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Was passiert, wenn der Strom tagelang ausfällt? Katastrophenschutz plant für den schlimmsten Fall

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Von: Sebastian Tauchnitz

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Der Fall mag nicht sehr wahrscheinlich sein, kann aber auch nicht ausgeschlossen werden: Was passiert, wenn Hacker oder Katastrophen die Energieversorgung flächendeckend lahmlegen? Beim Katastrophenschutz bereitet man sich auf diesen Fall vor.

Weilheim – Im Juli 2021 rief der Landkreis Anhalt-Bitterfeld den Katastrophenfall aus. Hacker hatten die gesamte IT-Anlage des Landratsamtes übernommen und forderten Lösegeld. Es sollte Monate dauern, bis die Systeme komplett wiederhergestellt waren. Seitdem vergeht kaum eine Woche ohne Nachrichten darüber, dass wieder ein anderes Großunternehmen nicht arbeiten kann, weil Hacker den Zugriff auf die IT-Systeme gesperrt haben.

Bislang ist das vor allem ärgerlich, mit hohen Kosten und Stress verbunden. Es ist aber in der Regel nicht lebensgefährlich. Bislang sind es aber auch vor allem Kriminelle, die sich mit den Hackerangriffen den schnellen Reibach versprechen.

Angriff russischer Hacker auf Energienetze kann nicht ausgeschlossen werden

Ein Angriff auf die Rechner, die unsere Infrastruktur am Laufen halten, kann aber genauso ein kriegerischer Akt sein. Zu Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine waren die Befürchtungen groß, dass russische Hacker unsere Energieversorgung lahmlegen könnten. Diese Sorge ist nach wie vor vorhanden, und sie ist nicht unbegründet. Deutschland liefert Waffen an die Ukraine, hat scharfe Sanktionen gegen Russland beschlossen. Ein Cyberangriff als Vergeltungschlag kann nicht ausgeschlossen werden.

„Man ist gut beraten, sich bereits jetzt Gedanken über den Fall zu machen, der hoffentlich nie eintritt“, sagt Martin Krenner, der beim Landratsamt Weilheim-Schongau für den Brand- und Katastrophenschutz zuständig ist.„Dabei geht es nicht darum, Ängste zu schüren oder Panik zu verbreiten“, so Krenner. Ganz im Gegenteil: Je besser man vorbereitet sei, umso ruhiger könnten alle schlafen.

Es gibt viel zu tun, viel zu bedenken. Denn ohne elektrischen Strom läuft in der modernen Welt des Landkreises Weilheim-Schongau so gut wie nichts. Kein Wasser, keine Heizung, keine Zapfsäule, kein Telefon, kein Internet, kein Funkmast, kein Handy.

Energieversorger bereiten „Insellösungen“ vor

„Wir sind deswegen im Austausch mit den Energieversorgern. Von denen treffen einige Vorbereitungen für einen ,Inselbetrieb‘“, so Krenner. „Inselbetrieb“ bedeutet, dass im Falle eines Ausfalls der überregional vernetzten Energieversorgung umgeschaltet werden kann auf regionale Erzeugung.

Mittlerweile wird in der Region sehr viel Strom dezentral regenerativ erzeugt. Vor allem die Photovoltaikanlagen, die derzeit wie Pilze aus dem Boden sprießen, erzeugen eine Menge Energie. Wahrscheinlich nicht genug, damit alles wie gewohnt weitergeht, aber genügend, um die wichtigsten Abnehmer in der Region zu versorgen. Nun müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass im Notfall der Schalter umgelegt werden kann und all die Stromerzeuger im Landkreis die Grundversorgung sicherstellen.

Doch selbst wenn das nicht funktionieren würde, ist noch nicht alles verloren. „Gerade hier bei uns auf dem Land sind viele besser vorbereitet, als man meint – schwieriger dürfte es vor allem in den großen Städten werden“, sagt Florian Steinbach, Leiter der Bau- und Liegenschaftsverwaltung beim Landkreis.

Was sollte man zu Hause als Notvorrat haben?

Ja, das bedeute, dass es keine schlechte Idee ist, wenn man sich als Privatmann Gedanken darüber macht, wie gut man auf den Fall der Fälle vorbereitet ist. „Es gibt beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Listen, was in einen Notvorrat im Haus gehört“, so Steinbach weiter. Ein paar Flaschen Trinkwasser (zwei Liter pro Tag) zum Beispiel, Konservendosen, eine LED-Campingleuchte sowie einen Gaskocher oder -grill. Wer einen Holzofen hat, sollte darauf achten, dass genügend Holz vorhanden ist, wer auf Medikamente angewiesen ist, sollte sich einen Vorrat für einige Wochen anlegen. Denn ist der Strom längerfristig weg, bricht auch die Logistik zusammen.

Florian Steinbach präsentiert das große Notstromaggregat im Amtsgebäude 2 des Landratsamtes, das 150 Stunden laufen kann.
Florian Steinbach präsentiert das große Notstromaggregat im Amtsgebäude 2 des Landratsamtes, das 150 Stunden laufen kann. © EMANUEL GRONAU

Sollte im Landkreis das Licht ausgehen, springen in verschiedenen Gebäuden die Notstromaggregate an, erklärt Florian Steinbach. In den Krankenhäusern sorgen Pufferbatterien dafür, dass im OP selbst bei einem Stromausfall die Maschinen nicht ausgehen, bis die Notstromaggregate angelaufen sind. Zwei Gebäude des Landratsamtes sind mit derartigen Aggregaten ausgerüstet, die mit Dieselmotoren Strom erzeugen: An der Pütrichstraße 8 steht ein kleineres Aggregat, das das Rechenzentrum des Landratsamtes mit Strom versorgen soll. Im Amtsgebäude 2, in dem auch der Katastrophenschutz sitzt, ist eine größere Anlage installiert, die bis zu 150 Stunden lang für Strom sorgt.

Wasserversorger brauchen Strom - Aggregate werden gekauft

Besonders wichtig sei, dass sich die Wasserversorger auf einen längerfristigen Stromausfall vorbereiten, erklären Krenner und Steinbach. „Eine Gemeinde wie Ohlstadt ist fein raus, die haben ihren Hochwasserbehälter oberhalb des Dorfes auf dem Berg stehen – das funktioniert durch das Gefälle auch ganz ohne Strom. In Weilheim gibt es auch einen Hochbehälter. Doch hier muss das Wasser mit Pumpen hineinbefördert werden. Ohne Strom geht da nichts“, so Steinbach. Wohl dem, der dann ein Notstromaggregat anstellen kann.

Wassermeister Franz Seiler im Weilheimer Hochbehälter. Beide Weilheimer Brunnen sind mit Notstromaggregaten ausgestattet.
Wassermeister Franz Seiler im Weilheimer Hochbehälter. Beide Weilheimer Brunnen sind mit Notstromaggregaten ausgestattet. © EMANUEL GRONAU

Deswegen habe der Katastrophenschutz bereits Anfang März im Rahmen einer Bürgermeisterbesprechung alle Gemeindechefs informiert und sensibilisiert, stehe in Kontakt mit Wasserver- und Abwasserentsorgern, habe einen „Arbeitskreis Blackout“ gegründet, der sich intensiv mit diesen Themen beschäftigt.

Und es gibt viel zu bedenken. Notstromaggregate sind super, nützen aber nichts, wenn sie nicht laufen, weil kein Diesel mehr zu bekommen ist. „Wir sammeln deshalb gerade Daten, wie viel Diesel die Aggregate der Rettungskräfte, der kritischen Infrastruktur und der Versorger benötigen“, sagt Krenner. Und ja, im zweiten Schritt müsse man dann schon einmal überlegen, ob man nicht irgendwo ein Treibstoffdepot anlegt, bei dem sich die Genannten im Fall der Fälle versorgen können.

Öffentliche „Leuchtturm-Gebäude“ sollen Licht, Wärme und Kommunikation bieten

Der Bedarf wird groß sein, so viel ist klar. Denn wenn tagelang der Strom ausfällt, sitzen die Menschen in ihren kalten, dunklen Wohnungen. Ohne Möglichkeiten, einkaufen zu gehen, sich aufzuwärmen, mit ihren Angehörigen in Kontakt zu treten. „Da sollte es idealerweise in jeder Gemeinde einen ,Leuchtturm‘ geben“, sagt Florian Steinbach. Ein öffentliches Gebäude, wo man sich aufwärmen kann, wo Licht brennt, in dem man notfalls Kontakt herstellen kann. Das kann ein Feuerwehrhaus sein, ein Rathaus, eine Turnhalle, ein anderes zentrales Gebäude. „Da überlegen wir gerade gemeinsam mit den Gemeinden, was das sein könnte“, so Krenner.

Ein großes Problem im Falle eines Blackouts sei auch die Kommunikation. Der Digitalfunk, den Rettungskräfte und Polizei seit ein paar Jahren nutzen, wird wahrscheinlich nicht mehr funktionieren, weil dabei an bestimmten Stellen eine Anbindung ans Internet nötig ist, erklärt Krenner. Doch zum Glück lagert in den Kellern der Feuerwehren, des Landratsamtes und der Rettungskräfte noch ein historischer Schatz: Die alten Funkgeräte, die man hegt und pflegt.

Zum Glück liegt die alte Funktechnik noch im Schrank

Erst heuer haben sogar schon wieder Übungen stattgefunden, um zu prüfen, ob die alte Technik noch funktioniert und sicherzustellen, dass diese verwendet werden kann. „Wir sind da auch topografisch in einer guten Lage“, so Krenner. Denn auf dem Hohen Peißenberg steht noch eine alte Sendeanlage, die in Betrieb gehalten wird und dafür sorgen soll, dass keine Gemeinde gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten wäre. Zudem pflegt man die Lautsprecheranlagen, die auf Autos montiert werden können, um die Bevölkerung mit Durchsagen zu informieren.

Man habe sich auch bereits mit dem Bayerischen Rundfunk in Verbindung gesetzt. Denn auch wenn es bei einem Blackout keine Zeitung, kein Internet und kein Fernsehen mehr geben sollte – die Radiosender sollen zur Nachrichtenvermittlung angeschaltet bleiben. „Ein batteriebetriebenes Radio im Haushalt zu haben, ist also ebenfalls ratsam“, so Florian Steinbach vom Landratsamt weiter. Man müsse dafür jetzt auch nicht gleich ins nächste Geschäft rennen: „Jedes Auto ist, wenn man es genau nimmt, auch ein batteriebetriebenes Radio.“

Wie viel Vorbereitung ist nötig, wie viel ist rausgeworfenes Geld?

Am Ende stellt sich – egal ob Privatmann, Unternehmen, Gemeinde oder Landkreis – allen die gleiche Frage: Wie viel Vorbereitung ist nötig, wie viel ist zu viel? Der Katastrophenschutz hat weitere Notstromaggregate bestellt. Und auch dabei ist es wie mit den meisten anderen Dingen in diesen Tagen: die Lieferbarkeit nimmt ab, die Kosten steigen unaufhörlich.

Auch bei den Investitionen des Landkreises bewege man sich immer im Spannungsfeld zwischen dem, was ideal wäre, und dem, was man finanziell darstellen kann, so Florian Steinbach.

Lieber jetzt planen als später im Dunkeln zu sitzen

Derzeit prüft das Landratsamt, ob noch weitere Dächer der kreiseigenen Liegenschaften für eine PV-Anlage geeignet wären. Wolle man alle Anlagen für einen Inselbetrieb fit machen, brauche man jeweils einen – sündhaft teuren – Batteriespeicher. „Da muss man dann schon überlegen, wie viel es bringen würde, wenn man eine Schule versorgen kann“, so Steinbach.

Zudem ist der Fall, dass in der Region wirklich für mehrere Tage der Strom ausfallen wird, nach wie vor recht unwahrscheinlich. „Aber Louis Pasteur hat einmal gesagt: ,Das Glück bevorzugt den, der vorbereitet ist’“, sagt Steinbach zum Ende des Gesprächs. Will meinen: Wenn man im Dunkeln sitzt und dann anfängt, sich Gedanken zu machen, ist es zu spät.

Weitere Informationen

zur Notfallvorsorge finden sich auf der Website des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe unter www.bbk.bund.de. Hier kann der lesenswerte „Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen“ heruntergeladen oder als Broschüre bestellt werden.

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