ganz wenige, die wir in unser Haus gelassen haben“, erzählt Gerlinde K. Enge Freunde der 17-Jährigen hatten sich von Steffi distanziert - aus Rücksichtnahme. Einer hatte der Tennisspielerin aus Ismaning sogar eine Nachricht geschrieben, nachdem der Täter gefasst war: „Ich habe mich nicht mehr gemeldet, weil ich gewusst habe, dass du mich auch verdächtigst.“ Dass es nun aber ein Arbeitskollege aus der Firma ist, bei der die 17-Jährige gerade eine Ausbildung macht, damit habe niemand gerechnet. „Steffi war schockiert und tief enttäuscht, als sie erfahren hat, wer dahintersteckt“, sagt ihre Mutter. Es habe keinerlei Anzeichen gegeben, keine Auseinandersetzung und keinen Streit mit diesem Kollegen. Die Gründe für den wochenlangen Psychoterror sind für die Familie deshalb noch immer völlig schleierhaft.

Trotzdem fällt nun erst einmal eine große Last von der Familie. „Wir sind alle erleichtert und hoffen, dass jetzt Ruhe einkehrt“, so Gerlinde K. Sie wünscht sich, dass der Stalker ihrer Tochter eine gerechte Strafe bekommt.  „Für alles, was er uns angetan hat“. Angst habe sie nun nur noch vor dem Prozess: „Wenn ich daran denke, dass ich so einem Menschen gegenüberstehen muss, das ist ein schlimmer Gedanke.“

Patricia Kania

Albtraum Stalking: So kann man sich schützen

Stalking-Experte Dr. Hans Peter Schmalzl.

Es ist der Albtraum eines jeden: verfolgt und belästigt über Wochen von einem Unbekannten. Für Stefanie K. aus Ismaning ist dieser Albtraum nun zum Glück vorbei, doch jährlich werden 600 000 Menschen in Deutschland Opfer von Stalking. Oft sind es - anders als bei der 17-jährigen Tennisspielerin - Exfreunde oder Menschen aus dem Bekanntenkreis, die zum Stalker werden. Doch was kann man tun, wenn man verfolgt und belästigt wird? „Sobald man das Gefühl hat, verfolgt, belästigt oder bedroht zu werden, ist es wichtig, klar ein Zeichen zu setzen“, sagt Dr. Hans Peter Schmalzl vom Zentralen Psychologischen Dienst der Polizei. Man könne nie früh genug gegen das Stalking vorgehen. „Sagen Sie klar, dass Sie keinen Kontakt wollen - höflich, aber unmissverständlich“, ist Schmalzls Tipp. Denn: „Leider kann jeder zum Opfer werden.“ Stalking passiert meist aus verschmähter Liebe oder Trennung, so dass in vielen Fällen schon eine klare Ansage helfen kann. Das Problem: Der Gestalkte will den Expartner oft nicht so hart zurückweisen, reagiert ambivalent, weil er dem anderen nicht weh tun will - und sagt schnell Sätze wie „Vielleicht können wir irgendwann ja wieder Freunde sein, nur jetzt bitte keinen Kontakt.“ Doch unklare Aussagen geben dem Stalker Hoffnung. Bei psychotischen Stalkern helfe eine Ansage oftmals nicht. „Hier ist es wichtig, sich professionelle Hilfe zu holen“, so Schmalzl. Solche Stalker verrennen sich in eine Idee oder Wahnvorstellung. Die Polizei hilft Stalking-Opfern, gibt Tipps und Tricks und tritt auch in Erscheinung. „Bei leichteren Stalking-Fällen hilft es, wenn die Polizei dem Täter klar macht, dass er den Kontakt unterbinden soll.“ Wichtig ist: Ein Opfer ist niemals wehrlos. „Es gibt Möglichkeiten der erfolgreichen Reaktion“, so der Experte. Wichtig sei es, sich frühzeitig Hilfe zu holen, ob bei Polizei, Bekannten und Freunden oder Vereinen. „Halten Sie früh genug das Stoppschild hoch.“

LF/AW

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