Elf Monate nach der Insolvenz

Müller-Brot: Viel Arbeit für den Staatsanwalt

Neufahrn - Seit Monaten ermittelt die Justiz im Zusammenhang mit der Müller-Brot-Pleite wegen Insolvenzverschleppung und Verstößen gegen das Lebensmittelrecht - eine Sisyphusarbeit.

Vielen Verbrauchern blieb der Bissen regelrecht im Hals stecken, als sie von den Zuständen bei Müller-Brot erfuhren: Mäusedreck und Kakerlaken in den Rührbottichen und Backöfen - und das schon lange, ohne dass es abzustellen war. Am 30. Januar 2012 zogen die Lebensmittelkontrolleure die Notbremse: Produktionsstopp in der Fabrik so groß wie sieben Fußballfelder. Zwei Wochen später meldete Haupteigentümer Klaus Ostendorf Insolvenz an.

Seit fast einem Jahr ruht nun der Betrieb in der stillgelegten Fabrik in Neufahrn bei Freising. Die Tochter des Firmengründers, Evi Müller, kaufte an Ostern zusammen mit dem Münchner Bäcker Franz Höflinger zwar einen Großteil der Müller-Brot-Filialen. Die Semmeln, Brezn und das Brot werden aber in anderen Bäckereien im Großraum München hergestellt. Nach Bekanntwerden des Hygieneskandals hatte Müller, obwohl schon lange nicht mehr bei dem Unternehmen engagiert, bekannt: „Ich schäme mich zutiefst.“ Das Vertrauen der Kunden in die Marke Müller-Brot sei „mit Füßen getreten worden“.

Nach Übernahme der Filialen versprach sie, wieder in alter handwerklicher Tradition vor allem die einst so geschätzten Müller-Brezn zu backen: „Wir sind Bäcker, wir haben Bäckerseelen.“ Über Ostendorf, der das Familienunternehmen 2003 mehrheitlich gekauft hatte, sagte sie: „Mein Vater hatte eine ganz andere Vorstellung, als er diesem Mann sein Unternehmen verkaufte. Er sieht dies heute als den größten unternehmerischen Fehler seines Lebens.“

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) äußerte den Verdacht, dass Ostendorf nichts anderes beabsichtigt habe als „sich mit einer Insolvenz der Mehrheit der Beschäftigten und der Schulden kostengünstig zu entledigen“. Rund 1250 Mitarbeiter verdienten bis zur Pleite in Produktion und Vertrieb ihr Gehalt.

Nicht einmal eine 600 000 Euro teure Generalreinigung von 55 000 Quadratmetern Arbeitsfläche hatte des Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) davon überzeugen können, die Betriebsgenehmigung zu erteilen. Die Maschinen mussten stillstehen. Dazu gehört auch der ganze Stolz von Müller-Brot: die sogenannte Breznstrangmaschine, an der 24 Frauen jede Breze einzeln mit ihren Händen formten. Kalt blieben ebenso die beiden je 60 Meter langen übereinanderstehenden Backofenstraßen. Sie schafften bis zu 55 000 Semmeln pro Stunde.

Doch statt Semmelnbacken ist nun Aktenstudium angesagt - und zwar bei der Staatsanwaltschaft Landshut. „Wir müssen große Datenmengen auswerten, um ein betriebswirtschaftlich-forensisches Gutachten zu erstellen“, sagt Oberstaatsanwalt Markus Kring. Das betrifft sowohl die Ermittlungen wegen Insolvenzverschleppung als auch wegen Verstößen gegen das Lebensmittelrecht. „Die Krux ist, dass wir sehr viele Einzelfeststellungen zu einzelnen Lieferungen treffen müssen“, erläutert Kring den Umfang der Ermittlungen.

Welche womöglich verunreinigten Produkte wurden in welcher Menge geliefert, laute dabei nur eine der zu klärenden Fragen. „Das ist eine Sisyphusarbeit.“ Zu berücksichtigen sei zudem, dass bei einem insolventen Unternehmen mangels Masse keine Bußgelder verhängt werden können. Es müsse daher ein strafrechtlicher Tatnachweis gegen die Geschäftsführer und einzelne etwa mit der Aufsicht der Produktion befasste Mitarbeiter geführt werden. Kring strebt eine gemeinsame Anklageerhebung für beide Tatkomplexe im ersten Halbjahr 2013 an.

Derweil sind Evi Müller und Franz Höflinger - ihr Unternehmen heißt jetzt Höflinger-Müller-GmbH - weiter auf der Suche nach einer eigenen Produktionsstätte. Wegen der komplizierten Besitzverhältnisse in der insolventen Neufahrner Fabrik - ein Teil der Backmaschinen gehört formell einer anderen Firma Ostendorfs - erscheint es unwahrscheinlich, dass sie dort Brezn und Semmeln backen werden. Angesichts von Überkapazitäten in der Branche ist es aber auch möglich, dass die beiden Unternehmer gar keine neue Bäckerei bauen müssen, sondern sich in einen schwächelnden Betrieb einkaufen.

dpa

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