Wenn ein Schiff auf Reisen geht

Stegen/Tutzing - 40 Kilometer Schwertransport: Die „MS Schondorf“ hat ihren neuen Einsatzort am Starnberger See erreicht – per Tieflader. Zuvor: sechseinhalb Stunden Fahrt, hunderte Schaulustige und beinahe rasierte Balkonvorsprünge.

Die meisten Hindernisse kommen von oben. Strom- und Telefonleitungen, Ampelanlagen und Äste. Was unter 5,70 Meter hängt, muss weg. Heben, drehen, schneiden, egal; denn der Tieflader, der sich am Samstagmorgen behäbig durch den Landkreis Starnberg schleppt, braucht Platz. Einmal flexen die Mitarbeiter der norddeutschen Spezialfirma für Schwertransporte ein Stoppschild vom Straßenrand. Die sechs Meter breite Ladung hätte es sonst abgesägt – bloß keine Schäden riskieren. Nicht an dieser Fracht.

Was dort auf zwölf einzeln manövrierbaren Achsen festgezurrt ist, heißt „MS Schondorf“. Ein Motorschiff, das bislang auf dem Ammersee geschippert ist. Dort wurde es wegen der Flottenmodernisierung im Linienverkehr kaum noch gebraucht. Nun soll es ab April die ausgediente „MS Berg“ auf dem Starnberger See ersetzen. Der gesamte Zug misst 36,5 Meter, wiegt 129 Tonnen. Selbst ohne sein Führerhaus, das für den Transport entfernt wurde, ragt es knapp sechs Meter in die Höhe. Die Profis des Transportunternehmens haben seinen Weg über Land Wochen vorher minutiös geplant. Die Belastbarkeit von Brücken, die Breite von Straßenzügen – alles musste passen. 40 Kilometer Planungssicherheit von Stegen am Ammersee bis nach Tutzing.

Von Stegen nach Tutzing: Bilder der Reise

MS Schondorf wird zur MS Berg

Das kleinere Problem dabei sind Landstraßen. Das größere: Ortschaften. Die erste Herausforderung wartet in Breitbrunn, einem Ortsteil von Herrsching. Hunderte von Menschen drängen sich in die Hauptstraße, um zu sehen, wie der Zug eine 90-Grad-Kurve nimmt. „Ist doch klar, dass wir da ein Event draus machen“, ruft Alfons Unfried über die zahllosen Köpfe hinweg. Er verkauft Weißwürste vor seinem Café. Das Geschäft läuft. Als sich aber der 680 PS starke Zug samt Schiff vorbeiwalzt, zückt auch Unfried seine Kamera.

Ein kurzer Stopp, dann setzt der Fahrer vor. Links wie rechts ragen Hauswände nach oben. Links wie rechts sind kaum 50 Zentimeter Raum zwischen Gemäuer und Schiff. Fünf Männer in gelben Warnwesten lotsen ihren Kollegen im Führerhaus per Funkgerät. Millimeterarbeit. „Ich hab das gestern am Computer ausprobiert“, sagt ein Mann am Straßenrand zu seinem Nachbarn. Genau diese Stelle, mit Schiffsmodell, maßstabsgetreu. „Hat nicht geklappt“, sagt er dann. Ein schlechtes Omen? Denkste. Der Zug passiert die Stelle, ohne zurücksetzen zu müssen. „Das heißt wohl, dass ich ein schlechter Konstrukteur bin“, scherzt der Mann, bevor seine Stimme im Applaus der Leute untergeht.

Dass die „MS Schondorf“ mit ihren gut 50 Jahren (Baujahr 1961) noch einmal den See wechselt, wundert viele. Und hat doch gute Gründe. „Entscheidend ist die Schiffsschale“, sagt Walter Stürzl, Geschäftsführer der Bayerischen Seenschifffahrt. „Und die ist in Ordnung.“ Auf der Werft in Stegen haben sie die „Schondorf“ überprüft. 15 bis 20 Jahre, glaubt Stürzl, könne das Schiff in diesem Zustand noch fahren. Da ist ein Transport lohnender als ein Neubau. Etwa 50 000 Euro muss die Seenschifffahrt hinlegen. Für den Polizeieinsatz, die Kräne, die den Kahn in Tutzing zu Wasser lassen und natürlich für den Transport selbst. Ein Neubau hätte Hunderttausende verschlungen.

In Pöcking wartet die nächste Hürde. Der Transport hat Andechs, Machtl–fing und Traubing schon hinter sich gelassen. Jetzt wieder so eine Kurve, an der Ecke Hindenburgstraße. Mühevoll treibt die Polizei die Schaulustigen hinter ein rot-weißes Absperrband. „Gleich nimmt der den Balkon mit“, ruft einer. Und zeigt mit dem Finger auf jene Häuserwand, auf die der Schlepper zuschleicht. Wieder sind Hunderte gekommen. Sie alle recken ihre Kameras in die Höhe. Es geht um Zentimeter, aber nichts passiert. „Wahnsinn, wie der das macht“, ist von irgendwo zu hören. Gemeint ist der Fahrer, der hin und wieder hupt. Zur Show.

Es ist ein Transport wie aus dem Bilderbuch. Alles läuft nach Plan, sogar besser. Um 13.45 Uhr ist die Schondorf in Tutzing. 15 Minuten früher als gedacht. Gut sechs Stunden Fahrt liegen hinter ihr. Das letzte Kunststück: Der Transporter muss rückwärts bis zum Ufer des Starnberger Sees geschoben werden. An der Masse vorbei, deren Zahl nun sicher an die Tausend geht. Ihre Eindrücke sind vielfältig: „Beeindruckend, die Maschinen, die Gewalt, die Masse“, sagt Bernhard Platz aus Diemendorf. „Ein Haufen Schrott“, schimpft der Obertraubinger Martin Schwarz. Carina Nitschke aus Tutzing hat sich das Schiff viel größer vorgestellt, spektakulärer.

Als die Schondorf von zwei gelben Kränen ins Wasser gehoben wird, fallen Salutschüsse, drei Mal. Im April soll es eine kleine Taufe geben, nichts großes. Dann heißt das Schiff „MS Berg“, die alte „Berg“ wird zum Reparaturschiff umgebaut. Beide bleiben in Funktion. Eine Aussicht, die Walter Stürzl gefällt: „Es ist doch schön“, sagt er, „wenn man weiß, dass es die Schiffe, wenn man in der Urne ist, immer noch gibt.“

Marcus Mäckler

Rubriklistenbild: © Andrea Jaksch

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