Tödliche Verwechslung in Herrsching

Täter gesteht: "Ich habe den Falschen erschossen"

+
Wolf G. leidet seit Jahrzehnten an Schizophrenie, die Verwechslung bedauert er „zutiefst“.

München - Der wohl skurrilste Kriminalfall Deutschlands ist nach fast 19 Jahren endlich aufgeklärt! In seinem Wahn tötete Wolf G. einen Mann, weil er im Telefonbuch verrutscht war.

Auf diesen Moment hat Erika Enzesberger exakt 6861 Tage gewartet: Als Wolf G. (65) um 9.33 Uhr im Rollstuhl in den Gerichtssaal geschoben wird, sieht die Witwe dem Mörder ihres Mannes zum ersten Mal in die Augen.

Der wohl skurrilste Kriminalfall Deutschlands ist nach fast 19 Jahren endlich aufgeklärt! Der Angeklagte gesteht: „Ich habe den Falschen erschossen!“ Weil er im Telefonbuch um drei Zeilen nach unten gerutscht war!

Die unfassbare Geschichte beginnt am 4. Januar 1996: Wolf G. taucht bei der Herrschinger Polizei auf und teilt Inspektionschef Max Enzbrunner mit, dass Mitglieder der Russen-Mafia Fotos in der Klosterkirche Andechs gemacht hätten. In seinem Wahn ist G. plötzlich davon überzeugt, dass Enzbrunner selbst zur Mafia gehört – und ihn bestimmt bald von Hintermännern ermorden lässt.

Tagelang denkt Wolf G. an nichts anderes mehr und beschließt, den Polizisten selbst umzubringen. Dann die fatale Namensverwechslung: Als sich G. in einer Telefonzelle Max Enzbrunners Wohnadresse sucht, landet er bei Josef Enzesberger. „Ich befand mich in einer nie gekannten Ausnahme-Situation“, sagte er am Dienstag vor Gericht.

Statt des Inspektionschefs nimmt Wolf G. den Bibliotheks-Angestellten ins Visier: Er lauert ihm am 8. Januar 1996 vor dessen Haus in der Koebkestraße auf und feuert insgesamt fünfmal auf Enzesberger ab, als dieser gerade das Haus verlässt. Die Rechtsmedizin diagnostiziert hinterher vier tödliche Treffer im Brustbereich. Die Waffe vom Typ Walther PPK wirft der Killer auf der Rückfahrt nach München in den Nymphenburger Schlosskanal – und hinterlässt auch sonst keine Spur.

Die Kripo rekonstruierte den Fall jahrelang bis ins Detail, befragte 1300 Personen und fahndete per Phantombild. Auch die Witwe selbst und das Opfer gerieten durch perfide Ermittler-Theorien zwischenzeitlich ins Zwielicht. Bis Wolf G. im Frühjahr sein Schweigen brach und sich seinen Ärzten anvertraute. „Mir fiel ein Stein vom Herzen“, sagte Erika Enzesberger damals der tz. „Mein Mann ist endlich rehabilitiert. Ich selbst habe ja schon immer gewusst, dass er nichts getan hat. Aber dem Mörder kann ich niemals verzeihen.“ Das Urteil soll am 28. Oktober fallen.

… und er hätte sterben sollen

Der Herrschinger Ex-Polizeichef Max Enzbrunner wurde zehn Monate vor dem Mord durch den Andechser Einschlag bekannt.

„Wenn ich mir vorstelle, dass ich seit 19 Jahren tot sein sollte? Da läuft es einem schon ein bisserl kalt den Rücken runter.“ Als Max Enzbrunner im Frühjahr von der tödlichen Namensverwechslung erfahren hatte, stockte ihm noch der Atem. Bei seinem Auftritt gestern als Zeuge vor Gericht, gab er sich schon bedeutend abgeklärter. „Eigentlich bin ich völlig unberührt, auch nicht schockiert. Diese lange Zeit dämpft die Emotionen. Mich wundert nur, dass das Phantombild von damals dem Täter überhaupt nicht ähnlich ist.“ Der frühere Herrschinger Polizeichef konnte sich auch nicht mehr an das Gespräch mit dem späteren Mörder auf der Wache erinnern. Er bezweifle, dass es überhaupt stattgefunden habe.

Max Enzbrunner war Monate vor dem Mord weltweit bekannt geworden: Als Inspektionsleiter hatte er im März 1995 den Andechser Meteoriteneinschlag verkündet. München war – so schien es – einer Katastrophe entgangen. Tatsächlich handelte es sich bei dem Einschlag aber um eine Sprengung. Enzbrunner wurde mit dem Spitznamen „Meteoriten-Max“ bedacht.

Sebastian Arbinger, Eberhard Unfried

auch interessant

Meistgelesen

Pflege zu teuer: Pensionär holt seine Frau wieder nach Hause
Pflege zu teuer: Pensionär holt seine Frau wieder nach Hause
Frau von Lkw zermalmt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Frau von Lkw zermalmt: „Da ist man auch als Polizist betroffen“
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
Vermisster 23-Jähriger wieder aufgetaucht
14-Jährige von acht Männern vergewaltigt?
14-Jährige von acht Männern vergewaltigt?

Kommentare