Opfer äußert sich 

Ex-Häftling: Darum ist das Urteil für Sextäter Armin H. katastrophal

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Armin H. (26) wurde zu weiteren eineinhalb Jahren Haft verurteilt.

18 Monate länger in der Haft. So lautet das Urteil gegen Sextäter Armin H. Warum das eine Katastrophe ist, erklärt ein ehemaliger Mithäftling von H.

Neubiberg - Armin H. (26) hat während seines Hafturlaubs versucht, Redakteurin Julia B. (28) auf offener Straße zu vergewaltigen. Nur weil sich die junge Frau wehrte, ließ der Angreifer von ihr ab. Armin H. legte ein Geständnis ab, wurde schuldig gesprochen und muss weitere eineinhalb Jahre im Gefängnis absitzen - wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Warum das Urteil für Armin H. eine Katastrophe ist, erklärt ein verurteilter Sextäter in der tz.

Markus B, Ex-Mithäftling von Armin H, prangert an: Man hätte ihn nicht freilassen dürfen.

„Wenn er aus dem Gefängnis frei kommt, wird er wieder zuschlagen“, sagt Markus B. (Name geändert). Der Münchner saß selbst lange Zeit im Gefängnis - verurteilt zu siebeneinhalb Jahren Haft, weil er sich mehrmals an einem elfjährigen Jungen vergangen hatte. In der JVA München lernte er auch Armin H. kennen. Fast eineinhalb Jahre waren sie auf derselben Therapiestation. Er sagt: „Die Leute wussten, was passiert, wenn er frustriert ist. Schlägereien auf dem Gang, ständige Wutausbrüche. Man hätte ihm den Hafturlaub nicht genehmigen dürfen.“

Armin H. schlägt im Hafturlaub wieder zu

Denn genau an jenem Wochenende in Freiheit schlug er wieder zu. Auf der Heimfahrt vom Frühlingsfest entdeckte er Julia B., die vor ihm im Bus saß. An der Schulzstraße in Neubiberg stiegen beide aus, H. schlich ihr hinterher und sprang sie von hinten an. Mit seiner Hand drückte er ihr den Mund zu. Schon im November 2012 versuchte er in drei Fällen, junge Frauen zu vergewaltigen - maskiert und mit einem Messer bewaffnet.

Im Gefängnis wurde er therapiert, offenbar ohne Erfolg. Mithäftling Markus B.: „Eine Therapie findet praktisch nicht statt.“ Es fehle die Zeit. Vollzugsbeamte würden die Gefangenen besser kennen, als ihre Therapeuten, die laut B. bei Sitzungen teilweise eingeschlafen seien. "Ein Einzelgespräch und zwei Gruppensitzungen pro Woche sind zu wenig“, findet B. Armin H. hätte ein Programm für schwer erziehbare Jugendliche gebraucht. „Er muss Schritt für Schritt wieder zurück ins Leben finden.

„Sie sind haarscharf an einer Sicherungsverwahrung vorbeigeschrammt“, sagte Richter Philipp Stoll bei der Urteilsverkündung. Weil sich Julia B. gewehrt hatte, kam es erst gar nicht zu einer Vergewaltigung. Stoll: „Wer freiwillig aufgibt, wird nicht bestraft. Aber: Wir halten Sie für behandlungsbedürftig.“ Für Mithäftling Markus B. ein Skandal: „Die Wartelisten sind lang. Es kann sein, dass Armin ohne eine einzige Therapiestunde freikommt. Und dann ist er alleine.“

Rechtslage

Hätte das Gericht Armin H. wegen versuchter Vergewaltigung angeklagt (§ 177 Abs. 3 StGB), wäre er in die Sicherungsverwahrung gekommen (§66 Abs. 3 StGB). Das Gericht entschied aufgrund des Sachverhaltes, dass Armin H. freiwillig von der versuchten Vergewaltigung zurücktrat (§24 Abs. 1 StGB) und verurteilte ihn nur wegen vorsätzlicher Körperverletzung (§§ 223, 224 StGB) zu 18 Monaten Haft.

Das sagt das Opfer

Sie wurde brutal von hinten attackiert. Hätte sie nicht lauthals geschrien: Wer weiß, wie weit Armin H. in jener Aprilnacht gegangen wäre - Julia B. hätte allen Grund, Hass für den Sextäter zu empfinden… Umso bemerkenswerter war ihre Reaktion auf das verblüffende Urteil:

Julia B. hat Mitleid mit dem Täter.

„Wenn ich könnte, würde ich ihm helfen“, sagt die 28-Jährige zur tz. „Ich glaube, es ist nicht leicht, solchen Zwängen zu unterliegen. Ich hoffe, dass er eine Therapie macht und auch die Chance bekommt, im Leben wieder Fuß zu fassen.“ Emotional sei sie gefestigt, der Vorfall hat sie nicht lange beschäftigt, sagt sie. Für die drei vorherigen Opfer, die wegen der heftigeren Angriffe auch Schlimmeres durchgemacht hätten, sei das Urteil so etwas wie ein Schlag ins Gesicht, meint Julia B. Warum aus einer versuchten Vergewaltigung rein rechtlich gesehen plötzlich eine vorsätzliche Körperverletzung wird, kann auch die junge Redakteurin nicht ganz nachvollziehen. Sie sagt: „Ich verstehe das nicht. Er hat ja vor Gericht gestanden, dass er es versucht hat.“ Und das Problem sei, dass der Täter selbst wisse, dass er seine Neigungen nicht im Griff hat.

Julia B. sieht in Armin H. nicht den skrupellosen Sextäter - im Gegenteil: „Ich vermute, er hatte keine einfache Kindheit und durch die Schläge seines Stiefvaters auch Einiges mitgemacht. Es würde mich freuen, wenn er irgendwann das Schöne im Leben sehen könnte.“

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