Thema "Jugendsprache"

Fluchen für Grundschüler: Eltern geschockt

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Ein Handzeichen, diverse Bedeutungen: Die fünf ausgestreckten Finger (unten) bedeuten in Deutschland: „Stopp“. In Zimbabwe heißt diese Geste: „Ich wähle die Demokraten.“ In Griechenland allerdings sagt man, das jemand etwas Unappetitliches essen soll.

Neukeferloh - In der Grundschule in Neukeferloh laufen die Eltern Sturm. Denn die Jugendsozialarbeiterin hat die sechs- bis zehnjährigen Kinder mit dem Thema „Jugendsprache“vertraut gemacht. Von den vulgären und beleidigenden Ausdrücken sind die Eltern schwer geschockt.

Auf den ersten Blick mutet die Geschichte von einem Indianer und einem Cowboy, die sich in der Wüste per Handzeichen verständigen, kindgerecht an. Es geht um Missverständnisse zwischen Kulturen. So jedenfalls beginnt der Handzettel, den Jugendsozialarbeiterin Christina Findeisen in der Projektwoche an die Schüler aller Klassen verteilt hat. Die Handzeichen und ihre Erklärung dazu sind allerdings weniger harmlos. Zeigefinger und Daumen zu einem „O“ geformt, bedeute in Brasilien etwa: „Symbol für eine Körperöffnung.“ Die flache Hand auf die Faust geschlagen, heißt übersetzt: „diverse Beleidigungen um den Koitus“. Und so setzen sich die Erklärungen mit noch viel heftigeren Sexualausdrücken fort. Auf einem weiteren Arbeitsblatt sind Beleidigungen gegen Mütter aufgeführt. Etwa: „Ich hab als Kind gegen Dinge gepinkelt, die schlauer waren als deine Mutter“.

Viele Eltern waren entsetzt über die Zettel. „Es sind einige Kinder irritiert nach Hause gekommen, ein Sohn hat seine Mutter gleich mit den neu gelernten Beleidigungen beschimpft“, sagt Elternbeiratsvorsitzender Patrick Upmann. Auch seine Tochter, die die zweite Klasse besucht, habe sich ungewohnt aufgewühlt verhalten. Und die Eltern fragen sich nun: Was hat das mit pädagogisch wertvollem Unterricht zu tun? Müssen Kinder mit solchen Kraftausdrücken in dem Alter konfrontiert werden? „Wir wussten nicht einmal was von dem Projekt und deren Inhalten“, ärgert sich Upmann. Das Vertrauen in die Schulleitung sei völlig weg: „Ich habe immer geglaubt, wenn mein Kind in die Schule geht, dann nimmt es etwas Gutes mit.“ Vergeblich hätten die Eltern versucht, mit Rektorin Antje Pelters Kontakt aufzunehmen. Einige haben sich inzwischen beim Schulamt beschwert. Seit der Ärger aus der Elternschaft aufflammte, hat sich Jugendsozialarbeiterin Christina Findeisen bis auf Weiteres krank gemeldet. Zuvor, so schreibt eine Mutter bei Facebook, habe „Frau Findeisen noch vor der Unterrichtsstunde die Kinder gebeten, die Arbeitsblätter zu vernichten“.

Gegenüber dem Münchner Merkur übernimmt Schulleiterin Pelters die Verantwortung, auch wenn ihr „der Inhalt der Blätter vorab nicht bekannt“ war. „Wir haben an der Schule eine gut funktionierende Vertrauenskultur.“ Diese wurde aus ihrer Sicht von Findeisen „sicherlich nicht absichtlich missbraucht“. Die Rektorin hat die Projektgruppe aufgelöst.

Die Folgen für die Sozialarbeiterin sind noch offen. Formal untersteht sie dem Kreisjugendring (KJR), eingesetzt aber ist sie an der Schule. Pelters will sich erst mit Gemeinde, Schulamt und KJR abstimmen und dann eventuell auf einen Personalwechsel drängen, denn das Vertrauensverhältnis ist gestört. Über den Inhalt der Arbeitsblätter ist sie umso mehr erstaunt, als sie und ihre Kollegen im Vorfeld der Projektwoche die Sozialarbeiterin mehrmals auf die Sensibilität des Themas hingewiesen haben.

Bürgermeister Klaus Korneder (SPD) ist „sehr überrascht von der Situation“. Er kann die „Besorgnis und Verärgerung der Eltern nachvollziehen“ und will die Beteiligten, Schulleitung, Elternbeirat und KJR möglichst noch diese Woche zu einem Gespräch zusammenbringen.

In einer gemeinsamen Stellungnahme von KJR und Schule heißt es dass man die Arbeitsblätter mit den Handzeichen und Beleidigungen nur in Zusammenhang mit den Aufgabenblättern sehen dürfe, die ebenfalls verteilt wurden. „Hierbei ging es um eine reflektorische Herangehensweise an möglicherweise beleidigende Ausdrücke“, heißt es. Es sei in diesem Kontext auch das Thema „Gewaltfreie Kommunikation“ behandelt worden. „Von diesen zwingend zusammengehörenden Blättern sind nur die Arbeitsblätter außerhalb der Schule öffentlich gemacht worden, was zu Missverständnissen geführt habe. In dem Schreiben räumen Schulleitung und KJR aber auch ein, dass es versäumt wurde, die Eltern zu informieren und sprechen von einer „unglücklichen Verkettung“. Christine Findeisen sei seit mehr als fünf Jahren als geschätzte Jugendsozialarbeiterin an der Schule tätig und handele auch in eigener pädagogischer Verantwortung.

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