„Wir hatten immer Angst um dich!“

Totgeprügelter Jordan (25) – so trauern seine Eltern

+
Vater Wolfgang N. (59) bleibt nur noch die Erinnerung an seinen Sohn Jordan.

Er wurde niedergeschlagen und sterbend zurückgelassen - noch immer macht der Tod von Koch-Azubi Jordan N. (25) fassungslos. Die Eltern haben ihr einziges Kind inzwischen beerdigt.

München - Es war ein Ritual, an dem Jordan sein Leben lang eisern festhielt. Nach jedem Treffen, jedem Telefonat mit Mutter oder Vater verabschiedete er sich stets von ihnen mit dem Satz: „Ich liebe dich.“ Drei Worte, die nun sein Vermächtnis sind. Denn Jordan N. (†25) lebt nicht mehr. In der Nacht zum 31. März 2017 wurde der Koch-Lehrling auf dem Heimweg von der Arbeit im Dornacher NH-Hotel von zwei 16-jährigen Räubern niedergeschlagen und sterbend zurückgelassen. Als man ihn Stunden später fand, war es zu spät. Knapp drei Wochen nach diesem unfassbaren Verbrechen haben die Eltern ihr einziges Kind nun in Erding auf dem Friedhof St. Paul beerdigt.

Jordan wuchs auf Lanzarote auf. Seine spanische Mutter Leonor C. lebt heute auf Gran Canaria. Sein deutscher Vater Wolfgang N:  (59), Schreiner von Beruf, hat an diese ersten Jahre so schöne Erinnerungen: „Er war ein besonderes Kind, immer schon so voller Liebe.“ Ungerechtigkeit und Gewalt konnte Jordan nicht ertragen: „Als er vier Jahre alt war, kündigte er seinem Kumpel die Freundschaft, weil der heimlich die eigene Schwester schlug“, erinnert sich Wolfgang N.. Eine von unzähligen Anekdoten, mit denen Jordan bis zuletzt immer wieder Menschen zum Staunen und Lachen brachte.

Die Wege der Eltern trennten sich später. Zu beiden hielt Jordan eng Kontakt. Auch, als sein Vater nach Schicksalsschlägen den Halt verlor und mittellos in einer Erdinger Männer-Unterkunft landete: „Er hat immer zu mir gestanden.“

„Die ganze Welt stand ihm offen“

Dabei hatte auch Jordan Startprobleme gehabt. Mithilfe der Initiative Joblinge für arbeitslose junge Menschen aber hatte er seinen Weg als Koch-Lehrling im NH-Hotel gefunden: „Er war so stolz und glücklich. Er hatte neue Freunde und tolle Kollegen gefunden. Die ganze Welt stand ihm plötzlich offen“, sagt sein Vater. Im Büro der Joblinge-Initiative hängt ein großformatiges Bild mit einem Motiv Roy Lichtensteins, das der künstlerisch begabte Azubi selbst gemalt hat.

Zur Beerdigung kam Jordans Mutter nach Erding. Auch am Tatort legten die Eltern Blumen nieder. Dort entdeckte der Vater am Laternenmast einen Ausdruck mit dem Polizeifoto seines toten Kindes und einen Text, der ihn empörte: „Jemand hat Jordans Tod dazu missbraucht, übel gegen Ausländer zu hetzen, weil die Täter keine Deutschen sind. Jordan war selbst Ausländer, und drei Viertel seiner Kollegen sind es auch. Wer immer das war: Schämt euch!“

Vor der Bestattung haben sich die Eltern von Jordan verabschiedet, ein letztes Mal seine Hände und Stirn geküsst. Ruhe gefunden aber hat Wolfgang N. aber nicht: „Alle Gedanken kreisen nur um ihn. Ich muss den Rechtsmediziner noch fragen, ob Jordan gelitten hat. Das ist mir sehr wichtig.“

Im Nachlass fand der Vater eine Art Tagebuch, in dem der 25-Jährige Gedanken, Rezepte, Erlebnisse und auch seine Träume und Ziele notiert hatte. Gleich die ersten betrafen alle den Vater. „Er wollte, dass ich eine eigene Wohnung finde und an der Berufsschule noch einmal die Schreiner-Gesellenprüfung ablege, damit ich wieder arbeite.“

Einen von Jordans Wünschen hat Wolfgang N. schon erfüllt: In Kürze zieht er zur Miete in ein eigenes Zimmer bei einem guten Freund.

Kraft gibt den tieftraurigen Eltern die Freundschaft und Zuneigung von Jordans Freunden. Auf das Sterbebildchen ihres Kindes schrieben sie darum: „Jede Träne von Euch war eine Träne weniger für uns.“

Aus der Grabrede der Mutter

„Jordan, mein geliebter Schatz! Ich hatte immer Angst um Dich, frag nicht warum. Und es schien mir immer ungenügend, was ich für Dich tat. Verzeih mir (...), dass ich in Deinem schlimmsten Moment Deine Hand nicht halten konnte. Ich danke Dir für die vielen Küsse, Umarmungen, die vielen „ich liebe Dich“, mit denen Du niemals gegeizt hast, wie Du immer darauf bestanden hast, alle Süßigkeiten mit mir zu teilen, und die improvisierten Tänze, um mich zum Lächeln zu bringen (…) Ich möchte, dass Du weißt, wie stolz ich auf Dich bin, Dein (…) Wachsen, die große neue Familie, die Du um Dich herum geschaffen hast, Freunde und die Arbeit. (...) Ich weiß ja, wie Du Dich darauf gefreut hast, mir das alles selbst zu zeigen, und das tut mir so unendlich weh. Unsere letzten Worte waren die von immer; diese, die wir wie ein Mantra uns wiederholten seit Du ein kleines Kind warst und schlafen gingst oder ausgingst und seit einiger Zeit per Telefon: „Mami, ich liebe Dich so sehr!“ – „Ich liebe Dich auch so sehr, mein großer Schatz…“

Auch interessant

Meistgelesen

Tödlicher Unfall in Gröbenzell: S-Bahn erfasst Puchheimer
Tödlicher Unfall in Gröbenzell: S-Bahn erfasst Puchheimer
Alkohol-Orgien, Raser, Vandalen - Freisinger berichten von Katastrophen-Viertel
Alkohol-Orgien, Raser, Vandalen - Freisinger berichten von Katastrophen-Viertel
Schüler und Rentner (92) krachen mit den Rädern zusammen - Krankenhaus
Schüler und Rentner (92) krachen mit den Rädern zusammen - Krankenhaus
Polizei durchsucht Wohnung von Radldieb und macht gefährliche Entdeckung
Polizei durchsucht Wohnung von Radldieb und macht gefährliche Entdeckung

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion