Inzwischen ist sie verzweifelt

„Haustierbesitzer“ haben Vorrang: Alleinerziehende Mutter sucht Wohnung - und erlebt herbe Enttäuschung

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Ein regelmäßiges Ritual: Ivanna Timpanidu und ihr Sohn Alexander bereiten gemeinsam ihr Abendessen vor.

Ivanna Timpanidu und ihr Sohn (13) müssen aus ihrer Wohnung ausziehen und finden keine neue Bleibe. Auf Bewerbungen erhalten sie nur Absagen – jüngst eine besonders dreiste.

Weilheim– Papier bedeutet Geldsegen, Reis, dass eine spannende Reise bevorsteht, das Lorbeerblatt Anerkennung, und Buchweizen verspricht eine Liebes-Affäre oder ein anderes unerwartetes Ereignis im kommenden Jahr. Ivanna Timpanidu hat Teigtaschen gekocht an diesem Abend. In einigen der mit Kartoffelbrei gefüllten Nudelteig-Paketchen finden sich Hinweise darauf, was das Jahr so bringt – es ist nämlich der Vorhersagetag, den sie aus ihrer ukrainischen Heimat mitgebracht hat.

Wenn es nach Ivanna Timpanidu geht, könnte fast alles so bleiben, wie es ist: Sie hat eine Vollzeit-Arbeitsstelle, bei der sie sich wohlfühlt, hat ihren 13-jährigen Sohn Alexander, auf den sie stolz ist, lebt gerne in Weilheim und hat nette Freunde gefunden. Aber eines fehlt: Ivanna Timpanidu sucht eine Wohnung für sich und ihren Sohn. Als die Vermieter vor einem Dreivierteljahr Eigenbedarf angemeldet hatten, hat sie mit der Suche begonnen. „Am Anfang dachte ich, ich finde etwas“, erzählt sie. Sie hat allen Freunden, Bekannten und Kollegen Bescheid gesagt, einen Aushang im Kinderhaus gemacht, in dem sie arbeitet, Zeitungen studiert, Suchaufträge gestartet, immer wieder die Immobilienplattformen durchforstet – erfolglos.

Alleinerziehend? Da erlischt das Interesse der Vermieter schnell

Zwei Mal wurde sie bislang zu Wohnungsbesichtigungen eingeladen. Eine war in Peißenberg, was für sie eigentlich nicht infrage kommt, denn sie hat kein Auto und möchte ihren Arbeitsplatz in Weilheim behalten. Zudem geht ihr Sohn aufs Weilheimer Gymnasium, hat hier seine Freunde und seine Hobbys. „Es ist wichtig für uns, dass alles an einem Ort ist“, sagt die alleinerziehende Mutter. 200 bis 300 Euro pro Monat mehr zu zahlen, um zwischen dem Wohnort und Weilheim zu pendeln, das übersteigt die finanziellen Möglichkeiten der Kinderpflegerin.

Für diese Zwei-Zimmer-Wohnung in Weilheim hat sich Ivanna Timpanidu jüngst beworben.

Die andere Wohnung, die sie besichtigen durfte, sei in Weilheim gewesen, ganz in der Nähe ihrer Arbeit, aber als der Vermieter erfahren habe, dass sie mit ihrem Kind einziehen möchte und alleinerziehend ist, sei er nicht mehr interessiert gewesen. Dass das Interesse schnell erlischt, wenn sie sagt, dass sie alleinerziehend ist, hat sie in der vergangenen Monaten oft erlebt. Zu den Wohnungsbesichtigungen wird sie dann gar nicht mehr eingeladen. Dabei könnte sie sich 800 bis 850 Euro Warmmiete leisten, das hat sie sich genau durchgerechnet. Eine Zweizimmer-Wohnung würde ihr genügen. Aber in Weilheim ist bezahlbarer Wohnraum so knapp, dass sich die Vermieter ihre Traummieter aussuchen können. Und Kinderpflegerin Timpanidu hat bislang noch nicht dazugehört. „Es ist zu wenig auf dem Markt“, sagt sie resigniert.

„Wir haben uns vorerst auf die Haustierbesitzer beschränkt“

Jüngst hat sie sich wieder für eine Wohnung interessiert. Auf die Bewerbung der Alleinerziehenden folgte die Absage: „Wir haben unerwartet viele Anfragen erhalten und haben uns deshalb vorerst auf die Haustierbesitzer beschränkt“, lautete die Begründung. Aus der anfänglichen Gelassenheit ist inzwischen schon fast Verzweiflung geworden. Zum ersten Mal fühlt sich sich, als ob sie nicht dazugehört. „Es ist wie ein Schandfleck. Mit meinem Status bin ich wie aus der Gesellschaft weggeschoben.“ Auch wenn sie schwere Zeiten hinter sich hat, so alleingelassen wie diesmal bei der Wohnungssuche habe sie sich noch nie gefühlt.

Ivanna Timpanidu ist kein Einzelfall. Alleinerziehende Mütter haben in Weilheim nur noch wenig Chancen, eine Wohnung für sich und ihr Kind zu ergattern. Weil die Kinderpflegerin inzwischen wenig Hoffnung hat, eine Bleibe auf dem freien Markt zu ergattern, hat sie sich nun auf die Warteliste für eine Sozialwohnung setzen lassen – so peinlich ihr das auch ist. Wartezeit: zwei bis drei Jahre. Dabei möchte sie die Wohnung, die sie eigentlich schon vor Monaten verlassen haben sollte, so schnell wie möglich räumen.

Dass die Warteliste derer, die dringend eine Sozialwohnung benötigen würden, in Weilheim stetig wächst, kann auch der Leiter des städtischen Sozialamtes, Klaus Grünbauer bestätigen: „Es sind so viele wie noch nie.“

Ivanna Timpanidu hat nun die Hoffnung, dass sich auf dem freien Markt ein Vermieter findet, der ihr eine Wohnung gibt, obwohl sie eine alleinerziehende Mutter ist. Damit ihr Sohn und sie einen Platz haben, an dem sie die kommenden Jahre den Vorhersagetag begehen können.

Aber Hallo! 

Wenn Sie etwas erlebt haben, das Sie berichtenswert finden, können Sie sich gerne bei der Redaktion der Heimatzeitung melden unter Telefon 0881/189-26.

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