Frau um ihr Erbe gebracht?

92-Jährige fordert von Tutzing 96.000 Euro

164 Quadratmeter am Starnberger See: Die Gemeinde hatte das gesamte Nordbad-Gelände verpachtet. Auch das Privatgrundstück (roter Kreis)

Tutzing - Die Gemeinde Tutzing hat jahrelang unwissend ein Seegrundstück verpachtet, das ihr nicht gehört. Bürgermeister Stephan Wanner handelte es der 92-jährigen Besitzerin nun für 8000 Euro ab. Sie erfuhr erst später, was es wert gewesen wäre.

Theresia Vielreicher war erstmal sprachlos. Ein paar Monate ist es her, als sie einen Brief bekam. Aus Tutzing (Kreis Starnberg), von Bürgermeister Stephan Wanner persönlich. Er teilte ihr damals mit, dass sie auf dem Nordbad-Gelände ein schmales Stück Grund besitzt. Ganz im nördlichen Bereich, knapp 30 Meter vom Seeufer entfernt, aber immerhin 164 Quadratmeter. Dieses Grundstück hatte einst der Schwester des langjährigen Chamer Stadtpfarrers gehört. Sie vererbte es ihrem Bruder. Als er 1992 starb, vermachte er es Theresia Vielreicher, die 43 Jahre lang seine Haushälterin und Köchin gewesen war.

Die Gemeinde Tutzing hatte das gesamte Areal jahrelang verpachtet – ohne zu wissen, dass dazu ein Stück Privatgrund gehörte. Bei der Pachtverlängerung vor zwei Jahren kam das kleine Grundstück erstmals zur Sprache. Pächter Klaus Greif wurde damals informiert, dass die Eigentümerin nicht mehr ausfindig gemacht werden könne. Die Gemeinde verpachtete einfach das ganze Gelände – wie seit den 1980er Jahren. Bürgermeister Wanner betont, davon habe er nichts gewusst. Erst wegen eines Nachbarschaftsstreits um Lärm und Öffnungszeiten habe er sich Pachtvertrag und Eigentumsverhältnisse näher angeschaut – und sich dann selbst auf die Suche nach der ahnungslosen Eigentümerin gemacht.

Vor kurzem griff er zum Telefon und rief die 92-jährige Oberpfälzerin an, um ihr das kleine Seegrundstück abzukaufen. Wanner hatte sich auf das Gespräch vorbereitet, er wusste, dass er es mit einer ehemaligen Pfarrersköchin zu tun hatte. Als er merkte, dass sie nicht begeistert auf sein Kaufangebot reagierte, fragte er sie, ob sie bereit sei, das Grundstück an einen ehemaligen Ministranten abzutreten. Seine Taktik war erfolgreich, Vielreicher sagte zu, das Grundstück zu verkaufen – für 8000 Euro. Ein kleineres Grundstück direkt am Seeufer soll kürzlich für eine Summe zwischen 300 000 und 400 000 Euro den Besitzer gewechselt haben.

Alles sei korrekt abgelaufen, versichert Wanner. Er habe mit dem Kaufangebot die Fehler seiner Vorgänger korrigieren müssen, die das Grundstück über viele Jahre vermietet hatten, obwohl es der Gemeinde nicht gehörte. Wanner ist seit fünf Jahren Rathauschef in Tutzing – und erstaunt, dass niemand vor ihm auf die Idee kam, die Eigentumssituation am Nordbad zu prüfen.

Theresia Vielreicher hingegen hat erst nach ihrem Gespräch mit dem Bürgermeister erfahren, wie viel das Grundstück eigentlich wert gewesen wäre. In einem Gespräch mit der Mittelbayerischen Zeitung sagte sie, es wäre „ein bisserl ausg’schamt“, sie wolle jedoch nicht nachtarocken. Das scheint sich die 92-Jährige mittlerweile anders überlegt zu haben. Sie wirft der Gemeinde nun in einem Brief arglistige Täuschung vor und fordert von der Gemeind eine Nachzahlung in Höhe von 96 000 Euro. Wanner wies den Vorwurf gestern zurück und bezeichnete die Nachforderung als ungerechtfertigt. Das gelte seiner Meinung nach auch für rückwirkende Pachtzahlungen. Denn Recherchen hätten ergeben, dass die Gemeinde der früheren Eigentümerin der Teilfläche die Grundsteuer erlassen habe und sie im Gegenzug auf die anteilige Pachtzahlung verzichtet hatte.

Der von Wanner hinzugezogene Immobilienwissenschaftler Siegfried Sandner wollte sich noch nicht auf einen Wert des Grundstücks festlegen. Das müssten Sachverständige ermitteln. Ob sie eingeschaltet werden, ließ Wanner noch offen. Er wollte die Frage zunächst in nichtöffentlicher Gemeinderatssitzung diskutieren. Offen ist bisher auch, ob Theresia Vielreicher den Verkauf anfechten wird.  

nz/mm

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