Die unfassbare Tat von Krailling

Krailling/München - Der Mann ermordete aus Habgier seine Nichten – sagt der Staatsanwalt. Am Dienstag beginnt der Prozess gegen Thomas S., der zwei Mädchen aus Krailling erstochen und erschlagen haben soll.

Einmal muss sie vor Gericht erscheinen, muss eine Zeugenaussage machen, muss sich erinnern. Sie muss schildern, wie sie ihre Töchter zum letzten Mal in ihrer Wohnung sah: Blutüberströmt lagen sie da, niedergemetzelt. Erstochen und erschlagen. Zwei wehrlose Kinder. Anette S., die Mutter, sie wird alles erzählen. Und dann wird sie den Sitzungssaal verlassen, so schnell es geht. Sie will dem mutmaßlichen Mörder ihrer beiden Mädchen nie wieder begegnen. Ihm nie wieder in die Augen schauen. Thomas S., 51, ist ihr Schwager – doch für Anette S., 42, gehört er längst nicht mehr zur Familie.

Thomas S. ist für sie nur noch Abschaum.

Der Doppelmord von Krailling (Kreis Starnberg) sorgte Ende März 2011 für Schlagzeilen – und ließ selbst hartgesottene Ermittler erschaudern. Heute beginnt der Prozess am Landgericht München II. Und im Vergleich zur Anklageschrift liest sich so manches Tatort-Drehbuch wie eine Gute-Nacht-Geschichte. Auf mehr als drei DIN-A4-Seiten hat die Staatsanwaltschaft detailliert dargelegt, wie sich der Onkel der Mädchen in die Wohnung schleicht, wie er nach Mitternacht Chiara, 8, im Kinderbett würgt und ihr mit einer Schnur die Luft abschnürt – so lange, bis sie blau anläuft.

Als er merkt, dass ihre ältere Schwester, Sharon, 11, nebenan wach wird und zu fliehen versucht, läuft er hinaus, passt sie in der Küche ab. Er schlägt mit einer Hantel zu, die er mitgebracht hat. Sharon weicht aus, er trifft sie nicht am Kopf, sondern am Körper. Sie versucht sich zu wehren, verletzt den Onkel an der Nase. Er verliert Blut – genau dieses Blut führt später die Beamten auf seine Spur.

Thomas S. lässt das Mädchen aber nicht entkommen. Er greift sich ein Messer mit einer 12 Zentimeter langen Klinge. Dann sticht er fünfmal auf Sharon ein. Er verletzt ihre Lunge und das Herz. Die Wunden sind zum Teil 17 Zentimeter tief – das Kind verblutet innerlich. Die kleine Chiara hat Todesangst, drückt die Tür ihres Zimmers ganz fest zu, damit der Onkel nicht zurückkommt. Sie will nicht sterben. Doch der Onkel reißt die Tür wieder auf, sticht elfmal zu und schlägt Chiara den Schädel ein.

Beide Kinder sind jetzt tot – doch der Plan von Thomas S. ist offenbar noch perfider: Er will auch die Mutter der Mädchen töten. Davon ist jedenfalls die Staatsanwaltschaft überzeugt. Das Motiv: Habgier. Thomas S. ist nämlich pleite – er hat sich beim Hausbau übernommen. „Dass hier nicht alles im Lot war, das konnten alle sehen“, werden später die Nachbarn sagen. Sie werden auch sagen: Thomas S. sei kein sympathischer Mensch. „Wenn man Glück hatte, grüßte er mal zurück.“

Auch die Verbindung zu seiner Schwägerin soll nicht eng gewesen sein, im Gegenteil. Aber: Es bestand offenbar Kontakt. Vielleicht auch deshalb, weil die Schwägerin Geld hatte – und Thomas S. dieses Geld dringend brauchte, damit sein Haus nicht zwangsversteigert wird.

Staatsanwalt Florian Gliwitzky geht jedenfalls von einem eiskalten finanziellen Kalkül aus. Der mutmaßliche Täter hat offenbar gedacht: Wenn Anette S. tot ist, dann erbt ihre Schwester – nämlich die Frau von Thomas S. – einen ordentlichen Betrag. Und deshalb sollte auch alles so aussehen, als hätte Anette S. ihre Töchter selbst umgebracht, ein erweiterter Suizid.

In der Tatnacht wartet Thomas S. im Dunkeln auf seine Schwägerin. Die ist nur rund 100 Meter von daheim entfernt – in der Musikkneipe „Schabernack“. Die Kneipe gehört ihrem Lebensgefährten, und Anette S. hilft dort öfter aus. Normalerweise kommt sie gegen 2 Uhr morgens heim. Aber diesmal dauert es länger.

Irgendwann gibt Thomas S. auf, er hat womöglich Angst, dass die Nachbarn etwas mitbekommen. Er fährt wieder heim nach Peißenberg im Kreis Weilheim-Schongau, in sein Haus, das einer Baustelle gleicht – und zu seiner Familie: der Frau und den vier gemeinsamen Kindern. Als Anette S. am 24. März gegen 4.45 Uhr mit ihrem Lebensgefährten heimkommt, entdeckt sie die Leichen der Mädchen.

„Ein Kind zu verlieren ist für die Seele der Gau“, sagt Psychologin Felicitas Heyne. „So etwas überwindet man nie.“ Auch Anette S. habe sich komplett zurückgezogen, sagt ihre Anwältin Annette von Stetten. Welche Fragen ihre Mandantin martern? Die Anwältin schweigt. Doch die Antworten dürften auf der Hand liegen.

Anette S. macht sich vermutlich massive Vorwürfe. Hätte sie in der Tatnacht ihrem Lebensgefährten unbedingt helfen müssen? Wäre es nicht besser gewesen, die Wohnungstür abzuschließen? Sie stand ja stets offen – damit die Mädchen jederzeit fliehen können, wenn etwas passiert. Am 24. März passierte das Schlimmste überhaupt.

„Einer Mutter das Liebste zu nehmen, was sie hat, das ist die perfekte Rache in den Augen des Mörders“, sagt Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Instituts Niedersachsen. „Die Mutter wird ihres Lebens nicht mehr froh – grämt sich bis zum Ende ihrer Tage.“

Zunächst tappt die Polizei im Dunkeln. Der kleine Ort Krailling steht unter Schock, viele haben Angst, fragen sich immer wieder: Lebt der Mörder unter uns? Und: Sind wir vor ihm sicher? Hunderte pilgern zum Haus an der Margaretenstraße, legen dort Blumen ab, zünden Kerzen an – und weinen. Hier, in einem gelben Mehrfamilienhaus, haben Sharon und Chiara gewohnt. Jetzt herrscht nur noch Trauer und Entsetzen. „So ein Doppelmord ist eine brutale Desillusionierung, ein kollektiver Sturz in die Realität“, erklärt Psychologin Heyne. „Man denkt: Wenn vor unserer Haustür zwei kleinen Mädchen so etwas passiert, ist jeder in Gefahr.“

Als der mutmaßliche Täter gefasst wird, atmet ganz Krailling auf – und ist zugleich erneut geschockt: Kann es sein, dass der eigene Onkel seine Nichten umbringt? Die Staatsanwaltschaft ist sich in kürzester Zeit sicher – ja, es kann sein.

Das Sondereinsatzkommando der Polizei schlägt am 1. April um 17 Uhr zu, nur wenige Stunden nach der Trauerfeier für Sharon und Chiara. Es ist Freitagnachmittag. Thomas S. steht gerade vor seinem Haus in Peißenberg, da überwältigen ihn die Beamten. Sie wollen sein Zuhause nicht stürmen, wollen seine Familie schonen.

Polizei und Staatsanwaltschaft sind überzeugt: Sie haben den Richtigen. Eine DNA-Spur hat sie zu dem hoch verschuldeten Postboten geführt – der Mann hatte rund eine Woche zuvor freiwillig eine Speichelprobe abgegeben. Er war bislang nicht straffällig geworden.

In kürzester Zeit verdichten sich die Hinweise, die Beamten entdecken weitere DNA-Spuren – unter anderem an den Leichen der Kinder, am Messer, an der Hantel, mit der er auf Sharon einschlug, und an der Schnur, mit der er Chiara würgte. Der mutmaßliche Täter verstrickt sich bei seiner Vernehmung in Widersprüche. Irgendwann schweigt er nur noch. Der Verdächtige wirke „distanziert und desinteressiert“, sagt Kriminaloberrat Markus Kraus kurz nach der Festnahme. „Er hat keine Reue gezeigt.“ Ein Geständnis steht bis heute aus.

Der Prozess, 13 Sitzungstage und dutzende Zeugen, wird also ein reines Indizienverfahren. Doch die Indizien sind offenbar so erdrückend, dass eine Verurteilung sicher scheint. Der Anwalt von Thomas S., der Münchner Adam Ahmed, der schon den Mörder von Modefürst Rudolf Moshammer verteidigt hat, wolle jedoch nicht zu früh aus der Deckung gehen, um keinen Fehler zu machen, schreibt die SZ: „Taktik und eigene Hingabe“ seien besonders wichtig für eine gute Verteidigung, sagt er.

„Es ist gut zu wissen, wie die Verteidigung denkt“, sagt die Anwältin von Anette S. Sie will im Prozess die Rolle der Opfer darstellen – so wie sie es einst im Fall des zu Tode geprügelten Dominik Brunner getan hat. Der leibliche Vater von Sharon und Chiara wird – wie seine Ex-Frau – nicht an der Verhandlung teilnehmen; im Gegensatz zu Anette S. ist der 42-Jährige auch nicht als Zeuge geladen. „Er traut der Justiz und er will aus erster Hand von mir Informationen zum Prozess bekommen“, sagt sein Anwalt Andreas von Mariassy. „Er hat große Probleme, das Ganze zu verarbeiten.“

An der Trauerfeier für seine Töchter im vergangenen April saß er fast regungslos in der ersten Reihe und starrte auf die Kindersärge, die Freunde der Mädchen bunt bemalt hatten. „Wir hoffen, dass es Dir dort, wo Du jetzt bist, sehr gut geht – und dass Du solche Schmerzen, wie Du sie am Mittwoch hattest nie wieder erleben musst“, schrieben Klassenkameraden auf Sharons Sarg.

Die meisten Menschen in Krailling dürften von der Schuld des Postboten aus Peißenberg überzeugt sein. Auch seine Frau hat sich nach 15 Jahren Ehe von ihrem Mann scheiden lassen. Zu ihrer Schwester, der Mutter von Sharon und Chiara, hat sie offenbar keinen Kontakt mehr. Sie gab dem Stern und der Bild am Sonntag Interviews, in denen sie unter anderem sagt: „Es wird nie mehr so sein wie es war.“

Barbara Nazarewska und Angela Walser

Rubriklistenbild: © dpa

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