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Weil sie zu gute Noten gab: Lehrerin strafversetzt!

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Sabine Czerny mit ihrem neuen Buch.

München - Die Schüler von Sabine Czerny haben Spaß am Lernen und schreiben gute Noten. Doch statt für ihr Engagement belobigt zu werden, wurde die Lehrerin wegen „Störung des Schulfriedens“ strafversetzt, bedroht und boykottiert.

Vom Schulrat bekam sie zu hören: „Frau Czerny, als angehende Rektorin – und das wollen Sie doch werden, oder? – erwarten wir von Ihnen, dass Sie sich an das Niveau der Parallelklassen anpassen.“

Nach dem Hickhack wurde sie an eine neue Schule versetzt, wo sie eine als schwierig geltende vierte Klasse bekam. Es gelang der Lehrerin aus dem Münchner Umland aber, die Schüler zu guten Leistungen zu motivieren. Doch auch hier war der Schulleiter darüber alles andere als erfreut: „Frau Czerny, auch bei Ihnen muss es Vierer, Fünfer und Sechser geben!“ Die 38-Jährige ließ sich trotz des Drucks von oben nicht einschüchtern.

22 Expertentipps für Erfolg in der Schule

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In dem Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“ (Südwest Verlag, 17,99 Euro, 384 Seiten) breitet die Grundschullehrerin ihre Vision davon aus, wie eine bessere Schule aussehen könnte. In der tz erklärt sie, warum sich in unserem Schulsystem so viele Kinder als Versager fühlen, die Lust am Lernen verlieren und sogar krank werden.

Frau Czerny, Sie wurden gerügt, weil Sie Ihren Schülern keine Fünfer und Sechser gaben. Waren Ihre Schüler so gut – oder Sie zu nett?

Sabine Czerny: Ich habe nicht einfach nur gute Noten verschenkt! Es waren klassenübergreifende Proben, das heißt, in den Parallelklassen wurden genau dieselben Fragen gestellt.

Sie halten Noten für die falsche Art der Leistungsmessung. Aber bringt die Abschaffung von Noten denn wirklich etwas? Kinder vergleichen sich doch auch ohne Noten untereinander…

Czerny: Kinder vergleichen sich nur situativ und machen daraus keine allgemeine und wertende Aussage. Es ist für Kinder kein Problem, in einem spielerischen Wettrennen zu verlieren, wenn es morgen eine neue Chance gibt. Kinder leiden aber darunter, wenn sie ständig von Außen beurteilt werden und durch schlechte Noten in eine Verliererposition gedrängt werden, die sie die ganze Schulzeit über nicht mehr loswerden. Ich habe selbst erlebt, dass Kinder sich mit ihren Noten identifizieren und sagen: Ich habe eine Vier – ich bin ein schlechter Mensch. Wenn Kinder jahrelang in unserem Notensystem vermittelt bekommen, sie seien unfähig, geben sie sich irgendwann auf und hören auf zu lernen.

Wie könnte man faule Schüler motivieren, wenn es keine Noten mehr gäbe?

Czerny: Unser Schulsystem produziert ja die Kinder, die nicht lernen wollen! Wenn Kinder ständig ihr Versagen durch Vierer oder Fünfer vorgeführt bekommen, verlieren sie die Lust am Lernen. Wir Lehrer versuchen dann verzweifelt, im persönlichen Gespräch das Selbstbewusstsein der Kinder wieder aufzubauen. Aber die Kinder glauben der Fünf auf der Probe mehr als den Worten der Lehrerin. Zudem sollten wir erkennen, dass alle Kinder gerne lernen, wenn sie sinnhaft und für sich lernen und es nicht nur darum geht, Kriterien anderer zu genügen.

Wie viel Schuld hat unser Schulsystem an den derzeit viel diskutierten Integrationsproblemen?

Czerny: Meines Erachtens eine große. Die Migrantenkinder beherrschen die Sprache anfangs häufig nicht so gut, sie stammen oft aus bildungsfernen Elternhäusern: Bei der Leistungsbewertung ist das dann so, als würden sie einen Wettlauf auf die Zugspitze machen, bei dem die einen vom Eibsee aus und die anderen von München aus loslaufen! Und unterwegs an den Mess-Stationen bekommen nur die ersten fünf was zu essen oder zu trinken. Ich erlebe in den unteren Klassen, dass alle Kinder lernen wollen und sich reinhängen – aber drei Jahre später haben sie nach ein paar Fünfern völlig resigniert. Noten werden relativ gegeben, so gibt es unweigerlich die Verlierer. Und das sind dann eben meist Kinder mit Migrationshintergrund oder aus benachteiligten Familien. Das müsste nicht sein. Diese Kinder sind nicht dümmer.

Bayern ist stolz auf die guten PISA-Ergebnisse. Mit Recht?

Czerny: Nein, weil diese ganzen Studien nichts sagen über die Sozialkompetenz, über den Gesundheitszustand der Kinder, über ihre Kreativität. Was wir haben, ist keine Bildung, sondern ein Hamsterrad, das sich in Bayern einfach noch mal schneller dreht als woanders. Wenn ein Kind wiedergeben kann, was im Unterricht durchgenommen wurde, ist das in unserem Notensystem eine Vier. Dieses für Einser oder Zweier erforderliche Mehr bekommen meist nur Kinder aus privilegierten Elternhäusern hin, die einen Vorsprung und eben auch die zusätzliche Hilfe durch die Eltern haben. Die anderen Kindern schließen wir aufgrund dieser Notengebung von höherer Bildung aus.

Wie hat das Kultusministerium darauf reagiert, dass Sie unser Schulsystem in Ihrem Buch so massiv infrage stellen?

Czerny: Bislang habe ich keinerlei Reaktion bekommen. Von Kollegen und Eltern erhalte ich jedoch sehr viele positive Rückmeldungen, nach dem Motto: Endlich bringt mal jemand die Problematik auf den Punkt!

Klaus Rimpel

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