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Böllerschießen trotz Ukraine-Krieg: Bayerische Tradition oder Trauma?

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Von: Max Wochinger

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Salutschießen am Unterföhringer Festplatz: Befürworter der Böllerschützen sorgen sich um den bayerischen Brauch. Gegner hingegen sehen das Böllern als einen rücksichtslosen Störfaktor. Archi
Salutschießen am Unterföhringer Festplatz: Befürworter der Böllerschützen sorgen sich um den bayerischen Brauch. © gerald förtsch

In der Ukraine tobt der Krieg, viele Vertriebene sind in den Landkreis München geflohen – doch hierzulande lassen es Böllerschützen krachen. Ist das noch angemessen?

Landkreis – Ist das Böllerschießen noch zeitgemäß? Die Frage wird in einer Facebook-Gruppe für Unterföhring hitzig diskutiert: Nein, sagen die einen; während des Kriegs in der Ukraine und mit Rücksicht auf Flüchtlinge sollte man darauf verzichten. Befürworter des Brauchs aber verstehen nicht, was das Salutschießen mit dem Krieg zu tun habe. Die Böllerschützen im Landkreis fühlen sich missverstanden.

Der Streit begann am vergangenen Sonntag, der Soldaten- und Kriegerverein Unterföhring feuerte zur Fahnenweihe des Burschenvereins mehrere Salutschüsse ab. Bereits ab 5 Uhr wurde geböllert – der traditionelle Weckruf für die Fahnenmutter und den ersten Vorstand.

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Eine Facebook-Nutzerin stört sich daran: Es sei „megaunnötig“ Sonntagfrüh zu böllern. „Noch dazu, wenn man bedenkt, dass aktuell Krieg in Europa ist und dessen Flüchtlinge bei uns Schutz suchen“, schreibt sie. Eine „richtig rücksichtslose Aktion“.

Diskussion um Böllerschießen: „Flüchtlinge zucken zusammen, wenn Sirenen zum Test gehen“

Eine andere Facebook-Nutzerin denkt, dass das Böllerschießen aktuell nicht sein müsse – auch mit Rücksicht auf Vertriebene. Im Gespräch mit dem Münchner Merkur sagt die Ismaningerin, dass sie zwei Flüchtlinge aus der umkämpften, ukrainischen Stadt Charkiw betreue. Nach den Salutschüssen am Sonntagmorgen seien sie irritiert gewesen. „Unsere Flüchtlinge zucken schon zusammen, wenn Samstag die Sirenen zum Test gehen.“ Ihr gefallen solche Traditionen, „aber nicht nachts um 5“.

Thomas Geier, stellvertretender Vorsitzende des Soldaten- und Kriegerverein in Unterföhring, sagt, dass die Diskussion von Mitbürgern ausgehe, „die generell gegen die Tradition sind.“ Von Flüchtlingen hätte es nie Beschwerden gegeben, versichert er.

Mit Kriegsverherrlichung habe Böllerschießen nichts zu tun

Vor jedem Einsatz der Böllerschützen würde der Verein die Gemeinde und Polizei in Unterföhring informieren – sowie den Asylhelferkreis. Auch vor dem vergangenen Wochenende hatten die Böllerschützen den Helferkreis aufgeklärt. Das bestätigt die Vorsitzende des Helfervereins. Viele Menschen in der Nachbargemeinde Ismaning hatte die Nachricht wohl nicht erreicht. „Klar, solche Schüsse in Zeiten des Kriegs machen nachdenklich“, sagt Vereins-Vize Geier. Mit Kriegsverherrlichung habe das Böllerschießen aber nichts zu tun. „Es ist einfach nur ein schöner Brauch.“

Würde man das Böllerschießen aus Solidarität mit der Ukraine verbieten, dürfte man auch nicht mehr auf Volksfesten feiern, so Geiers Meinung. Ähnlich argumentiert Josef Griesberger, Schussmeister der D’Hachingertaler Böllerschützen aus Unterhaching: „Das Goaßlschnalzen ist auch laut. Wenn’s nach dem geht, dürfte man gar nichts mehr.“

Böllern ruft traumatische Erfahrungen hervor - „Bin gegen diesen Brauch“

Griesberger versteht aber, dass das Böllern traumatische Erfahrungen hervorrufen kann. Während des Schießens beim Volkstrauertag vor einigen Jahren habe er erlebt, wie zwei afrikanische Flüchtlinge schlagartig die Flucht ergriffen. „Wir machen aber weiter“, sagt er. Man müsse die Menschen eben aufklären, dass das Böllern „bei uns in Bayern“ dazugehöre.

Und was sagen die geflüchteten Menschen zum Salutschießen? „Ich bin gegen diesen Brauch – zumindest in diesen Zeiten“, so Zuheir Darwish von der Unterföhringer Flüchtlingshilfe „Baum der Hoffnung“. Er sei vor 22 Jahren aus Kurdistan geflüchtet, schon damals fand Darwish das Salutschießen nicht gut.

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