Überlebenskampf auf dem Achttausender

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Den Gipfel haben sie nicht erreicht: Luis Stitzinger und seine Ehefrau Alix von Melle auf dem Manaslu.

Höhenkirchen/Kathmandu - Vom Traum zum Alptraum: Ein Bergsteigerpaar aus Höhenkirchen möchte einen Achttausender in Nepal besteigen - und gerät am Berg in Lebensgefahr.

Der Gipfel ist nicht mehr weit, sie sind erschöpft, aber das Ziel haben Luis Stitzinger, Bergsteiger aus Höhenkirchen im Kreis München, und seine vier Begleiter schon vor Augen: Manaslu, den Achttausender, im Westen Nepals. Doch ankommen werden sie nicht. Denn unterhalb des Gipfels (8163 Meter) bricht ein Gewitter aus, „infernalisch“, wird Stitzinger, 43, später sagen. Innerhalb von Minuten wird der Traum vom Gipfel zum Überlebenskampf.

Am 9. April war Stitzinger mit seiner Frau, Alix von Melle, und drei weiteren Bergsteigern aus München, Sachsenkam bei Bad Tölz und Sachsen nach Nepal geflogen. Sie wussten: „Der Berg ist bekannt für seine unzuverlässigen Vorhersagen“, sagt Stitzinger, erfahrener Bergsteiger und Produktmanager im Summit Club des Deutschen Alpenvereins. Am Tag, an dem die Gruppe zum Gipfel will, ist das Wetter gut – nur der Wind pfeift mit 120 Stundenkilometern. Die Gruppe kommt gut voran. Bis etwa 13.30 Uhr, bis die Wolke auftaucht: ein Höhengewitter. Es blitzt, fünf Sekunden später donnert es: Das Gewitter ist direkt über ihnen. Die Luft ist elektrostatisch aufgeladen – unter den Mützen stehen den Kletterern die Haare zu Berge, sie spüren die Stromschläge auf Kopf und Schultern. Pickel und Stöcke beginnen zu surren. Immer wieder werfen sie sich zu Boden, um sich zu entladen – Blitze am Berg sind lebensgefährlich. Der bekannte Südtiroler Bergsteiger Friedl Mutschlechner wurde am Manaslu vom Blitz erschlagen.

Stitzinger und seine Kameraden beschließen, sich ins nächste Lager zu flüchten. Doch auch das ist gefährlich. Es schneit, graupelt, alles ist weiß, die Sicht unterirdisch schlecht. „Wir haben die Hand nicht vor den Augen gesehen“, wird Stitzinger später erzählen. „White out“ nennen sie das in Bergsteigerkreisen.

Schritt für Schritt kämpfen sie sich voran, sie müssen sich auf ihr GPS-System verlassen, damit sie nicht vom Weg abkommen. Ihre Schneebrillen frieren ständig ein. „Finger, mit denen Gläser und GPS geputzt werden, gefrieren ein. Augen ohne Brille gefrieren zu. Lebensgeister gefrieren ein“, beschreibt Stitzinger.

Die Gruppe ist vom anstrengenden Aufstieg ohnehin geschwächt. Jetzt der fluchtartige Abstieg – mit letzten Kräften kommen sie im Lager auf 7400 Metern an. Sofort verkriechen sich die Bergsteiger in ihre Zelte, in der Nacht wird der Wind eines zerfetzen, das andere hält stand. Doch das ist das kleinste Problem. Denn einem aus der Gruppe, einem Bergsteiger aus München, der mit dem Manaslu seinen ersten Achttausender bezwingen wollte, waren die Strapazen zu viel. Er ist schneeblind und erkrankt an einem Höhenlungenödem: Er kriegt kaum Luft, ist schwach, kann nur im Sitzen, nicht im Liegen atmen – er ist in Lebensgefahr. Seine Kameraden geben ihm Medikamente. Am nächsten Tag machen sie sich auf den Weg zum nächsten Lager auf 6900 Metern. Laut Stitzinger ist das die technisch anspruchsvollste Passage. Sie müssen den schwachen Münchner stützen, an steilen Stellen abseilen – im nächsten Camp gibt es Sauerstoffversorgung, er erholt sich wieder. Obwohl alle in der Gruppe lädiert sind – Erfrierungen, Verbrennungen, Schneeblindheit –, erreichen sie am Tag darauf das Basislager.

„Das war schon dramatisch“, sagt Stitzinger. An Pfingsten sind er, seine Frau und die Kameraden in München gelandet. Jetzt wird erstmal pausiert – erst 2013 steht für ihn die nächste große Tour an.

Carina Lechner

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