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„Es ist furchtbar“: Mitten im Uffinger Ortszentrum - Füchse am helllichten Tag auf Hühnerjagd

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Von: Silke Reinbold-Jandretzki

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Sorgt sich um seine Hühner, die nun im Stall bleiben müssen:  Reinbold Dinges.
Sorgt sich um seine Hühner, die nun im Stall bleiben müssen: Reinbold Dinges. © Barbara Jungwirth

In Uffing gehen Füchse um – am helllichten Tag, mitten im Ortszentrum. Hühnerhalter machen sich Sorgen, weil sich die Wildtiere an ihrem Geflügel vergreifen. Unterstützung finden sie bei Jägern, die Fallen aufstellen, um der Füchse habhaft zu werden.

Uffing – Bisher kam das Federvieh von Reinhold Dinges mit dem Leben davon. Am vergangenen Samstag aber, da „war es ganz knapp“, sagt der Uffinger (Landkreis Garmisch-Partenkirchen). „Da habe ich ihn direkt vor der Stalltür gestellt.“ Und das nur, weil Nachbarn Alarm geschlagen hatten. Seitdem harren seine 13 Hühner im Stallarrest aus, Dinges positionierte zudem als Sofortmaßnahme einen Elektrozaun.

Gockel flüchtet vor Fuchs über die Hauptstraße - später erwischt es ihn doch

Der, den Dinges wohl kurz vor der frischen Tat ertappt hat, ist der Fuchs, und er bereitet ihm Kopfzerbrechen. Dabei wohnt der Architekt nicht in der Wildnis, sondern mitten im Dorfzentrum, im Bereich Bahnhof-/Hauptstraße. Das Quartier ist aktuell offenbar bevorzugtes Jagdrevier des Fuchses. Er kommt am helllichten Tag, nicht etwa nachts, wenn sich die Hühner im Schutz ihrer Ställe befinden. In Dinges Nachbarschaft haben die Beutegreifer längst immer wieder erfolgreich geräubert.

Bei Tina Birke zum Beispiel: Innerhalb eines Jahres machten Füchse auf ihrem Grundstück insgesamt etwa 50 Stück Geflügel den Garaus. Beim ersten Angriff erwischte der Räuber 14 auf einmal, beim zweiten 12. Der Fuchs beiße sie tot und beginne, sie wegzuschleppen. Kein schöner Anblick: „Es ist furchtbar, gerade wenn man eine emotionale Bindung zu den Tieren hat“, sagt Birke. „Da zerreißt es einem das Herz.“ Zuletzt traf es ihren Gockel, der „sechs Attacken überlebt“ hatte. Einmal erhielt sie einen Anruf von einer Schülerlotsin, die ihr erzählte, wie der Hahn mittags vor ihren Augen über die Hauptstraße geschossen war, der Fuchs mit wehendem Schwarz hinterher. Damals kam der Gockel noch mit dem Leben davon. Wenig später war es auch um ihn geschehen. Nun ist Birkes Stall leer. Totenstill.

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Uffing: Räuber spaziert mittags an See-Drogerie vorbei - in Richtung Hühnerställe

Wie viele Füchse in Uffing immer wieder eine schnelle, weil leicht verfügbare Mahlzeit suchen, vermag niemand zu sagen. Klar ist: Reineke schert sich nicht um Menschen in seiner Nähe, nicht um laute Autos. Dinges wie Birke erzählen die Geschichte, wie eines der Raubtiere vor kurzem mitten am Tag an der See-Drogerie, in deren Schaufenster gerade eine Frau dekorierte, vorbeispazierte – „in Richtung unserer Grundstücke“, sagt Dinges. Die Zeugin warnte die Hühnerhalter, lief hinterher, versuchte, den Fuchs zu vertreiben. „Er hat sich nicht darum gekümmert“, sagt Dinges.

Bewohner sollen Jungtiere gefüttert haben - mit Folgen

Was ihn in diesem Zusammenhang beschäftigt: Im Dorf geht das Gerücht um, dass Uffinger, die es gut meinten, aber nicht machten, junge Füchse in Wohngebieten (an-) fütterten. Birke hat auch andere leicht zugängliche Nahrungsquellen im Blick: offene Komposthäufen zum Beispiel. Ihr wäre es ein Anliegen, Sensibilität für dieses Problem bei der Bevölkerung zu erzeugen, um „das übermäßige Futter-Angebot etwas einzudämmen“.

Auch Landratsamts-Sprecher Wolfgang Rotzsche rät dazu, keine Füchse zu füttern, die ums Haus schleichen, und Katzennahrung nicht draußen stehen zu lassen sowie Unterschlupfmöglichkeiten zu vermeiden. Herumstreunende Füchse in Ortschaften „gibt es natürlich immer einmal“. Dringen die Räuber in dicht besiedeltes Gebiet ein, kann es zu Problemen kommen. Rotzsche nennt als Beispiel die Übertragung von Krankheiten wie den Fuchsbandwurm oder Räude, bei der erkrankte Tiere jämmerlich zugrunde gehen.

So vertreiben Sie einen Fuchs aus Ihrem Garten

In Unering kommen immer mehr Füchse in die besiedelten Gebiete. Jagdaufseher Klaus Peters ruft die Einwohner auf, Haustiere nicht im Freien zu füttern – denn das lockt die Meister Reineke an.

Fuchs tagsüber mitten im Ort - das ist nichts Außergewöhnliches

Für Lukas Stöger ist die Tatsache, dass die Räuber tagsüber mitten im Ort umherstreifen, nichts Außergewöhnliches. Der Fuchs finde dort auf einfache Weise ein Nahrungsangebot, sagt er: Hühnerhaltung liege im Trend – und ziehe Füchse an; wie eben Katzenfutter, das unbeaufsichtigt im Freien stehen bleibt. Manches Jungtier lerne von klein auf, dass es in Ortschaften gefüttert werde und keine Gefahr drohe. Stögers einfache Rechnung: je mehr Nahrung, desto mehr Füchse. Er gehört zum Kreis einer Handvoll Jäger in Uffing, die betroffenen Hühnerhaltern helfen.

Die Jagdgenossenschaft habe sich bereit erklärt, bei Problemen Unterstützung anzubieten. „Wir versuchen, eine Lösung zu finden“, sagt Stöger. An Schwerpunkten stellen Jäger Lebendfangfallen mit Futter auf, um der Füchse habhaft zu werden, die auch immer wieder in diese gehen. Mit Erlaubnis des Landratsamts dürfen sie selbst im Ort, also in befriedetem Bezirk, bei Bedarf Schüsse abgeben. Stöger weist darauf hin, dass die Jäger die zeitaufwendige Arbeit ehrenamtlich verrichten: „Das ist Goodwill und nicht Aufgabe des Jagdpächters.“ Zumal sich dieser damit nicht nur Freunde macht. Stöger weiß, dass dafür von vielen Tierfreunden kein Applaus zu erwarten ist. Er rät Hühnerhaltern grundsätzlich, dichte und ausreichend hohe Zäune anzubringen – und das Federvieh nachts immer in einen fuchsdichten Stall zu sperren.

Tierschützerin rät zu Elektrozaun - und nachts gehören Hühner in einbruchsicheren Stall

Dieses Vorgehen hält Tierschützerin Tessy Lödermann für sinnvoll und empfehlenswert, denn: „Als Halter muss ich meine Hühner schützen“, betont sie. Dazu zähle eben der einbruchsichere Stall für die Nacht und ein geeigneter Elektrozaun. Wie die Jäger benutzen Lödermann und ihre Mitstreiter bei Bedarf Lebendfangfallen, um Tieren habhaft zu werden. Wer hineintappt, den fahren sie ein gutes Stück weg und lassen ihn frei. Und: Wenn ein Fuchs an Räude leidet, gehört er in Lödermanns Augen dringend erlöst. Ein Jäger müsse selbst entscheiden, wie er vorgehe, wenn die Lebendfangfalle Erfolg hatte, sagt die Garmisch-Partenkirchnerin, Vorsitzende des Tierschutzvereins des Landkreises. Ein Jäger kann einen Fuchs wegfahren, er darf ihn aber auch erschießen.

„Sobald ein gutes Revier frei wird, können andere Füchse nachkommen“

Beides hat ihrer Erfahrung nach für das Problem an einer bestimmten Stelle in der Regel nur einen zeitlich begrenzten Effekt: „Sobald ein gutes Revier frei wird, können andere Füchse nachkommen“, betont Lödermann

Tina Birke gibt indes nicht auf. Im Frühling will die Uffingerin einen weiteren Versuch wagen und ihren Hühner-Bestand an der Hauptstraße neu aufbauen. Die Tiere gehören bei ihr einfach zum Leben dazu.

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