Drama von Dachau

Prozess findet ohne Angeklagten statt

+
Vergeblicher Rettungsversuch: Staatsanwalt Tilman Turck wurde von den Schüssen tödlich verletzt.

Dachau - Als Rudolf U. im Januar im Dachauer Amtsgericht um sich schießt, tötet er nicht nur einen Staatsanwalt, er verändert auch die bayerische Justiz. Ab heute muss er sich wegen Mordes verantworten. Der Prozess findet allerdings ohne ihn statt.

Als Rudolf U. zum bisher letzten Mal vor Gericht steht, geht es um eine Bagatelle. Es ist kurz nach 16 Uhr am 11. Januar als sich Richter Lukas Neubeck im großen Sitzungssaal C des Amtsgerichts Dachau erhebt, um im Namen des Volkes sein Urteil zu verkünden. Gleich würde er endlich vorbei sein, dieser lästige Prozess, der sich nun schon seit Monaten hinzieht. Schuldig des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt in 55 Fällen, sagt Richter Neubeck.

Es ist ein Delikt, das sperriger klingt als es ist. Rudolf U., 55, hatte drei Mitarbeiter seiner inzwischen insolventen Spedition nicht ordnungsgemäß angemeldet und keine Sozialabgaben gezahlt. Ein Routinefall. Das Urteil: ein Jahr auf Bewährung. Der Angeklagte hat damit gerechnet. „Das war mir klar“, ruft Rudolf U. Was dann kommt, damit hat niemand gerechnet. U. zieht eine Pistole aus der Jackentasche, streckt den linken Arm aus und feuerte zwei Mal auf Tilman Turck, den Staatsanwalt. Die erste Kugel durchschlägt den rechten Unterarm, dringt in die Leiste ein und reißt eine Schlagader auf. Die zweite trifft den Juristen in die Brust, durchschlägt die Lunge, streift das Herz. Turck bricht zusammen.

Alles geht blitzschnell. Richter, Protokollführer und die Verteidigerin von Rudolf U. flüchten unter den Richtertisch. Der Schütze dreht sich um, schießt weiter. Die nächste Kugel schlägt genau dort ein, wo gerade noch Richter Neubeck gestanden hat. So trifft sie glücklicherweise nur den Heizkörper. Rudolf U. geht in die Saalmitte. Nun greifen zwei Zeugen ein. Ein Beamter des Zolls und ein Mitarbeiter der Rentenversicherung, die zuvor gegen Rudolf U. ausgesagt hatten und noch im Saal saßen, werden an diesem Tag zu Helden. Es gelingt ihnen, den Täter zu Boden zu ringen. Der schießt immer noch um sich. Eine Kugel trifft den Stuhl des Protokollführers, zwei schlagen im Sockel des Richtertisches ein.

Die spektakulärsten Verbrechen Münchens

Die spektakulärsten Verbrechen Münchens

Als Rudolf U. überwältigt ist, kommen Richter, Protokollführer und Verteidigerin aus der Deckung. Die Rettungskräfte bringen Tilman Turck kurz vor 16.30 Uhr ins Klinikum Dachau. Er wird sofort notoperiert. Vergeblich, die Verletzungen sind zu schwer. Turck stirbt.

Heute, fast zehn Monate später, muss Rudolf U. wieder vor Gericht. Diesmal in München und jetzt geht es nicht mehr um eine Bagatelle. Der Vorwurf lautet nun auf Mord und dreifachen versuchten Mord. Aus Rache für das Urteil soll er getötet haben, sagt die Staatsanwaltschaft. Die Justizbeamten werden den Angeklagten wohl in einem Bett in den Gerichtssaal schieben. Beide Beine mussten dem schwer zuckerkranken Rudolf U. in der Untersuchungshaft amputiert werden.

Lange war nicht klar, ob überhaupt verhandelt werden kann. Ein erster Termin im Oktober platzte, weil U. sich weigerte, sich das zweite Bein abnehmen zu lassen, in dem sich eine Blutvergiftung ausgebreitet hatte. Er wolle „in Würde sterben“, hatte er seinem Verteidiger Maximilian Kaiser aus Landshut gesagt. Im letzten Moment stimmte U. der lebensrettenden Operation dann aber doch zu.

Über die Umstände der Einwilligung ist ein Streit entbrannt. Laut seinem Verteidiger habe man Rudolf U. getäuscht – man habe ihm erzählt, dass er mit seiner Blutvergiftung andere Menschen anstecken könnte. Außerdem sei er durch Morphium nicht mehr klar bei Bewusstsein gewesen. U. sei „zwangsamputiert“ worden, „um ihn so für den Prozess am Leben zu erhalten“, sagt der Verteidiger. Er spricht von einem Skandal.

Das Justizministerium widerspricht und betont, dass es „keinerlei Druck“ gegeben habe. Bei einer gerichtlichen Anhörung erklärte Rudolf U., dass er sich selbst zur Amputation entschieden habe. Er habe Angst vor dem Tod gehabt. Bei der Anhörung habe U. einen klaren Eindruck gemacht, sagte eine Gerichtssprecherin. Er habe gesagt, er wolle an der Verhandlung teilnehmen und sich verteidigen. Rudolf U. soll dabei auch die Taten gestanden haben, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Thomas Steinkraus-Koch. U. habe zugegeben, dass er nicht nur den Staatsanwalt, sondern auch Richter Neubeck habe töten wollen.

Für die Angehörigen und Kollegen von Tilman Turck muss die Debatte um die Gesundheit des Angeklagten wie Hohn klingen. Turck war erst 31 Jahre alt, hatte gerade geheiratet, als er starb. In New York hatte er seine Ehefrau Gretchen, eine amerikanische Juristin, kennengelernt, die aus Liebe zu ihm nach München gezogen war. Beide wollten bald eine Familie gründen. Über ihren verstorbenen Mann will die Witwe öffentlich nicht sprechen.

Auch Turcks ehemaliger Arbeitgeber, die Staatsanwaltschaft München II, will sich nicht äußern. Turck galt als Top-Jurist. In den Staatsexamen gehörte er zu den besten seines Jahrgangs, dann studierte er an einer New Yorker Elite-Universität weiter, wird dort „Master of Law“. Am 1. Januar 2011, fast genau ein Jahr vor Rudolf U.s Tat tritt er in den bayerischen Justizdienst ein. Als Staatsanwalt für Wirtschaftsstrafsachen ist er in den Amtsgerichten im Münchner Umland unterwegs – von Freising bis Garmisch-Partenkirchen. Staatsanwalt war sein Traum-Job, erzählt eine Kollegin von Turck.

Auch die Doktorarbeit über „Priorität im europäischen Insolvenzrecht“ hatte er schon abgegeben. Sein Doktorvater bezeichnete die Dissertation bei Turcks Beerdigung als Juwel, als wegweisend. Er ist sich sicher: „Mit seinem Talent und seiner heiteren Art hätte er es bis ans Bundesverfassungsgericht gebracht.“ Seine Lockerheit, seine Beliebtheit, davon sprechen Freunde und Kollegen immer wieder. Öffentlich schweigen fast alle. „Ich habe einen Freund verloren“, sagt einer. Ein anderer: „Wir waren alle Opfer dieser Straftat.“

Tatsächlich hat Rudolf U.s Tat etwas verändert. Nicht nur in den Leben der Opfer und der Angehörigen, sondern in der ganzen Justiz. Viele Staatsanwälte wirken verschlossener in diesen Tagen. Auch die Gerichtsgebäude waren vor dem 11. Januar 2012 offener. Man wollte sich nicht abschotten, Einlasskontrollen sollte es nur stichprobenartig geben. Nur in den großen Strafjustizzentren gab es auch vorher schon die Eingangsschleusen, Metalldetektoren und Röntgengeräte. Nach der Bluttat von Dachau ist man sich schnell einig: das muss sich ändern. Künftig soll jeder kontrolliert werden, der die bayerischen Gerichtsgebäude während der Sitzungszeiten betritt. Staatsanwälte und Richter hatten nach der Schießerei aufbegehrt, einige Staatsanwälte weigerten sich sogar, ohne Kontrollen in Sitzungen zu gehen.

Die Kontrollen geben vielen Justizangestellten ein Gefühl von Sicherheit. Doch sie lösen auch noch ein anderes Gefühl aus: Erinnerung und Trauer. Eine Richterin erzählt, dass sie bis heute nicht an den neuen Schleusen vorbeigehen kann, ohne daran zu denken, warum es sie jetzt gibt. „Sie führen einem vor Augen, was im Januar passiert ist.“

Inzwischen gibt es an allen mehr als 200 Gerichtsgebäuden in Bayern Durchsuchungen. Doch dafür braucht man Personal. In drei Etappen werden 140 neue Stellen geschaffen. Im Jahr 2012 wurden 70 Wachtmeister eingestellt, bis März 2014 sollen 70 weitere folgen. Außerdem arbeiten seit 1. September 130 private Sicherheitsleute in den Justizgebäuden. Diese Zahl soll bis Anfang 2014 mehr als verdoppelt werden. Teilweise muss auch umgebaut werden. In vielen Eingangsbereichen werden Pforten, Schleusen und Drehkreuze installiert. Rund 3,67 Millionen Euro wurden dafür im Nachtragshaushalt 2012 bereitgestellt. 2013 und 2014 sollen insgesamt weitere 31 Millionen Euro für die Verbesserung der Sicherheit in Justizgebäuden ausgegeben werden. Man habe sofort neu über die Sicherheit in Justizgebäuden nachgedacht und dann rasch und entschlossen gehandelt, sagt Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU): „Damit unsere Gerichtssäle Orte bleiben, an denen mit Worten und nicht mit Waffen gestritten wird.“

Aber sind die Gerichte nun verschlossener? Schrecken die Kontrollen die Bürger ab, die früher im Zuschauerraum saßen? Nicht jeder lässt gern seine Tasche durchwühlen. Da murrt der eine oder andere, berichtet ein Wachtmeister. Aber die meisten Besucher seien einverstanden. Wenn eine potenzielle Waffe gefunden wird, bleibt sie vorübergehend bei den Beamten. Am häufigsten finden sie Taschenmesser und Feilen, hin und wieder ein Pfefferspray.

Das Justizministerium betont, dass aus den Gerichten keine abgeschotteten „Trutzburgen“ geworden seien. Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass die Bürger das so empfinden. Man gehe davon aus, dass die Bürger Verständnis haben, dass die Kontrollen der Sicherheit „und der Verhinderung solch schrecklicher Vorfälle wie in Dachau dienen und dazu notwendig sind“, teilt das Ministerium mit.

Ohne den Angeklagten hat am Montag der Prozess um den Mord an einem Staatsanwalt in Dachau begonnen. Für den schwer kranken Todesschützen war eigens ein Krankenbett am Münchner Landgericht aufgebaut worden. Der 55-Jährige wurde aber aufgrund seines schlechten Gesundheitszustand nicht ins Gericht gebracht.

Für Tilman Turck kommt all das zu spät. Mit 62 Zeugen und zehn Sachverständigen will das Gericht ab heute klären, wie es zu den Dachauer Todesschüssen kam. Im Zuschauerraum werden dann auch die Witwe, die Eltern und Kollegen des ermordeten Staatsanwalts sitzen und hören, was vor dem 11. Januar passierte.

Auf 13 Seiten hat die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift die komplette Tat rekonstruiert. Die Verhandlung im Januar war schon der zweite Sitzungtag. Einen ersten Termin im Oktober 2011 hatte das Gericht verlegt, der insolvente Angeklagte war gerade auf einer Kreuzfahrt. Am 5. Dezember 2011 wird dann zum ersten Mal verhandelt. Rudolf U. schreit, schimpft, unterbricht Richter und Staatsanwälte. Er habe sich nichts vorzuwerfen, sagt er, alle Spediteure hätten Subunternehmer-Verträge mit ihren Fahrern. Das Gericht vertagt, will Zeugen hören.

Am 11. Januar 2012 soll der Prozess aus Rücksicht auf die Gesundheit von Rudolf U. erst um 15 Uhr fortgesetzt werden. Der Angeklagte hatte bereits einen Schlaganfall und ist seitdem teilweise gelähmt. Die Verteidigerin trifft sich um 13 Uhr mit dem Angeklagten, damit er auch sicher auftaucht. Sie gehen zusammen ins Schlosscafé. Dort trinkt Rudolf U. zwei Bier. Und wettert so übel über den Richter und das angebliche Unrecht, dass sich Gäste und Mitarbeiter belästigt fühlen. Seine Anwältin versucht immer wieder, ihn zu beruhigen. Vergeblich. Was niemand ahnt: Rudolf U. trägt da schon die halbautomatische Pistole, Kaliber 6,35 Millimeter, in der Jackentasche. Sie ist voll geladen – sechs Patronen im Magazin, eine im Lauf. Und sie ist bereits entsichert. In der Jackentasche stecken auch noch elf Reservepatronen.

Um 14.53 Uhr eröffnet Richter Neubeck die Verhandlung. Rudolf U. poltert, schimpft, regt sich über die Aussagen der Zeugen auf, unterbricht den Staatsanwalt während des Plädoyers. In seinem letzten Wort beharrt er darauf, sich richtig verhalten zu haben. Als das Urteil fällt, fallen die Schüsse, die seither so viel verändert haben. Eine Kollegin von Tilman Turck bringt es auf den Punkt: „Letztlich ist ein bisschen heile Welt kaputt gegangen.“

Nina Gut

auch interessant

Meistgelesen

Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Frau von Lkw gerammt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Dutzende Pendler sauer: Zugführer fährt ohne Fahrgäste los
Dutzende Pendler sauer: Zugführer fährt ohne Fahrgäste los
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
Spektakuläres Feuerwerk in Wolfratshausen: Rührender Grund
Spektakuläres Feuerwerk in Wolfratshausen: Rührender Grund

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion