Mediziner müssen Geldstrafe zahlen

Nach Ärztefehler am Weilheimer Krankenhaus: Mutter stirbt - Ihr Mann tötet sich an ihrem Grab

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Das Grab der Frau am Weilheimer Friedhof. Hier brachte sich ihr Mann kurz nach ihrem Tod um.

Es ist eine unglaublich traurige Geschichte: Am Weilheimer Krankenhaus starb eine Mutter (43) nach einem fatalen Ärztefehler - wenige Tage später tötet sich ihr Mann an ihrem Grab. 

Weilheim – Der Mann kämpft mit den Tränen, dann überwältigen ihn die Gefühle und er weint. Als er wieder sprechen kann, sagt er: „Ich komm’ einfach nicht darüber hinweg.“ Das Drama, das das Leben des 90-Jährigen erschütterte, ist inzwischen mehr als acht Jahre her, doch noch heute ist für den alten Mann jede Sekunde so präsent, als wäre es erst gestern passiert. Es brach ohne Vorahnung in das Leben des damals 81-Jährigen. 

Bis zu jenen schrecklichen Wochen zu Jahresbeginn 2010 sei alles in Ordnung gewesen, erzählt er. Seine Töchter standen mitten im Leben, waren verheiratet, hatten Kinder, hatten ihre Berufe – und waren gesund. Als sich die Familie am 2. Januar 2010 in München zum Geburtstag der ältesten Tochter traf, war alles wie immer: Es gab Kaffee und Kuchen, es wurde geredet und gelacht, die Kinder tobten herum und es war einfach schön, sich zu sehen. 

Es fing mit einer Erkältung an - einen Tag später war Anne Werner tot

Anne Werner (Namen von der Redaktion geändert), die jüngere Tochter, war ein wenig erkältet, sie hustete ein bisschen. Es war ein ganz normales Familienfest, wie es schon viele vorher gegeben hatte. Dass es die letzte Feier in dieser Runde sein würde, dass Anne schon wenige Tage später tot sein würde, konnte keiner von ihnen ahnen.

Am 10. Januar fühlte sich die damals 43-jährige Anne Werner, die in Weilheim lebte, schwach. Sie hatte sich einen Magen-Darm-Infekt eingefangen und es ging ihr nicht gut. Der Notarzt, der zum Haus der Frau gerufen worden war, diagnostizierte eine Noro-Virus-Infektion und veranlasste um 10.20 Uhr aufgrund des schlechten Allgemeinzustandes die Aufnahme ins Weilheimer Krankenhaus. Dort wurde sie gegen 10.30 Uhr aufgenommen. Sie hatte einen Schock erlitten und befand sich in akut lebensbedrohlichem Zustand. So stand es in der Anklageschrift zur Gerichtsverhandlung, bei der Ende April 2016, mehr als sechs Jahre später, die Ereignisse aus dem Jahr 2010 strafrechtlich aufgearbeitet werden sollten. 

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Bei der Aufnahmeuntersuchung am Morgen des 10. Januar überprüften die diensthabenden Ärzte Puls und Blutdruck und stellten fest, dass die Patientin bei Bewusstsein ist. 16 Stunden später war Anne Werner tot. Sie starb am 11. Januar 2010 um 2.10 Uhr „an den Folgen eines septischen Multiorganversagens durch Herz-Kreislauf-Stillstand“, wie es im Strafbefehl steht, der sechseinhalb Jahre später erlassen wurde. 

Die Nieren versagen - trotzdem kommt sie nicht auf die Intensivstation

Obwohl der Zustand der Mutter eines zweijährigen Buben und eines vierjährigen Mädchens so schlecht war und obwohl die beiden Ärzte, die die Frau damals untersucht hatten, wohl erkannt haben, dass ihre Patientin einen Schock erlitten hatte, wurde sie zunächst nicht auf die Intensivstation verlegt. Auch nicht, als sich der Zustand weiter verschlechterte. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft haben spätestens um 11.51 Uhr die Nieren versagt. Trotzdem haben es die diensthabenden Ärzte unterlassen, ihre Patientin auf die Intensivstation zu verlegen.

Erst als das Pflegepersonal den Ärzten berichtete, dass sich der Zustand der Patientin deutlich verschlechtert hatte, veranlasste die Assistenzärztin gegen 16.45 Uhr eine erneute Blutuntersuchung und ließ die Patientin gegen 17 Uhr auf die Intensivstation verlegen. Zu diesem Zeitpunkt war der Puls nicht mehr messbar. Fünf Minuten, nachdem die zweifache Mutter auf die Intensivstation gebracht worden war, musste sie dort reanimiert werden. Doch zu diesem Zeitpunkt war es bereits zu spät. „Trotz intensivmedizinischer Maß- nahmen konnte Frau W. nicht mehr am Leben erhalten werden. Sie verstarb schließlich an den Folgen eines septischen Multiorganversagens“, heißt es im Strafbefehl. So stand es laut Pressesprecher Ken Heidenreich auch in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft München II. 

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Hans Werner, den Vater von Anne Werner, reißt in deren Todesnacht gegen Mitternacht ein Telefonanruf aus dem Schlaf. „Ihr müsst sofort kommen, Anne geht es schlecht“, habe ein Verwandter seines Schwiegersohnes gesagt. Doch noch bevor sich der 81-Jährige und seine Frau auf den Weg nach Weilheim machen konnten, kam der nächste Anruf: „Anne ist gestorben.“ „Wir sind aus allen Wolken gefallen, als es hieß, unsere Tochter ist tot“, sagt Hans Werner. Noch heute quält ihn die Frage, was passiert ist in jenen Stunden, die seine Tochter im Weilheimer Krankenhaus lag, in denen sie mit dem Tode rang – und den Kampf verlor. „Ich bin immer noch am Rätseln, was da war“, sagt er. Seinen Schwiegersohn, der das Geschehen damals hautnah miterlebte, kann er nicht mehr fragen, denn er starb wenige Wochen nach seiner Frau.

Drei Monate nach dem Tod der Mutter nimmt sich ihr Mann das Leben

Für uns alle unfassbar verließ uns plötzlich und unerwartet meine geliebte Frau und unsere liebevolle Mama“, heißt es in der Todesanzeige, die Namen des Ehemanns und die der Kinder stehen darunter. Etwa drei Monate später ist auch der Ehemann tot. „Du bist nicht mehr da, wo Du warst, aber Du bist überall, wo wir sind“, steht in seiner Todesanzeige. Darunter „In Liebe“ und die Namen der beiden Kinder. 

Er konnte den Verlust seiner Frau, den überraschenden Tod der Mutter seiner Kinder wohl nicht länger ertragen. Sah sich dem Leben ohne seine geliebte Frau nicht gewachsen. Er ging auf den Weilheimer Friedhof, an das Grab von Anne Werner, und schluckte eine Überdosis Medikamente. Nachdem er die tödliche Dosis zu sich genommen hatte, schrieb er einen Abschiedsbrief. „Ich warte auf den Tod, der mich mit Anne wieder vereint“, heißt es darin und dass er resigniert habe – vor allem, weil er den Tod seiner geliebten Frau nicht verkrafte. „Das hat mich das Leben gekostet. Ich vermisse sie so sehr.“ Er beschreibt die intensive und von Nähe geprägte Beziehung, die seine Frau und ihn verbunden hat, die 20 Jahre Gemeinsamkeit. Dann wird seine Schrift unleserlich, er bricht auf dem Grab zusammen und stirbt – an dem Tag, an dem er mit seiner Frau den zehnten Hochzeitstag gefeiert hätte. Er wird dort beerdigt, wo er sein Leben beendet hat: auf dem Weilheimer Friedhof, im selben Grab wie seine Frau. 

Hätte Anne Werner gerettet werden können?

„Selbsttötung durch Vergiftung und Verätzung aus Liebeskummer“, stellte die Polizei in ihrem Bericht zu dem Tod auf dem Friedhof im April 2010 fest. Den Abschiedsbrief hat inzwischen Hans Werner, der Vater der Verstorbenen. Er liest ihn immer und immer wieder. Er kann einzelne Sätze auswendig, so oft hat er ihn schon gelesen. Als ob ihm dieser Brief Antworten auf seine Fragen geben könnte. Vieles treibt Hans Werner um: Was ist in jener Nacht geschehen? Hätte seine Tochter gerettet werden können? Sind Fehler bei ihrer Behandlung passiert? 

Der alte Mann hatte gehofft, nun nach all den Jahren Antworten auf all die quälenden Fragen zu bekommen. Denn das Gericht sollte sich mit den Umständen beschäftigen, die zum Tod seiner Tochter geführt haben. Der Verhandlungstermin am Weilheimer Amtsgericht war bereits festgestanden: Am 26. und 27. April 2016 sollten sich zwei Mediziner wegen fahrlässiger Tötung im Sitzungssaal 18 verantworten. Der Vater, der in Baden Württemberg lebt, sollte als Nebenkläger auftreten, seine Anwältin wollte ihn begleiten. Die Zimmer für die Übernachtung in Weilheim waren bereits reserviert. Da flatterte kurz vor dem Gerichtstermin die Absage in die Kanzlei der Anwältin. Für den alten Mann war das wieder ein Schlag ins Gesicht. Nach all dem, was er bereits durchgemacht hat, seit seine Tochter gestorben ist, wieder eine Enttäuschung. „Ich habe gehofft, dass da viele Sachen aufkommen werden“, sagt Hans Werner, „vielleicht hätte ich das ein oder andere gehört, was mir Klarheit verschafft hätte.“ „Findet nicht statt“, hätte es plötzlich geheißen. Warum es keinen öffentlichen Prozess gab, kann er nicht verstehen. Auch seine Anwältin steht vor einem Rätsel. 

Die Kinder dürfen nicht zu Oma und Opa

Die Anklage, die einen öffentlichen Prozess erfordert, war nachträglich in ein schriftliches Verfahren umgewandelt worden. Damit war die öffentliche Verhandlung vom Tisch, die Sache wurde schriftlich erledigt. Das sei möglich, wenn Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidiger damit einverstanden seien und keine Gefängnisstrafe zu erwarten ist, hieß es auf Nachfrage beim Gericht.

Die Anwältin des Vaters wunderte sich sehr über diese Wendung. „Ich finde das eine Ungeheuerlichkeit“, sagt sie. Ursprünglich hatte sich der alte Mann an sie gewendet, weil er seine Enkelkinder zu sich nehmen wollte, nachdem diese innerhalb von ein paar Wochen die Mutter und den Vater verloren hatten. Doch die Anwältin konnte ihm nicht weiterhelfen. 

Die beiden Großeltern seien zu alt, um die verwaisten Enkel zu sich nehmen zu können, lautete der Beschluss der Behörden. Die beiden Kinder kamen zu Pflegeeltern, die sie inzwischen adoptiert haben. „Mein Mandant hat mir immer wieder von dem plötzlichen Tod seiner Tochter erzählt, den er nicht nachvollziehen konnte“, so die Anwältin, irgendwann habe sie sich die Krankenakte zusammen mit einem Mediziner angeschaut. „Du musst dringend etwas machen“, habe ihr dieser geraten. „Die haben das verhunzt.“ Damit waren die Ärzte im Weilheimer Krankenhaus gemeint. Schließlich hat die Rechtsanwältin Anzeige erstattet. 

Doch auch, wenn sie damals noch dachte, dass möglichst vielen an der Aufarbeitung dieses Falles gelegen sein dürfte, es sei nichts passierte, sagt die Anwältin. „Die hatten alle möglichen Ausreden. Urlaub, Krankheit, Personalwechsel. Es war mühsam.“ Doch die Juristin blieb stur. „Ich habe mir gedacht, da gebe ich jetzt keine Ruhe.“ Immer wieder habe sie nachgefragt, sei immer wieder lästig geworden, habe sich immer wieder erkundigt. 

Die Ärzte kommen mit einer Geldstrafe davon

Schließlich, Jahre, nachdem sie Anzeige erstattet hatte, hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Es wurde ein Termin für die Verhandlung festgesetzt. Zwei Ärzte waren angeklagt. Der Vorwurf: fahrlässige Tötung. Die Staatsanwaltschaft war bei ihren Ermittlungen zu dem Ergebnis gekommen, dass Anne Werner nicht zu diesem Zeitpunkt gestorben wäre, wenn schon früher intensivmedizinische Maßnahmen eingeleitet worden wären. Diese Einschätzung wurde durch das Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin gestützt, das die Staatsanwaltschaft in Auftrag gegeben hatte. Das Gutachten war zu dem Ergebnis gekommen, dass der Zustand der Patientin maximal intensivtherapeutische Maßnahmen erforderlich gemacht hätte. Anne Werner hätte früher auf die Intensivstation gebracht werden müssen.

Inzwischen steht das Ergebnis des Verfahrens fest. Die beiden angeklagten Ärzte wurden wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen per Strafbefehl zu einer Geldstrafe von 9000 und 2700 Euro verurteilt. Die beiden Mediziner haben den Strafbefehl anerkannt. Das Urteil ist rechtskräftig. Der Strafbefehl beinhaltet eine so genannte Geständnisfiktion. Mit der Annahme eines Strafbefehls haben die Angeklagten quasi ein Geständnis abgelegt. Aus dem Weilheimer Krankenhaus gibt es keine Stellungnahme dazu. 

Juristisch ist der Fall damit erledigt, doch für Hans Werner gehen die Fragen, die Ungewissheit und der Schmerz weiter. Inzwischen muss er all das alleine tragen, denn seine Frau lebt auch nicht mehr. Sie ist vor ein paar Jahren gestorben. „Sie hat das alles nicht verkraftet“, sagt Hans Werner.

Video: Nach OP muss diese Frau im Rollstuhl sitzen

Von Kathrin Hauser

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