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Massiver Personalmangel: Kinderarzt-Praxis schlägt Alarm - bald warten Patienten hier Wochen auf Termin

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Von: Veronika Mahnkopf

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Ohne Personal wird es eng: Kinderarzt Dr. Martin Schöniger mit dem drei Wochen alten Samu und seiner Mama.
Ohne Personal wird es eng: Kinderarzt Dr. Martin Schöniger mit dem drei Wochen alten Samu und seiner Mama. © EMANUEL GRONAU

In der Weilheimer Kinder- und Jugendarztpraxis wird die Situation immer kritischer: Weil die letzte Vollzeitkraft gekündigt hat, droht ein echter Engpass.

Weilheim - Kathrin Sebök spielt jeden Morgen Tetris. Nicht im gemütlichen Level, in dem die Steine in aller Ruhe nach unten sinken und man sie entspannt dreht und dann einen Platz dafür sucht. Sebök spielt im schwersten Level. Die Steine sind: Patiententermine, Anrufe, Emails, Dienstplan, Hygienekonzept, Warenbestellungen. Und sie kommen im Sekundentakt herangesaust. Kathrin Sebök ist Praxismanagerin in der Kinder- und Jugendarztpraxis in Weilheim, einer Gemeinschaftspraxis mit drei Haupt-Ärzten und vier angestellten Medizinern. Die einzige Kinderarztpraxis der Kreisstadt und mehr oder weniger der Umgebung. Und eine Praxis mit einem echten Problem.

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Kinderarzt-Praxis leidet unter Personalmangel: MitarbeiterInnen zu finden ist sehr schwer

Eigentlich sind es zwei Probleme: Das erste heißt Corona-Pandemie, damit kämpft jeder. Das andere aber macht die Lösung des ersten und auch den normalen Praxis-Alltag zunehmend schwer: Fachkräftemangel. Die Kinderarztpraxis hat ein massives Personalproblem: Mitte März ging die letzte Vollzeitkraft im Praxisteam. Übrig bleiben: Elf Teilzeitangestellte und drei Auszubildende, die Fachrichtungen sind Medizinische Fachangestellte (MFA), Kinderkrankenschwester und eine Quereinsteigerin. Das klingt jetzt viel, aber: Sie sind eben alle nur an manchen Tagen oder nur einige Stunden im Einsatz. Manche arbeiten auch in den Außenstellen der Praxis in Peißenberg und Seeshaupt. Und: Neun Mitarbeiterinnen haben kleine Kinder - fallen also immer wieder aus, weil das eigene Kind nicht fit ist. Es fehlen zwei Vollzeitmitarbeiter - mindestens. Die Aussichten jemanden zu finden? Schlecht.

Kathrin Sebök versucht täglich, den Personalmangel im Team auszugleichen - der Dienstplan wird dann dementsprechend chaotisch.
Kathrin Sebök versucht täglich, den Personalmangel im Team auszugleichen - der Dienstplan wird dann dementsprechend chaotisch. © EMANUEL GRONAU

Kathrin Sebök hat an diesem Mittwochmorgen um 7.10 Uhr die zwölf PCs der Praxis hochgefahren, den „Verteiler“ für Ärzte und Sprechzimmer ausgedruckt und vor allem: das Email-Postfach kontrolliert. „80 Emails waren neu da. Manche verschickt um 3 Uhr morgens“, erzählt Sebök. Das eine Kind hatte nachts Ohrenschmerzen und sehr hohes Fieber, das andere einen Pseudokrupp-Anfall. Und dann sind da auch noch ganz viele Mails, in denen Eltern um Termine oder Rezepte bitten. Hier beginnt das Tetris. „Wir schauen in Absprache mit den Ärzten erstmal: Was ist akut, wer muss gleich kommen, wer vielleicht sogar ins Krankenhaus geschickt werden?“ Drehen und einbauen. Manchmal, in Hochzeiten im Dezember, habe sie 30 Emails bearbeitet und danach sofort wieder 30 neue im Postfach entdeckt. Die andere Tetris-Herausforderung: Praxismitarbeiter werden krank. Gerade hat eine der angestellten Ärztinnen sich mit Corona infiziert. Eine MFA fällt aus, weil ihr Kind krank ist. Jetzt müssen Termine abgesagt, verschoben, der Dienstplan umgestellt werden. Es ist 7.40 Uhr und der Tag hat noch nicht mal richtig begonnen.

Kinderarzt-Praxis in Weilheim findet keine Fachkräfte: Corona hat alles schlimmer gemacht

Wann ist es so schlimm geworden? „Seit Corona ist es kontinuierlich schwieriger geworden“, sagt Sebök. Auf der einen Seite habe sich der Praxisalltag erschwert, weil man laufend Kinder testen, Kranke nun noch konsequenter von Gesunden trennen müsse, weil die Räume noch häufiger gelüftet und desinfiziert werden müssten. Und weil das Kommunizieren mit den Eltern per Email und Telefon immer mehr wurde - schließlich sollte möglichst niemand unangemeldet in die Praxis kommen. Das fresse Zeit und Personal. Eine Mitarbeiterin sei täglich fürs Telefon abgestellt. Die hänge dann am laufenden Band am Hörer, manchmal stauen sich zwölf Anrufer in der Leitung - und die werden irgendwann ungeduldig und brüllen die Praxis-Mitarbeiterin auch mal an, erzählt Sebök.

Ich habe ehrlich gesagt keine guten Ideen mehr.

Kinderarzt Dr. Martin Schöniger

Auf der anderen Seite werde das Team immer ausgedünnter. Warum? „Die Bedingungen jetzt sind schon belastend. Wir haben die FFP2-Maske manchmal zehn bis 12 Stunden auf.“ Und es sei auch ein Generationenthema: Viele Jüngere könnten mit Arbeit und Stress nicht mehr umgehen. Verstehen könne sie nicht, warum sich niemand für eine Arbeitsstelle in der Kinderarztpraxis bewerbe. „Es ist so eine schöne Atmosphäre hier, die Ärzte sind tolle Arbeitsgeber.“

Fachkräftemangel in Weilheimer Kinderarzt-Praxis: Impf- und Testzentren zahlen besser

Dr. Martin Schöniger, einer der drei Ärztechefs der Praxis, hat noch ein anderes Phänomen ausgemacht seit Corona: „Der Arbeitsmarkt ist völlig leergefegt. Sehr viele Praxen suchen Medizinische Fachangestellte. Und es gibt sehr viele Alternativen: Krankenhäuser und Impf- und Testzentren. Die zahlen oft auch besser.“

Schöniger und seine Arzt-Kollegen Dr. Tim Schmitz und Dr. Martin Tollens hätten über diverse Kanäle Personal gesucht - ohne Erfolg. „Es bewirbt sich einer und der ist dann ungeeignet“, sagt Schöniger und wirkt resigniert. „Ich habe ehrlich gesagt keine guten Ideen mehr.“ Würden die Mitarbeiterinnen nicht „sehr gut kompensieren und hochmotiviert“ sein, sähe es noch bitterer aus. Denn die Belastung in der Kinderarztpraxis steigt gleichzeitig immer weiter. „Wir sind hier ja auch eine Art Kinder-Ambulanz. Die nächsten Kinderkliniken sind Garmisch-Partenkirchen und Starnberg.“ Außerdem biete man Fachrichtungen wie Kardiologie und Allergologie. Das alles sei personalintensiv.

Weilheim: Kinderarztpraxis leidet unter Fachkräftemangel - dabei ist der Job „wunderschön“

Und wie soll es jetzt weitergehen? „Auf einen Vorsorgetermin wird man jetzt wohl drei bis vier Monate warten müssen“, sagt Kathrin Sebök. Und Termine nach 18 Uhr werde es erstmal nicht mehr geben. „Ist ein Kind akut schlimm krank, kommt es natürlich weiter sofort dran“, beruhigt Sebök. Und hofft auf neue KollegInnen. Denn der Job ist für Sebök bei all dem Stress vor allem eins: „wunderschön. Ich habe das pure Leben vor mir!“

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