Streitigkeiten unter Nachbarn 

Er wartet seit sechs Jahren auf Strom - und ist mit seiner Geduld am Ende

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Ist mit seiner Geduld am Ende: Gerhard Wendl will seine Vögel anständig versorgen und braucht dafür vor allem Strom für Wärmeplatten und Kühlgeräte. 

Vogelretter Gerhard Wendl bräuchte für seine Auffangstation am Olchinger See dringend Strom. Das Problem: Die Trasse muss durch das Nachbar-Grundstück gelegt werden. 

+++ Update vom 12. April: Bayernwerk hat mittlerweile eingeräumt, dass die Schuld an der Verzögerung vollständig auf Seite des Unternehmens liegt. Es handelte sich um ein Missverständnis, was den zuständigen Ansprechpartner bei der Eigentümergemeinschaft angeht, und nicht um ein Problem der Kontaktaufnahme von Seiten der Eigentümer. Das teilte Pressesprecher Maximilian Zängl auf Nachfrage des Tagblatts mit. 

Olching – Gerhard Wendl hat ein kleines Paradies geschaffen am Stadtrand, nahe des Olchinger Sees. Nicht für sich, sondern für die Tiere, die er hier versorgt. Bunte Pflanzen schmücken die Beete, in den Käfigen flattern und stolzieren Vögel, ein Haufen Krimskrams vor der Gartenhütte wirkt eher verspielt als unaufgeräumt.

Man kann kaum glauben, dass dieser Platz, der einem ausladenden Schrebergarten gleicht, dem Vogelretter nicht nur Freude bereitet, sondern auch Bauchschmerzen. Denn gerade für die Aufzucht der jungen Vögel fehlt bislang eine lebenswichtige Voraussetzung: Strom, den er zum Beispiel für die Heizung braucht. „Ich habe immer gehofft, dass nix passiert“, erklärt der 73-Jährige, der sich bereits bayernweit als Experte einen Namen gemacht hat.

Am 14. Mai 2012 war absehbar, dass die Vogelstation dauerhaft auf dem Grundstück am Ulmenweg bleiben kann. Bereits damals stellte Wendl einen Antrag beim Energiezulieferer Bayernwerk. Theoretisch ein Standardverfahren. Die Stromtrasse muss durch das Nachbargrundstück gelegt werden. Der Erdboden muss dafür freigeräumt sein, Arbeiter rücken etwa einen Tag an, der Verteiler wird angeschlossen, fertig. Wie gesagt: theoretisch. Denn tatsächlich gibt es eine Komplikation mit offenbar gravierendem Ausmaß: Der Nachbar nämlich war für das Energieunternehmen nicht zu sprechen, wie Maximilian Zängl. Pressesprecher bei Bayernwerk, mitteilt. Man habe über Jahre hinweg versucht, ihn auf verschiedenen Wegen zu kontaktieren – das blieb lange ergebnislos. Das Unternehmen sei da machtlos, so leid es ihm für Gerhard Wendl tue.

Kurios: Bei dem Nachbarn handelt sich um den Gröbenzeller Grünen-Landtagsabgeordneten Martin Runge. Und der fällt aus allen Wolken, als er durch das Tagblatt von der Sache hört. Ihn habe keine Anfrage von Bayernwerk erreicht, sagt er. „Und meine Telefonnummer steht sogar im Internet.“

Der Abgeordnete und ein Kompagnon haben das Grundstück 2012 gekauft. Bäume wurden gerodet, das Häuschen in der Mitte wurde belassen, wie es ist. Der vordere Bereich, der für die Arbeiten von Bayernwerk gebraucht wurde, war lange mit Ästen und Bäumen verdeckt.

Runge sagt auf Tagblatt-Anfrage, dass er die Angelegenheiten seinem Kompagnon übertragen habe. Er habe sogar einen Ortsbegehungstermin mit einer Firma 2015 vermittelt und auch Gerhard Wendl persönlich besucht. „Warum so lange nichts passiert ist, kann ich mir nicht erklären“, sagt Runge. Ihm sei allerdings auch nicht verständlich, warum auf Wendls Grundstück, auf dem kein Baurecht bestehe, Strom verlegt werden müsse. Es zeichnet sich ab: Das Verhältnis zwischen den Nachbarn ist nicht das beste.

Gerhard Wendl sagt, dass auch er Runge immer wieder kontaktiert habe – weil er den Strom brauche, um seine ehrenamtliche Aufgabe, den Vogelnotruf des Landesbund für Vogelschutz (LBV), ordentlich erledigen zu können. Wenn wieder mal Nachwuchs aus dem Nest gefallen ist oder verstoßen wurde und Wendl die Jungtiere aufnimmt, braucht er zum Beispiel Wärmeplatten. Für das Futter – Drohnenbrut – braucht er einen Gefrierschrank. Wendl hat sich lange Zeit beholfen, indem er von einem anderen, mittlerweile verstorbenen Nachbarn Strom abgezapft hat, mit einem Zwischenzähler. „Da musste ich aber immer Angst haben, dass der mal aus Versehen den Stecker zieht und die Vögel sterben“, sagt Wendl. Und diese Lösung stehe ihm jetzt nicht mehr länger zur Verfügung.

Außerdem hat er die Auffangstation teilweise in seine Wohnung verlagert. Als das Futter für die Vögel aber zum ersten Mal – im wahrsten Sinne des Wortes – durch den Kühlschrank lief, gab es Ärger mit seiner Partnerin. „Die Weiblichkeit ist nicht begeistert, wenn da alles kreucht und fleucht.“ Wendl ist drauf und dran seine Geduld zu verlieren. Einen Hoffnungsschimmer gibt es: Während der Recherchen des Tagblatts wurde der Boden freigeräumt, in dem die Trasse verlegt werden soll. Ein erster Schritt nach sechs Jahren.

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