Skandal-Heim: Schikane an der Tagesordnung?

+
Mit schweren Vorwürfen muss sich das AWO-Seniorenzentrum in Markt Schwaben auseinandersetzen.

Markt Schwaben - Altenpflegerinnen schikanieren hilflose Heimbewohner und behandeln sie respektlos – die Vorwürfe von Ex-Mitarbeitern des Seniorenzentrums in Markt Schwaben sind heftig. Offenbar gibt es dort einen handfesten Pflegeskandal.

Auf der Internetseite hat das Team des AWO-Seniorenzentrums in Markt Schwaben (Kreis Ebersberg) sein „Leitbild“ veröffentlicht: „Wir sehen den Menschen als individuelle Persönlichkeit und achten seine Würde und Freiheit. Dies bedeutet für uns, dass wir jedem Menschen wertschätzend und mit Respekt gegenübertreten.“ Doch in der Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt scheint einiges schief zu laufen. Ehemalige Mitarbeiter erheben massive Vorwürfe.

Die Berichte sind erschütternd: Eine Altenpflegerin sperrt eine rüstige, aber demente Heimbewohnerin im Rollstuhl ins Badezimmer ein. Die Seniorin soll sich selbst waschen, obwohl sie unter Asthma und Panikattacken leidet, das weiß die Schwester auch. „Friss Vogel, oder stirb“, sagt sie nur. Die hilflose Frau bekommt tatsächlich Panik, einen Anfall. Einen Tag darauf verschlimmert sich das Asthma, sie bekommt schweren Durchfall und wird in ein Krankenhaus eingeliefert. Wenige Tage später stirbt die Seniorin.

Dann ist da die alte Frau, die nicht mehr sprechen kann, aber mit „la, la, la“ kommuniziert. Dabei streckt sie die Zunge heraus. Wieder ist es dieselbe Pflegerin, die die Bewohnerin regelmäßig an der Zunge packt – und daran zieht. Andere Senioren kitzelt sie, auch wenn diese sich das verbitten, hört sie nicht auf.

Öffentlich gemacht hat diese und mehr Fälle Maria M., eine ehemalige Pflegefachkraft, deren richtiger Name unserer Redaktion bekannt ist. Sie schrieb ihre Beobachtungen nieder und meldete sie dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK). Der MDK ist für die Qualitätsprüfungen in Pflegeeinrichtungen zuständig. Nach dem Hinweis besuchten Ende Oktober Mitarbeiter das Heim in Markt Schwaben. Das bestätigt der MDK Bayern auf Anfrage. Derzeit werde von drei Gutachtern ein Bericht angefertigt, der demnächst der Heimleitung zugestellt wird, heißt es. Zu den einzelnen Vorwürfen will man im Moment nichts sagen.

Der Einrichtungsleiter Rüdiger Schäfer teilte am Donnerstag mit, dass er zusammen mit der Pflegedienstleitung sofort mehrere Mitarbeitergespräche geführt habe, um die Vorwürfe aufzuklären. Er setze auf Transparenz. Schäfer sagte gegenüber dem Münchner Merkur: „Bedauerlicherweise handelt es sich bei einzelnen Punkten der erhobenen Vorwürfe tatsächlich um ein Fehlverhalten von Mitarbeitern.“ Haltlos seien aber „Beschwerden über Freiheitsbeschränkungen und öffentliche Herabsetzungen von Bewohnern“.

Die Schilderungen von Maria M., die dem Münchner Merkur vorliegen, lesen sich anders: Die ehemalige Mitarbeiterin beschreibt, wie eine Schwester eine bettlägerige Bewohnerin wäscht, deren Motorik stark eingeschränkt ist. Sie spricht dabei kein Wort. Als sie fertig ist, schmeißt sie die Decke über das Bett, der Kopf der Bewohnerin ist verdeckt.

Die Schwester verlässt das Zimmer. Maria M. berichtet von Bewohnern, die auf dem Toilettenstuhl sitzen und gleichzeitig essen müssen. „Mobilisierung“, so wird das im Heim genannt. Manchen Senioren werden auf dem Gang oder im Aufenthaltsraum, in aller Öffentlichkeit, die Hosen und die Windeln heruntergezogen – um zu überprüfen, ob die Einlagen schmutzig sind. Eine Bewohnerin protestiert: „Hilfe, Sie machen mich ja nackt.“ Sie protestiert vergeblich.

Die Liste geht weiter: Bewohner, die mit weit offener Hose herumlaufen müssen; die bis 11 Uhr halb angezogen, frierend und ungewaschen auf der Bettkante sitzen, weil die Schwestern keine Zeit haben, sie fertig zu machen; die schon um 15 Uhr ins Bett gebracht werden, weil die Pflegerinnen sonst bis zum Abend nicht fertig werden. „Würde man derartige Vorfälle auf offener Straße beobachten, würde man als Augenzeuge ohne Zweifel sofort eingreifen“, klagt Maria M. Doch in dem Heim herrsche Schweigepflicht, es würden Repressalien angedroht, sollte jemand versuchen, die Zustände anzusprechen. „Hier sind die Bewohner keine zahlenden Kunden mit Menschenrechten, sondern werden gedemütigt und schikaniert“, schreibt sie.

Sie ist nicht allein mit ihren Ansichten. Auch eine Kollegin wollte die „unmenschlichen Zustände, die in diesem Heim an der Tagesordnung sind“, nicht weiter dulden. Auch sie schrieb an den MDK. Sie schildert, wie eine Auszubildende eine Seniorin für einen Spaziergang ankleiden soll. Obwohl die Zimmernachbarin männlichen Besuch hat, zieht die angehende Pflegerin die alte Frau aus. Der Besucher fragt, ob er den Raum verlassen soll. Er erhält die Antwort: „Passt schon.“ Als die Auszubildende nach einem Kleidungsstück greift, fällt die Seniorin nach hinten. Sie kann nicht ohne Unterstützung sitzen, sie liegt da: nackt, hilflos.

Der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek ist schockiert: „Diese Probleme müssen doch so viele Menschen gesehen haben“, sagt er. „Die beste Heimaufsicht wären aufmerksame Angehörige.“ Aber das Frühwarnsystem in Markt Schwaben habe offensichtlich versagt.

Das Seniorenzentrum war schon mehrfach in den Schlagzeilen. 2005 wurde dem damaligen Heimleiter vorgeworfen, während der Arbeitszeit „Sauforgien“ und im Vollrausch „Rollstuhlrennen“ veranstaltet zu haben. Er wurde entlassen. Im April 2008 starb Gerda Jorga, eine demenzkranke Seniorin, nachdem sie auf einer Treppe gestürzt war. Ihr Sohn Rolf hatte mehrfach auf dieses Sicherheitsrisiko hingewiesen. Als engagierter Heimbeirat und Vertreter der Senioren-Union schrieb er Briefe an die Leitung, er schlug kostengünstige Lösungen vor – doch es passierte nichts. Seine Mutter stürzte wie befürchtet. Und starb.

Carina Lechner

Auch interessant

Meistgelesen

Bombenalarm am Gymnasium Tutzing: Polizei gibt Entwarnung
Bombenalarm am Gymnasium Tutzing: Polizei gibt Entwarnung
Gefahr für Autofahrer: Polizei erschießt flüchtigen Stier
Gefahr für Autofahrer: Polizei erschießt flüchtigen Stier
Unfassbar: Mann überfährt Zwölfjährige mit Absicht
Unfassbar: Mann überfährt Zwölfjährige mit Absicht
Flugzeugteil auf Weide gestürzt - das sagt der Landwirt
Flugzeugteil auf Weide gestürzt - das sagt der Landwirt

Kommentare